MyMz

Das Leben als Möglichkeit

Spiel oder Wahrheit? Peter Stamm las bei Dombrowsky in Regensburg aus seinem aktuellen Roman „Weit über das Land“.
Von Peter Geiger, MZ

Er hatte volles Haus: Peter Stamm in der Buchhandlung Dombrowsky Foto: Geiger
Er hatte volles Haus: Peter Stamm in der Buchhandlung Dombrowsky Foto: Geiger

Regensburg.Lesungen haben mitunter etwas von Kirchenpredigten. Dann verfügen sie über die Wirkung von Barbituraten. Sie lullen ein, wiegen den Zuhörer in Sicherheit. Es gilt ja das gesprochene Wort. Wir vermögen seinem Klang nachzulauschen, sein Echo einzufangen, zehn Sekunden lang, vielleicht auch fünfzehn. Aber, wer kann das schon dauerhaft: nachhören und zuhören zugleich? Vergangenes und Gegenwärtiges überblenden? Ist man also bei einem Autor zu Gast, bei dem es auf Details ankommt, auf die Strichelchen etwa, die auf einem Vokal platziert sind, die den Unterschied von Wirklichkeits- und Möglichkeitsform markieren, mit anderen Worten: Ist man beim Schweizer Schriftsteller Peter Stamm zu Gast, dann sollte man gewappnet sein! Denn das von ihm Gelesene, seine flüchtigen Worte, sie kommen in ruhigem Modus daher, in langen, meist parataktisch gebauten Satzkaskaden. Und wirken dabei so logisch. So zwingend. Vom Hütchen aufs Stöckchen.

Wie die Liebe abhanden kommt

Thomas, der Durchschnittsmensch, verlässt Astrid, seine Gattin. Der Familienvater geht, die Mutter bleibt mit den beiden Kindern im Eigenheim zurück. Das passiert tagtäglich, ist aus dem Leben gegriffen. Und doch muss der Zuhörer, wenn der Abend vorbei, aber noch nicht verklungen ist, bei der heimischen Lektüre feststellen: Dieser Peter Stamm versteht weiß Gott sein Prediger-Handwerk. Lullt die rund 90 Besucher in der bis auf den letzten Platz gefüllten Buchhandlung Dombrowski eben nicht ein. Beunruhigt vielmehr. Stellt Fragen nach dem Gewicht der Liebe. Nach der Kräfteverteilung innerhalb einer Ehe. Ob es eine Methode gibt, die unentwegt verstreichende Zeit aufzuhalten? Dem Leben Markierungspunkte zu verleihen?

Geboren 1963 in Scherzingen im Kanton Thurgau brach Stamm sein Psychologiestudium ab, um sich als Schriftsteller komplett der Wissenschaft vom Menschen zu widmen. In seinem mittlerweile sechsten Roman (der auch auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis stand) raunt er uns zwar die Ohren voll, führt uns aber gleichzeitig meisterhaft an der Nase herum. Er lässt die Grundkonstellation völlig offen. Ist Thomas‘ Flucht, die hier auf knapp 225 Seiten erzählt wird, nur Phantasie?

Oder setzt Thomas sie doch um, seine Imaginationen, macht aus dem Konjunktiv einen Indikativ? Steht er tatsächlich auf und geht den schmalen Kiesweg am Haus entlang, um nach kurzem Zögern abzubiegen, zum Gartentor? Oder bleibt er sitzen, vorm Rotweinglas, das halbvoll noch (oder doch schon: halbleer) vor ihm steht, am Holztisch? Beides möglich! Im intensiven Publikumsgespräch bekennt sich Stamm zur gezielten Planlosigkeit beim Schreiben. Viel wichtiger sei doch, wie bei einem bildenden Künstler, das Gefühl für Form und für Linie. Also: Intuition. Das Wunder: Gerade, weil der Roman in weiten Teilen auf Skepsis und Zweifel gründet, entsteht knisternde, fast krimihafte Spannung!

Mehr aus der Kultur in der Region lesen Sie hier!

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht