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Das Kunststück, zu überleben

Krimi-Satire mit der Ausstattung der Siebziger: „American Hustle“, für zehn Oscars nominiert, sorgt vor dem Bundesstart auf der Berlinale für Furore.
Von Fred FIlkorn, MZ

  • Bradley Cooper als Richie DiMaso, Jeremy Renner als Carmine Polito und Christian Bale als Irving Rosenfeld (von links) in einer Szene von „American Hustle“: Der satirische Krimi kommt am 13. Februar in die deutschen Kinos. Foto: Francois Duhamel/Tobis Film/dpa
  • Christian Bale, Amy Adams und Bradley Cooper(von links) in „American Hustle“Foto: Francois Duhamel/Tobis Film/dpa
  • David Russell, Regisseur von „American Hustle“ Foto: Jason Szenes/dpa

Berlin. Ach, die 1970er-Jahre geben einfach einen perfekten Hintergrund ab, um eine schillernde Geschichte zu erzählen. Die bunten Hemdkrägen waren flügelgroß, das Hosenbein hatte einen Schlag.

Für das Wohnungsinventar waren Inneneinrichter unter LSD-Einfluss zuständig – diese Farben! Und die Frisuren erst: Hauptfigur Irving Rosenfeld kämmt sich dilettantisch das lange Seitenhaar über die Glatze und fixiert es mit einem Kleber. Mit seinem dicken Wanst ist Christian Bale einige Speckringe von seinem Batman-Idealgewicht entfernt. Seine vernachlässigte Ehefrau Rosalyn hat sich die üppige Mähne zu einem wahren Lockengebirge auf dem Kopf zusammengesteckt. Jennifer Lawrence brilliert mit einer derart furiosen Tanzputzperformance (zum James-Bond-Song „Live and let die“), dass ihr der Oscar als beste Nebendarstellerin sicher sein sollte.

Den Golden Globe hat sich Jennifer Lawrence bereits geholt. Ebenso wie Amy Adams, die als Rosenfelds „Partnerin-In-Crime“ Sydney Prosser den übervorteilten Kunden wunderschöne blaue Augen macht.

Neben diversen Waschsalons ist das Hauptbetätigungsfeld der beiden Frauen der Trickbetrug. Sie bieten kleinen Geschäftsleuten gegen eine 5000-Dollar-Anzahlung einen üppigen Kredit an. Beides bekommen die freilich niemals zu sehen. Der etwas überambitionierte FBI-Agent Richie DiMaso lässt das Betrügerpärchen auffliegen und stellt ihnen ein Ultimatum: Entweder ihr helft mir, noch größere Fische zu fangen oder ihr wandert für Jahre ins Gefängnis.

„Hangover“-Star Bradley Cooper verleiht DiMaso mit einem zeitgemäßen Minipli feine Komik. Mit Mikro-Lockenwicklern in den Haaren sieht man ihn mit Sydney telefonieren, die sich ebenfalls gerade die Dauerwelle auffrischt. Gemeinsam mit Irving wollen die beiden Carmine Polito (Jeremy Renner), den Bürgermeister von Camden, New Jersey, der Korruption überführen.

Die Geschichte, die „American Hustle“ erzählt, geht auf eine wahre Begebenheit zurück: Ausgelöst durch die wachsende Wirtschaftskriminalität in den späten Siebzigern, kooperierte das FBI mit dem Trickbetrüger Melvin Weinberg, um die Geheimoperation „Abscam“ aufzubauen. Eine Scheinfirma, angeführt von einem falschen arabischen Scheich, die Politiker bestach und so der Korruption überführte.

Regisseur David O. Russell zeichnet ein wohltuend ambivalentes Bild seiner Protagonisten. So wirtschaftet Polito nicht ausschließlich in die eigene Tasche, sondern möchte mit den Petrodollars die heruntergekommene Spielerstadt Atlantic City auf Vordermann bringen. Dem Mann mit der mächtigen Haartolle geht es auch um Arbeitsplätze für seine Wählerschaft. Dass Polito zuhause eine bereits erwachsene, teils multiethnisch-adopierte Kinderschar versammelt hat, fügt dem nüchtern grundierten Drama einen komödiantisch-skurrilen Spritzer hinzu, der dem Film sehr gut tut.

Das schrille Zeitkolorit und die Glücksspiel-Thematik rufen immer wieder Erinnerungen an Martin Scorseses „Casino“ ins Gedächtnis. Dessen Hauptfigur Robert De Niro hat in „American Hustle“ eine kleine Nebenrolle. De Niro spielt – gewohnt abgründig-fies – Victor Tellegio, den „Ausputzer“ vom legendären Mafiaboss Meyer Lansky. Denn das viele Geld aus den Emiraten hat auch den Mob auf den Plan gerufen. Dass das eine Nummer zu groß ist für zwei kleine Trickbetrüger, ahnen Irving und Sydney sofort. Doch der etwas realitätsfremde FBI-Mann DiMaso hofft auf den großen Karrieresprung. Allerdings hat er die Rechnung ohne Irvings Frau Rosalyn gemacht, die ahnungslos und unbedarft eine Kette von Ereignissen auslöst, die nicht alle unbeschadet überstehen.

„American Hustle“ ist ein raffiniert konstruiertes Krimidrama über „Con-Artists“, Trickbetrüger, das in seiner Vertracktheit die gesamte Aufmerksamkeit des Zuschauers erfordert. Auf einer subtileren Ebene widmet sich der Oscaranwärter der Liebe zweier Seelenverwandter, die einer harten Belastungsprobe ausgesetzt wird. „Irving und Sydney müssen sich neu erfinden, um zu überleben. Und wenn sie das tun, was geschieht dann mit ihrer Liebe?“, fragt Regisseur David O. Russell. Wie bereits in seinen früheren Filmen „The Fighter“ und „Silver Linings“, die beide übrigens eine ähnliche Besetzung aufweisen, erzählt er von Menschen, die gezwungen werden, sich neu zu definieren – allen Widerständen zum Trotz.

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