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Kultur
Donnerstag, 26. April 2018 16° 3

Geburtstag

Den großen Heinrich Böll neu entdecken

Der Literaturnobelpreisträger legte Zeugnis ab von Menschen, die in einer aus den Fugen geratenen Welt leben.
Von Harald Raab

Der gute Mensch von Köln: Heinrich Böll Foto: Heinz Wieseler/dpa

Regensburg.Drei runde Geburtstage in diesem Jahr, die dreier bedeutender Männer der deutschen, ja der Weltliteratur. Martin Walser wurde im März 90 Jahre alt. Günter Grass hat seinen Neunzigsten im Oktober nicht mehr erlebt. Er starb 2015. Am 21. Dezember erinnern wir uns zum 100. Geburtstag an Heinrich Böll. Der ist 1985 gestorben. Der sanfte Rebell, der gute Mensch von Köln und fromme Kirchenkritik, der Anwalt der kleinen Leute, der Vielschreiber und Kämpfer gegen Faschismus und Militarismus – und wie die Etiketten noch heißen, die ihm aufgeklebt wurden.

Drei ganz verschiedene Charaktere, Lebenswege, literarische Werke. Ihre Herkunft, ihr Milieu, ihr Erfahrungshorizont haben sie geprägt: den rheinischen Katholiken Böll, den Danziger Fabulierer Grass, den bürgerlichen Alemannen Walser. Deutsche Irrungen und Wirrungen, deutsche Schuld und deutsches Leiden, Erinnern und Vergessen, Restauration und Sensibilität für die Zumutungen eines Lebens in dieser aus den Fugen geratenen Welt: Stoff für widerständige Romane, Erzählungen, Essays hat ihnen ihre kritische Zeugenschaft in Fülle geliefert.

Der Wahnsinn des Krieges

Zeitgenossen, im deutschen Schicksal vereint, sind sie alle drei. Der Wahnsinn des Krieges, die Not und Deklassierung der Nachkriegsjahre, Wirtschaftswunder und die Rebellion der Achtundsechziger mit dem wütenden Protest gegen Establishment und Wiederaufrüstung bis hin zum roten Terror der RAF: Sie waren mitten drin in dieser Achterbahn der Gefühle und emotionalen, oft schrillen Auseinandersetzungen – mit ihrer Literatur, mit ihrem politischen Engagement.

Einen Epochen-Roman hat nur einer abgeliefert: der sinnenfrohe, wilde Geschichtenerzähler Grass mit seiner „Blechtrommel“. Böll und Walser haben ihre Sicht auf die Menschen in den gesellschaftlichen Zwängen kaleidoskopartig auf ihre Bücher verteilt. Walser als Analytiker bürgerlicher Befindlichkeiten und menschlicher Seelen-Verstrickungen. Böll als unerbittlicher Chronist der Trümmerzeit und der Etablierung kapitalistischer Strukturen und ihrer Verwerfungen. Den Nobelpreis haben nur Böll (1972) und Grass (1999) bekommen.

„Wir sind geboren, um uns zu erinnern. Nicht vergessen, sondern Erinnerung ist unsere Aufgabe.“ Das schrieb Heinrich Böll 1948. Es ist sein Wappenspruch im Kampf auf der gesellschaftspolitischen Bühne und nicht minder in seinem literarischen Schaffen.

Sinn für Familiensolidarität

Drei Konstanten seines Lebens wirken tief in seine schriftstellerischen Arbeiten hinein: sein kritisch-rheinischer Katholizismus, sein Sinn für Familiensolidarität und sein Antipreußentum, das ihn auch in der Adenauer’schen Restaurationszeit zum Aufbegehren getrieben hat – auch gegen den Medienterror der Springer-Presse.

Im Hungerjahr 1917 in Köln geboren, war Heinrich Böll das achte Kind des Tischlermeisters Viktor Böll und seiner zweiten Frau Maria. Seine Werkstatt nannte er Atelier. Er war spezialisiert auf „Schnitzwerke figürlicher und ornamentaler Darstellung. Viktor Böll brachte es zu einigen Häusern. In einem villenartigen Gebäude mit Garten verbrachte Heinrich mit seinen Geschwistern bis 1930 behütete Kinderjahre. In der Weltwirtschaftskrise verlor Vater Böll sein Vermögen. Fortan war der Gerichtsvollzieher ständiger Gast in der ärmlichen Mietwohnung. Auf diesen Kampf um die wirtschaftliche Existenz führt Böll seinen Hang zum Protest gegenüber aller staatlicher Obrigkeit zurück, ja zum Anarchistischen, wie er selbst bekannte.

Verwurzelung im katholischen Milieu und praktizierte Staatsferne machte die bildungsbeflissene Familie Böll gegenüber dem Nationalsozialismus gefeit. Im „extrem katholischen“ Kaiser-Wilhelm-Gymnasium war der Druck durch NS-Propaganda nicht ganz so wirkmächtig. Böll erinnerte sich, dass ein Deutschlehrer mit seiner Klasse Hitlers „Mein Kampf“ kritisch gelesen habe. Der Studienrat ließ den Schwulst des Führers von den Schülern auf zehn Seiten eindampfen. Danach wusste einer wie Böll, das Hitler Krieg bedeuten musste. Er war nicht in der Hitlerjugend. Anders als Grass, der als Pimpf von Heldentaten träumte und seine Zugehörigkeit zur SS allzu lang verschwiegen hat. Und anders als Martin Walser, der ohne sein Wissen, wie er sagt, in die NSDAP übernommen wurde und der nie etwas von Auschwitz gehört haben will, wusste der junge Böll schon sehr früh vom Terrorsystem der Konzentrationslager.

Nach Abitur und wenigen Monaten in einer Buchhändlerlehre sowie knapp einem Semester im Germanistikstudium entging der junge Mann dem Zugriff des NS-Staates nicht. Vom Arbeitsdienst kam er 1939 in die Kriegsmaschine der Wehrmacht. Sechs Jahre als Soldat im Zweiten Weltkrieg, diesem „unsauberen Geschäft“ mit dem bizarr lächerlichen und verlogenen Heroentum. Diese Erfahrung hat Heinrich Böll nie vergessen und ließ ihn die Wiederaufrüstung im Restdeutschland Adenauers als obszöne Verirrung empfinden.

Schwieriger Start der Karriere

Nach dem Krieg schrieb er über die zertrümmerte Wirklichkeit, illusionslose Menschen und erfuhr mit dem, was er kritischen Realismus nannte, bei Verlagen fast nur Abfuhren. Überhaupt musste Böll unendlich viel schreiben, um Erfolge erzielen zu können.

Erst als die Erzählung „Die schwarzen Schafe“ 1951 von der Gruppe 47 ausgezeichnet wurde, bekam er die Aufmerksamkeit, die ihn schließlich zu einem berühmten Schriftsteller machte. Mit dem Ehe-Roman „Und sagte kein einziges Wort“ 1953 hatte sich Böll endgültig durchgesetzt. Die folgenden Romane „Haus ohne Hüter“ und „Billard um halb zehn“ festigten den Ruf des Schriftstellers, weitere große Werke, etwa „Gruppenbild mit Dame“ oder „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“, sollten noch folgen.

Dass Böll größte Sympathie für die deutsche 68er-Bewegung hatte, ist bei seiner Herkunft und seinem Lebensweg geradezu zwangsläufig. Dabei wurde er in seinem Verständnis für Andreas Baader, Ulrike Meinhof und Genossen zunächst fast blind für den Irrweg vom berechtigten Protest zur Polit-Kriminalität. In einem Spiegel-Beitrag 1972 verstieg er sich zu einer naiven Verharmlosung.

Das alles ist längst Geschichte. Nicht belastet von Zeitaktualität und deren Aufgeregtheiten um Person und öffentlichen Bekenntnissen haben wir die Chance, das, was literarisch von Bölls Lebenswerk bleibt, unbefangen würdigen zu können. Sowie es Siegfried Lenz in einem Nachruf auf den großen Kollegen geschrieben hat: „Heinrich Böll, der Schriftsteller, der in seinem Werk lediglich seine Zeit darstellen wollte und damit für alle Zeiten schrieb, wird nicht in Vergessenheit geraten.“

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