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Autobiografie

Debbie Harry, die Punk-Prinzessin

„Face It“: Das wilde Leben der Blondie-Frontfrau, von ihr selbst erzählt
Von Helmut Hein

Blondie-Frontfrau Debbie Harry 2017 in London Foto: picture alliance / Ian West/PA W
Blondie-Frontfrau Debbie Harry 2017 in London Foto: picture alliance / Ian West/PA W

New York.Debbie Harry hat eine klare Vorstellung von ihrer Position in der Pop-Geschichte: „Meine Rolle war die einer extrem femininen Frontfrau einer männlichen Rockband in einem klaren Macho-Umfeld.“ Und als wäre das nicht genug, radikalisiert sie ihre Einschätzung – und bricht sie zugleich: „Mein Blondie-Charakter war eine aufblasbare Puppe mit einer dunklen, provokanten, aggressiven Seite.“ Alles nur gespielt? Teils, teils. Es war eine Rolle, aber Debbie Harry nahm sie auch ernst.

Paradoxerweise war diese blondierte Frau mit dem herzförmigen Schmollmund zwar ein drastisches sexuelles Versprechen, aber eben kein Opfer. Sie verstand sich als radikale Feministin, gehörte aber, wie später Madonna, einer Fraktion an, die sich „sexpositiv“ nannte. „Me Too“ ist ihr eher fremd. Wenn sich etwa David Bowie in einer bestimmten Situation provokativ vor ihr entblößte, dann fand sie das nicht bedrohlich, sondern amüsant.

Debbie Harry: „Face It“

  • Deborah Ann „Debbie“ Harry

    wurde 1945 in Miami als Angela Trimble geboren. Die Mutter, eine Pianistin, gab sie zur Adoption frei. Debbie wuchs bei konservativen Adoptiveltern in New Jersey auf. Das College schmiss sie und ging mit 19 nach New York. 1974 wurde sie mit Blondie bekannt.

  • Die Autobiografie

    der Stil-, Punk- und New-Wave-Ikone ist unter dem Titel „Face It“ bei Heyne für ca. 25 Euro erschienen.

Und warum diese Autobiografie gerade jetzt, kurz vor ihrem 75. Geburtstag? Debbie Harry erklärt es am Ende des dicken und anekdotenreichen Buches so: „Jetzt scheint mir der richtige Zeitpunkt in meinem Leben zu sein, mich zu erinnern und die Sache hinter mich zu bringen.“ Das klingt bedrohlich.

Debbie Harrys Autobiografie „Face It“ ist im Heyne Verlag für ca. 25 Euro erschienen.
Debbie Harrys Autobiografie „Face It“ ist im Heyne Verlag für ca. 25 Euro erschienen.

Aber handelt es sich bei „Face It“ überhaupt um eine „Selbstlebensbeschreibung“? Daran kann man mit Recht zweifeln. Vermutlich war es eher so, dass sie mit einer Reihe langer, exklusiver Interviews das Material für die Popjournalismus-Ikone Sylvie Simmons lieferte, die dann daraus in bewährt-versierter Weise dieses Buch destillierte. Aber das stört nicht. Man hört ja Debbie Harrys unverkennbare Stimme. Aber ist auch alles wahr? Auch daran sind Zweifel erlaubt. Wenn sie etwa behauptet, sie könne sich noch genau erinnern, wie sie im Alter von drei Monaten adoptiert wurde. Und dass der Arzt nach einem kundigen Blick in die Wiege bei dem Baby einen „Schlafzimmerblick“ diagnostizierte und die Adoptiveltern warnte, sie sollten auf diese Debbie aufpassen.

Debbie Harry stellte ihre Autobiografie „Face It“ in Hamburg vor. Foto: Daniel Bockwoldt/dpa
Debbie Harry stellte ihre Autobiografie „Face It“ in Hamburg vor. Foto: Daniel Bockwoldt/dpa

Sex spielte, wenn man ihr glauben darf, schon früh eine große Rolle; und sie fühlte sich von jedermann nicht belästigt, sondern einfach begehrt. Und war schnell und leicht bereit, diesem Begehren nachzugeben. Es muss wild zugegangen sein im New Yorker Underground der 1960er und frühen 1970er Jahre. Sie war, vor ihrer späten Karriere, die erst begann, als sie schon 30 war, mittendrin: als Kellnerin, als Model, sogar als „Bunny“ in einem Playboy-Club. Der einzige Ort übrigens, in dem es, den freizügigen Kostümen zum Trotz, ausgesprochen züchtig zuging. Debbie Harry lernte die Berühmtheiten der Zeit kennen – weil sie gern von ihr bedient wurden.

„Liebe? Das natürlichste Schmerzmittel, das es gibt.“

Debbie Harry

Später, als sie nach den Erfolgen mit Blondie selbst zu den A-Promis gehörte, freundete sie sich mit Andy Warhol an, der von sich sagte, er würde gerne so aussehen wie sie; und mit William S. Burroughs, der in einer berühmten Aufnahme mürrisch an ihrer Seite steht. Sie wollte schon früh nicht mehr auf den Märchenprinz warten, sondern die Sache lieber selbst in die Hand nehmen. Dass sie zu Loyalität und Fürsorge dabei durchaus in der Lage war, zeigte sich, als ihr Band-Kollege und Lover Chris Stein mit einer lebensbedrohlichen Autoimmunkrankheit jahrelang darniederlag. Ihr Lebensmotto in dieser schweren Zeit verdankte sie Burroughs: „Liebe? Das natürlichste Schmerzmittel, das es gibt.“

Vor 40 Jahren erschien Blondies Superhit „Heart Of Glass“ als Single:

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