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Hommage

David Bowie: Staunen vor dem Unfassbaren

Der Künstler beeinflusste durch seine schöpferische Kraft und faszinierende Wandlungsfähigkeit das Leben von Generationen.
Von Matthias Kampmann, MZ

Überall auf der Welt trauern Fans auf sehr persönliche Art und Weise um David Bowie. Foto: afp
Überall auf der Welt trauern Fans auf sehr persönliche Art und Weise um David Bowie. Foto: afp

Regensburg.In den mittleren 1970er Jahren kam dieses Antlitz über mich, und es sollte mich nie mehr verlassen: Der „Thin White Duke“, der magere, blasse Herzog, war von nun an einfach da. Er war das Foto gewordene Abbild meines eigenen Gefühls von Fremdsein auf diesem Planeten. Das erste, was damals in meinem bildlichen Gedächtnis von David Bowie haften blieb, waren die Cover der Platten, die ältere Mitschüler tauschten. Das sehr schmale Gesicht mit den markanten Zügen, deren Fragilität keine Eindeutigkeit hinsichtlich des biologischen Geschlechts zuließen. „Low“ hieß eins dieser Alben, die das Motiv abgaben, das man Mitte der 1970er Jahre durch Kunststofftüten hindurchscheinen sah. Auf dem Weg zum Bahnhof etwa, von der Schule heimfahrend. Aber damals wusste ich noch nicht, wer oder was das war. Das Befremden war jedoch programmiert.

Immer wieder Momente des Befremdens

Dass – nicht nur – ich dereinst beim Vernehmen der Todesmeldung dieses unglaublichen Musikers einmal Tränen vergießen würde, hätte ich nicht zu jenem, aber auch zu keinem anderen Zeitpunkt gedacht. Doch als sich am Montag Morgen die Nachricht verbreitete, liefen sie – und gleichzeitig mein Leben vor meinen roten Augen ab. David Bowie ist einer der großen musikalischen Eckpfeiler geworden. Vielleicht musste es so sein, denn er war wie geschaffen für die Hauptrolle im Science-Fiction-Film „Der Mann, der vom Himmel fiel“ (1976). Vielleicht war es diese nicht aufzulösende Mischung aus Künstlichkeit mit der künstlerischen Selbstgestaltung, die David Bowie, der als David Robert Jones am 8. Januar 1947 im Londoner Bezirk Brixton das Licht der Welt erblickte und am Sonntag in New York starb, vor allen anderen seiner Generation und darüber hinaus auszeichnete.

Wieder und wieder ereignete sich das charakteristische Befremden, wenn man ein neues Album erwarb. Es speiste sich nicht nur aus Bowies Nähe zum Außerirdischen in Form von Kunstfiguren wie „Major Tom“ oder „Ziggy Stardust“. Heute kreist irgendwo zwischen Mars und Jupiter „342843 Davidbowie“, ein Asteroid, der nach diesem Musiker benannt wurde, der zum König des Glam-Rock aufstieg. Das erscheint nicht sehr wichtig, blickt man auf das Lebenswerk dieses Sängers, Musikers, Schauspielers, Produzenten und Malers, der astronomische 140 Millionen Kopien seiner Alben verkauft haben soll.

„Blackstar“: Sein Abschied von der Welt

Das Alien zu Beginn. Und je älter er wurde, je vertrauter wurde es. Das Staunen über ein Alien wich der Faszination über die beeindruckende schöpferische Kraft. David Bowie schaute vielleicht weiter als so mancher Zeitgenosse, hatte Andy Warhol auf dem Schirm, aber gleichermaßen den wunderbaren Chris Burden (1946-2015), dem Bowie auf „Heroes“ den Titel „Joe the Lion“ widmete – womit die bildende Kunst als Koordinate sich einschrieb.

Der „Daily Telegraph“ aus London zitiert den großartigen Produzenten Toni Visconti, der schon das Album „Heroes“ in den Berliner Hansa Studios veredelte und ihm zur Unsterblichkeit verhalf, sogar im Hintergrund mitsang und auch die letzten Alben betreute. Er lässt durchblicken, dass der Titelsong „Blackstar“ und der Song „Lazarus“ von Bowies letztem, dem 25. Studioalbum, das zum 69. Geburtstag des Meisters am 8. Januar auf den Markt kam, bereits auf das Lebensende des Künstlers anspiele. „Look up, I’m in Heaven“ heißt es in der ersten Zeile. Vor 18 Monaten soll die Krebserkrankung festgestellt worden sein. Bowie hat in Kunst gelebt und ist künstlerisch gestorben. Und dennoch ist kein Wort mehr fehl am Platze als das vom „Gesamtkunstwerk“. Das nämlich würde dem Werk nicht gerecht. Zwar gibt es ganzheitlichen Pomp, den man aus Stücken wie „Heathen (The Rays)“ hört, doch ist das alles eher jenseitig und keine rhetorische Geste, die zu überwältigen sucht.

Das Staunen vor etwas Unfassbarem

Das Charakteristische an der Musik und an dem ätherischen Gesang, ganz gleich, ob bei „Life on Mars“ („Hunky Dory“, 1971) oder „Where are we now“ vom vorletzten Album „The Next Day“ (2013), ist vielmehr das Staunen vor etwas, das sich nicht fassen lässt. Selbst wenn die Texte bisweilen nicht allzu komplizierte Geschichten erzählen. „Heroes“ ist da beispielhaft. In diesem Song erzählte Bowie von einem Liebespaar, das sich im Kugelhagel der Grenzer an der damaligen Demarkationslinie zwischen Ost- und Westberlin küsst. „Where are we now“ greift diese extrem produktive Berliner Zeit wieder auf. Und vielleicht war das schon ein Blick zurück nach vorn.

In den sozialen Medien bekundeten andere Ikonen ihre Trauer. Die legendären Tuxedomoon ließen verlauten, sie wären gar nichts ohne ihn. Iggy Pop, Weggefährte und WG-Mitbewohner aus den Berliner Tagen der 1970er Jahre, bekannte auf Twitter: „Davids Freundschaft war das Licht meines Lebens. Ich habe noch nie eine so brillante Person getroffen. Er war der Beste, den es gab.“ Damals zogen sie in die Wohnung von Edgar Froese, einem ebenfalls legendären Musiker der bundesdeutschen Elektronik-Szene und Mitbegründer von Tangerine Dream.

Berlin. Ein merkwürdiger Fluchtpunkt. Angeblich habe David Bowie hier durch Fahrradfahren und räumliche Distanz das eine oder andere Drogenproblem in den Griff bekommen. Denke ich an „Warsaw“ oder „V2-Schneider“, so stehe ich plötzlich an einer weiteren, vielleicht der zweiten Haltestelle meiner Fahrt mit Bowie durchs Leben, denn als der Drogenfilm „Christiane F.“ 1981 in die Kinos kam, war ich 15 und damit endgültig dem „Heroe“ zugeneigt – und wusste auch, was nicht ging.

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Das Chamäleon David Bowie

Was lernt man von David Bowie sonst? Es gibt eine Essenz, die stets aufs Neue verblüfft. Wann immer man Bowies Schallplatten anhörte, gab es darin etwas, das eigentlich jeden Fan auf die Palme bringen müsste: die Intensität an Innovation. Denn Fans wollen doch stets etwas Vergleichbares. Aus diesem Blickwinkel hat Bowie jeden enttäuscht. Als „First Outside“ 1995 auf den Markt kam, waren die Disco-Spielereien von „Let’s Dance“ (1983) oder die schlimmen „Absolute Beginners“ (1986) längst verdrängt. Der „nicht lineare Gothic-Drama Hyper-Zyklus“, an dem maßgeblich Brian Eno mitgewirkt hat, warf den Hörer aus der Bahn. So frisch klingend, definierte es doch in einer Dezennie den Begriff des Konzeptalbums neu, als die großen Zeiten der Gattung längst vorbei waren. Bowie wiederum rettete dieses erzählende Relikt der 1970er Jahre in die damals untergehende Postmoderne.

„Reality“: Soviel Selbstzitat war nie

Ein Album später dann wieder Reminiszenzen an damals aktuelle Strömungen der populären Musik: Drum’n Bass auf „Earthling“ zwei Jahre danach. Und so ging es in einem fort. Stets präsentierte der Meister der Verwandlungsfreuden neue Einflüsse. Bis sich der Kreis schloss, und mit „Reality“ 2003 ein neues Maß an Selbstzitat auftauchte. Etwa in dem wunderbaren „Fall Dog Bombs the Moon“, an dem auch Toni Visconti wieder mitarbeitete.

David Bowies Abschied von der Welt: „Blackstar“:

Und dann wurde der zweifach verheiratete und zweifache Vater David Bowie tatsächlich museal. Jüngst eröffnete das Groninger Museum in den Niederlanden eine Schau mit 300 Exponaten, die bereits in London und Berlin zu sehen war. Doch wie sollte solch eine Devotionalienversammlung es schaffen, das innere Bild zu bereichern, dass man sich selbst gemalt hat? Seine Texte, seine Musik verweisen stets auf mich selbst, da ich nicht zu den Glücklichen gehöre, die den Mann kennenlernen durften. Aber was zählt? Nichts weniger als die Auseinandersetzung eines Fremden, der nur über die Musik als Vehikel eine Vertrautheit zu seinem Hörer aufgebaut hat. Jedenfalls kenne ich mich besser, seit ich Bowies Musik kenne. Ich bleibe zurück mit größtem Dank dafür. Vielleicht trifft man sich da oben irgendwann einmal. Dann sicher anders als die „Strangers when we meet“ vom Album „First Outside“.

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