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Kultur
Donnerstag, 19. Juli 2018 30° 1

Musik

Das Rebellentum im Herzen

Am 25. März jährt sich der Todestag von Claude Debussy zum hundertsten Mal. Er hat die französische Musik erneuert.
Von Gerhard Dietel

Die Sänger Günter Papendell (als Golaud) und Nadja Mchantaf (als Melisande) im vergangenen Oktober in „Pelleas et Melisande“ von Claude Debussy in der Komischen Oper in Berlin Foto: Britta Pedersen/dpa
Die Sänger Günter Papendell (als Golaud) und Nadja Mchantaf (als Melisande) im vergangenen Oktober in „Pelleas et Melisande“ von Claude Debussy in der Komischen Oper in Berlin Foto: Britta Pedersen/dpa

Regensburg.Was wäre die Musikgeschichte ohne jene reichen, kunstsinnigen Mäzene und Mäzeninnen, welche durch ihre Unterstützung Komponisten ein sorgenfreieres Leben ermöglichen? Nadeschda Filaretowna von Meck, die Witwe eines baltendeutschen Eisenbahnunternehmers, rechnete zu ihnen. Bekanntgeworden ist sie als langjährige Förderin Tschaikowskys, doch auch andere Künstler, zumal junge Talente genossen ihre Hilfe. Im Jahre 1880 ließ sie sich von dem führenden Pariser Klavierprofessor Marmontel einen Nachwuchspianisten empfehlen, der bei ihr wohnen, mit ihr musizieren und ihre Kinder unterrichten sollte. Marmontel schickte ihr einen Achtzehnjährigen: den „kleinen Bussy“, heute besser bekannt unter dem Namen Claude Debussy.

In einem Brief an Tschaikowsky charakterisiert Nadeshda von Meck ihren neuen Hausgenossen: „Dieser Jüngling spielt meisterhaft, seine Technik ist glänzend, doch fehlt es seinem Spiel an eigener innerer Anteilnahme; er ist wohl auch noch zu jung dazu. Er behauptet, zwanzig Jahre alt zu sein, sieht aber aus wie ein Sechzehnjähriger.“ Und: „Er komponiert übrigens sehr nett.“

Der kleine „Bussy“

„Sehr nett“: Das klingt herablassend. Nadeshda von Meck konnte nicht ahnen, dass sie sich einen Musiker ins Haus geholt hatte, der später zu einem führenden Erneuerer der französischen Musik werden sollte. Vielleicht hätte sie dann anders reagiert, als der abermals eingeladene „Bussy“ sich zwei Sommer später erfrechte, um die Hand von Nadeshdas Tochter Sonja anzuhalten. Konsterniert über diese Anmaßung spedierte sie ihn sofort zur Tür hinaus. Hoch hinaus: Das wollte der aus kleinbürgerlichen Kreisen stammende, aber aristokratischen Geschmack entwickelnde Debussy von vornherein. Eine Mainstream-Karriere war es nicht, die er einschlug, daran hinderte ihn schon sein Selbstbewusstsein, um nicht zu sagen sein Eigensinn. Den akademischen Ausbildungsbetrieb am Konservatorium machte er zwar anfangs mit, aber immer mit einer Spur Rebellentum im Herzen.

Seine Studienkollegen, die brav die klassische Harmonielehre studierten, attackierte er: „Seid Ihr nicht fähig, Akkorde zu hören, ohne ihre Herkunft und Bestimmung zu kennen? Woher kommen sie? Wohin gehen sie? Müsst ihr das unbedingt wissen? Hört zu: das genügt!“ Damit stellte er schon ein Zukunftsprogramm für sich selbst auf: Eine Musik zu schaffen, in der Klänge nicht mehr in das Zwangskorsett von Kadenzen eingespannt sind, sondern ein freies Eigenleben führen dürfen.

Andere Mitstudenten hätten sich glücklich geschätzt, wie Debussy den „Rompreis“ für eine eingereichte Komposition zu erringen, der jungen Künstlern einen mehrjährigen Studienaufenthalt in Rom ermöglichte. Doch in der dortigen „abscheulichen“ Villa Medici fühlte Debussy sich bald nicht mehr wohl, wurde mehr deprimiert als inspiriert und floh schließlich zurück nach Paris.

Stolzer „Antidilettante“

Seine ganz persönliche Handschrift entwickelte Debussy eher als Autodidakt. Als „Antidilettante“ bezeichnete er sich stolz, und das ist, genau besehen, eine dialektisch vertrackte Bezeichnung. Eine Verneinung, in der der Stolz mitschwingt ein „Dilettant“ in dem Sinn zu sein, dass man nicht auf den ausgetretenen Pfaden einer „Schule“ wandelt. „Man muss die Regeln in der Freiheit suchen und nicht in einer morschen Philosophie, die für die Schwachen gut ist. Auf niemands Ratschläge hören, nur auf den Wind, der vorüberzieht.“, so Debussys Credo.

Ihre entscheidenden Anregungen bezog Debussys Kunst nicht von Musikern, sondern von Dichtern und bildenden Künstlern. Die Malweisen der Impressionisten finden bei ihm ihr musikalisches Gegenstück: in einem Klangpointillismus, in einem Verwischen der scharfen Konturen. Eine „ganz geschmeidige Musik“ ist das Ideal, eine, die wie ein Gemälde in Farbwirkungen Zustände darstellt, ohne Geschichten zu erzählen. Ebenso wichtig sind die Einflüsse der Dichter: Debussy lässt sich von Verlaine und Baudelaire zu Liedvertonungen anregen und verkehrt im Kreise der Symbolisten um Stéphane Mallarmé. Der „Nachmittag eines Fauns“, tönendes Gegenstück zu Mallarmés gleichnamiger Dichtung, wird bis heute als Manifest von Debussys neuartigem Kunstwollen bewundert. „Nach den ersten Takten schon fängt man an, wie von einem glänzenden Kristall hypnotisiert zu träumen, wird das Ohr durch dieses sanfte Murmeln, die eintönigen Flötenrufe, die milden Harfenklänge in einen Halbschlaf versetzt.“, heißt es in einer zeitgenössischen Musikkritik.

Im Wagner-Fieber

Debussy findet seine Handschrift auch in einer Gegenbewegung gegen das im 19. Jahrhundert schier übermächtige Vorbild der deutschen Musik. In seinen Jugendjahren war er wie viele dem Wagner-Fieber erlegen: „Ich war damals Wagnerianer bis zum Außerachtlassen der einfachsten Höflichkeitsregeln.“ Von diesem Vorbild versuchte er sich später zu befreien und ihm Eigenes entgegenzusetzen. Ob Debussys symbolistische Maeterlinck-Oper „Pelleas et Melisande“ sich dem Einfluss des Bayreuther Meisters völlig entzieht, ist allerdings fraglich. Einen Schuss „Tristan“ oder mehr noch „Parsifal“ meint der Hörer dort doch noch zu verspüren. Sich von deutschen Modellen zu emanzipieren, heißt für Debussy vor allem die Abkehr vom „sinfonischen“ Denken, von Begriffen wie „thematischer Arbeit“ und „Entwicklungsprinzip“. Eine rein zuständliche Musik ist Debussys Ideal, in der es kein Streben mehr gibt, keinen „Willen zur Macht“, keinen Durchbruch aus der Nacht zum Licht. Beethovens Werk bildet den absoluten Gegenpol: Von ihm distanziert Debussy sich stets.

Als „Musicien francais“ bezeichnet sich Debussy stolz in seinen letzten Jahren, und dass sein französisches Selbstbewusstsein in den säbelrasselnden Zeiten des Ersten Weltkriegs chauvinistische Züge annahm, ist unschön, aber nur zu verständlich. Wichtiger: Mit der Rückbesinnung auf die französische Tradition geht ein Stilwandel einher. Der „Impressionist“ Debussy wird im Spätwerk zum „Klassizisten“. Debussys Tod am 25. März 1918 hat diese Entwicklung jäh beendet.

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