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Film

Das Verschwiegene spiegelt sich im See

Schauspieler und Regisseur Josef Bierbichler war zur Premiere von „Zwei Herren im Anzug“ zu Gast im Regina.
Von Peter Geiger

Josef Bierbichler ist einer der größten lebenden bayerischen Schauspieler der Gegenwart.  Foto Marco Nagel/X-Verleih
Josef Bierbichler ist einer der größten lebenden bayerischen Schauspieler der Gegenwart. Foto Marco Nagel/X-Verleih

Regensburg.In der katholischen Kirche reicht in aller Regel ja schon Bilokation – also die Fähigkeit, an zwei unterschiedlichen Orten gleichzeitig aufzutauchen – dazu aus, in den Stand der Heiligkeit befördert zu werden. Für Josef Bierbichler, den wohl größten lebenden bayerischen Schauspieler der Gegenwart, ist das eher ein Klacks.

Denn der Kraftmensch aus Ambach am Starnberger See, der in wenigen Wochen 70 wird, kann noch viel mehr: Während er im Reginakino leibhaftig in Regensburg zu Gast war, um seinen Film „Zwei Herren im Anzug“ zu präsentieren, erschien er gleichzeitig auf der Leinwand. Und spielte da, als Hauptdarsteller, seinen eigenen Vater sowie den Großvater, während Simon Donatz, auch im echten Leben sein Sohn, den jeweiligen männlichen Nachkommen gab. Obendrein aber liefert Josef Bierbichler auch noch das Drehbuch, weil er ja schon die Vorlage, den Roman „Mittelreich“, geschrieben hat. Regie führt er konsequenterweise auch. Damit nicht genug: Denn kaum war man weg, aus dem Kino und dem gut halbstündigen Gespräch mit dem Protagonisten, da war Bierbichler wieder zu sehen: in einem Porträt, das das Bayerische Fernsehen über ihn gedreht hat. Mehr Präsenz geht nicht – und das im doppelten Sinne. Wie Josef Bierbichler in der monumentalen Kinolänge von 139 Minuten das Schicksal seiner Familie ins 20. Jahrhundert hineinspiegelt, mit allen Schrecklichkeiten, Untergängen, Brüchen und der Fähigkeit zur Wiederauferstehung, ist nicht nur phänomenal, sondern geht (wie sollte es anders sein, wenn die Erzählung ernsthaft und radikal ist) an die Nieren. Und ist deshalb, ja, welchen höheren Grad von Heiligkeit hätte das Kino sonst zu vergeben – oscarverdächtig!

Gespräch von Vater und Sohn

Als Rahmenhandlung dient ihm dabei ein Gespräch, das sich zwischen Pankraz (Josef Bierbichler) und seinem 35-jährigen Sohn Semi (Simon Donatz) entspinnt. Gerade – wir sind mitten in den 1980ern – haben sie die letzten Gäste aus dem familieneigenen Wirtshaus verabschiedet, die zum Leichenschmaus der verstorbenen Frau und Mutter Theres erschienen waren. Vater und Sohn schauen Familienfotos an – und tauchen tief hinein, in die Vergangenheit, die sich allmählich zu verflüssigen beginnt. Der See dient dabei als Folie, das Wasser wandelt sich zum tragenden Medium, das den Erzählfluss voranbringt. In ihm spiegeln sich die Erinnerungen, das Verdrängte und das Verschwiegene.

Josef Bierbichler erweist sich vor allem als großer Lichtbildner: Weil es ihm beispielsweise gelingt, mittels eines durch Kopfschuss wahnsinnig Gewordenen höchst authentische Eindrücke vom ersten der beiden Weltkriege zu vermitteln – ganz ohne Schützengräben oder Kanonendonner. Alles, was draußen passiert in der Welt, findet seinen Widerhall in den Figuren der Dorfgesellschaft am See. Dabei weiß man gar nicht, welche Höhepunkte man herausgreifen soll, die die Enge und den Mief dieses oberbayerischen Dorfs ausmachen. Das Faschingstreiben, das Führerstaat und Erotik übereinander blendet? Die ödipale Verstrickung des Semi, der nach Missbrauchserlebnissen im katholischen Internat nicht mehr leben möchte und sich zurücksehnt in den Mutterschoß? Oder die Schuld des Pankraz, der am Kriegsende zum Kindermörder herabsinkt, in Polen? Und die titelgebenden anzugtragenden Herren? Wie dürrenmatt’sche Figuren tauchen sie immer wieder auf, in unterschiedlichsten Zusammenhängen und Rollen, über die Zeitläufe hinweg. Und bilden so den Kommentar, zu all dem Wahnsinn und der Absurdität des 20. Jahrhunderts.

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