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Porträt

Das Leben von Katharina Sieverding

Ein Gespräch mit der Künstlerin über Schaffen und ihre aktuelle Ausstellung „Deutschland wird deutscher“.
Von Helmut Hein

Katharina Sieverding im Kunstforum Ostdeutsche Galerie Regensburg – ihre Schau trägt den Titel „Deutschland wird deutscher“. Foto: altrofoto.de
Katharina Sieverding im Kunstforum Ostdeutsche Galerie Regensburg – ihre Schau trägt den Titel „Deutschland wird deutscher“. Foto: altrofoto.de

Regensburg.Katherina Sieverding ist eine Feministin der ersten Stunde. Zumindest im Rückblick sieht es so aus, als hätte sie sich schon in den 1960er Jahren für Identitäts- und Gender-Fragen interessiert, die neuerdings ins Zentrum der gesellschaftlichen Wahrnehmung und des politischen Diskurses gerückt sind. Freilich war sie eine Feministin eigener Art, die Männer nicht bekämpfte, sondern lieber mit ihnen zusammenarbeitete. Von Anfang an sehr selbstbewusst übrigens, so, dass ihr Eigensinn noch in der engsten Kooperation unangetastet blieb. Sicher half ihr dabei ihr Gespür für Qualität und für „große Männer“. Man zögert ein wenig, das auszusprechen, weil es, wie so oft bei ihr, zu fatalen Missverständnissen führen könnte.

Im Kunstforum Ostdeutsche Galerie erzählt sie im Gespräch an einem Tisch des kleinen, versteckten Cafés hinter der Garderobe von ihren Anfängen. Ihr erstes Vor-Bild (im Wortsinn), das stilprägend für ihre spätere Arbeit wurde, war ihr Vater. Der war kein Künstler, sondern ein berühmter Radiologe. Wie später auch Katharina Sieverding hatte er versucht, dem Geheimnis der Welt auf die Spur zu kommen, indem er sie bestimmten Aufnahmetechniken unterwarf. In seinem Fall war das Geheimnis die Krankheit, die noch weitgehend verborgen ist, sich aber dem Auge des Röntgen-Arztes zeigt.

Die Ursprünge ihrer eigenen semiotischen Verfahren deutet sie so: „Ich schaute dem Vater bei seiner diagnostischen Arbeit über die Schulter und ließ mich von der fremden Welt faszinieren, die er da in seinen Händen hielt.“ Was sie dabei lernte: Dass sich der erkennende Blick nicht mit der Oberfläche begnügt – und dass man sich von der Schönheit der Haut nicht täuschen lassen darf. Ihrer Mutter, der Goldschmiedin, war die obsessive Beschäftigung von Vater und Tochter mit dem Inneren des Menschen manchmal unheimlich oder zuwider, vor allem, wenn die Hände dabei schmutzig wurden, während doch das Essen schon auf dem Tisch stand. Wer von dieser gewissermaßen radiologischen Initiation weiß, der versteht viele Bilder Katherina Sieverdings besser. Etwa eine Arbeit, die zu den Beständen des Kunstforums zählt und den etwas technischen Titel „O.T. F-III/1969“ trägt. Es handelt sich um ein (Selbst-)Porträt, dessen Ausgangsmaterial, wie so oft in dieser frühen Zeit, ein Passbild war. Die Künstlerin schnitt es so zu, dass das Gesicht, „bedrängt“, ins Zentrum rückte und bearbeitete es, überblendend und verfärbend, so lange, bis die Individualität verschwand und die Essenz des Humanen zum Vorschein kam. Ein Kunst-Bild, das an ein Röntgen-Bild erinnert.

Verdeutlichung – so ist’s richtig

Den Ausdruck „Verfremdung“, der an dieser Stelle ins Gespräch kommt, mag sie überhaupt nicht. Sie wird fast zornig. Sie schlägt stattdessen „Verdeutlichung“ vor. Auf die innig ironische Bemerkung: „Sie verdeutlichen ihr Porträt so lange, bis man sie nicht mehr erkennt“, reagiert sie mit amüsiert-zustimmendem Lachen. Denn es geht ihr ja nach ihrer eigenen Aussage nicht um das einzelne Subjekt, also Katharina Sieverding, sondern um eine trans-individuelle Wahrheit. In gewisser Weise war die Wahl des Passbild-Formats in ihrer frühen Zeit nicht nur finanzieller Not geschuldet – das auch! –, sondern der Tatsache, dass es das Persönliche normiert: Alle müssen sich den gleichen Vorgaben unterwerfen, damit man die Differenzen umso genauer erkennen kann.

Blick in die Ausstellung  Foto: Kunstforum Ostdeutsche Galerie
Blick in die Ausstellung Foto: Kunstforum Ostdeutsche Galerie

Wenn Kathertina Sieverding erzählt, wie sie zu der wurde, die sie heute ist, dann bemerkt man zunächst sofort das umwegige – wie bei den meisten großen Künstlern. Begonnen hat sie, vermutlich ihren kindlichen Erfahrungen und den Wünschen des Vaters geschuldet, mit der Medizin; dann ging sie als Bühnenbildnerin ans Theater; und zwar natürlich an die großen Bühnen. Mit Wolfgang Sawallisch arbeitete sie in Salzburg an einer Mozart-Oper.

Dann wechselte sie nach Hamburg zu Gustaf Gründgens – „ein beeindruckender Mann“ –, lernte dort den „bösen“ Fritz Kortner kennen und wurde seine Assistentin, weil die meisten anderen vor ihm und seinen maßlosen Ansprüchen zurückscheuten.

Aber irgendwann befriedigte sie dieses Sekundäre, das Zuarbeiten und Interpretieren nicht mehr. Sie wollte etwas Eigenes und begann – der Vater protestierte heftig – Kunst zu studieren. Und natürlich kam über kurz oder lang nur Düsseldorf in Frage, damals das Zentrum der Kunst-Welt. Der König dieser Welt war damals Joseph Beuys, von dem sie noch heute schwärmt, und der sie bald in seine Klasse holte.

So wie Gerhard Richter? – Wie zumindest Henckel von Donnersmarcks „Werk ohne Autor“ nahelegt. Sieverding, streng und abweisend. „Gerhard Richter war nie bei Beuys. Auch Uecker nicht.“ Aber in Düsseldorf waren sie in dieser Zeit? – „Das schon. Aber nicht bei Beuys.“ Dann, nach kurzem Überlegen. „Mit Polke war ich viel zusammen.“ Mit Polke, von dem auch ein enigmatisches Werk in der Ostdeutschen hängt. Sieverding hat die Zeit bei und mit Beuys genossen; die intensiven Diskussionen, die Arbeit am einzelnen Werk, das Bewusstsein, dass Kunst nicht im abgezirkelten „white cube“ stattfindet, sondern hinaus muss in die Welt; auch, dass Performative an der Kunst. Bei dem großformatigen Werk, das im Zentrum der aktuellen Ausstellung steht, „Deutschland wird deutscher“, das Anfang der 1990er Jahre für heftige Diskussionen sorgte und das immer noch auf- und anregend ist, steht die junge Katharina Sieverding im Zentrum; genauer ihr Gesicht, das auf bedrohliche Weise von Messern umrahmt ist.

Eine riskante Confessio

Bei diesem Bild ist wieder viel Platz zur Interpretation. Jeder sieht eben, was er sehen will. So wie alle bis zum heutigen Tag Sieverdings Foto-Arbeit mit dem einem ZEIT-Artikel entlehnten Schriftzug ganz unterschiedlich interpretieren. Manche wollten den fatalen Ausdruck eines neuen nationalen Furors wahrnehmen, eine mehrdeutige, aber riskante Confessio, andere sahen darin, ganz im Gegenteil, die Kritik am drohenden Rechtsruck mit allem, was er beinhaltet.

Und Katherina Sieverding? – Wollte Fragen stellen. Identitäts-Fragen, die deshalb so giftig werden können, weil sie nicht geklärt sind. Und natürlich ist „Deutschland wird deutscher“ so beunruhigend wie alles, was den Namen Kunst verdient.

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