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Porträt

Denker mit vielen Gesichtern

Vittorio Hösle wuchs in Regensburg auf und war schon mit Mitte 20 ein „Star“ der internationalen Philosophie.
Von Helmut Hein

Mit 22 promoviert, mit 26 Berater der Bundesregierung: Der gebürtige Regensburger Vittorio Hösle fühlt sich in den USA inzwischen wohler. Foto: Lex
Mit 22 promoviert, mit 26 Berater der Bundesregierung: Der gebürtige Regensburger Vittorio Hösle fühlt sich in den USA inzwischen wohler. Foto: Lex

Regensburg.In den 1980er Jahren wurde Vittorio Hösle mit einem Mal zu einer Art Popstar. Das Zeitgeist-Magazin „Tempo“ platzierte ihn in seinen Charts der einflussreichsten Denker ganz weit oben. Andere nannten ihn den „Boris Becker der Philosophie“. Denn so wie der sprichwörtliche Leimener mit gerade 17 Wimbledon gewonnen hatte, so hatte Hösle schon mit 22 promoviert und mit 26 habilitiert und wurde prompt zum Berater der damaligen Bundesregierung. Rekordverdächtig!

Den Boris-Becker-Vergleich konnte freilich Hösle, der ansonsten selbst komplexeste Texte dechiffrieren kann, nicht so recht verstehen und genießen. Denn Sport gehört – neben Musik – zu den wenigen Dingen, für die sich dieser Polyhistor nicht interessiert.

Das Drama des begabten Kindes? So nennt die Psychoanalytikerin Alice Miller es, wenn ein junger Mensch zu viel zu früh versteht, auch weil Erwachsene seine überraschende Empathie- und Reflexionsfähigkeit gern in Anspruch nehmen. War das bei Hösle so? Jedenfalls übersprang der 1960 in Mailand Geborene – sein Vater Johannes, später viele Jahre lang Romanistik-Ordinarius an der hiesigen Uni, war damals Chef des Goethe-Institus in der lombardischen Metropole – zwei Schulklassen. Schon mit 17 legte er am Albertus-Magnus-Gymnasium sein Abitur ab und begann dann Philosophie, allgemeine Wissenschaftsgeschichte, klassische Philologie und Indologie zu studieren.

Mancher erinnert sich noch an seine frühen Auftritte in den Seminaren des renommierten Philosophie-Professors Franz v. Kutschera. Da kam ein Jüngling, der sich von Autoritäten so wenig beeindrucken ließ, dass es schon als „frech“ erscheinen konnte, der aber vor allem wissbegierig war und nur eins gelten ließ: das bessere Argument. Rasch begann sein Wanderleben. Studium außer in Regensburg auch in Tübingen, Bochum und Freiburg, sehr früh schon Assistenz- und Gast-Professuren rund um den Erdball, unter anderem an der legendären New School for Social Research in New York. 1993, da war er 33, erhielt er schließlich einen Ruf an die Universität-Gesamthochschule Essen, 1997 wurde er Direktor des Forschungsinstituts für Philosophie in Hannover.

Hösle erzählt, dass er an den hiesigen Universitäten nie so recht glücklich wurde. Warum? „Zuviel Lehre, zuviel Verwaltungskram.“ Beides Hindernisse für das, was er eigentlich wollte: forschen. Bücher schreiben. Und, nicht zu vergessen, mit seiner Expertise, d. h. als Berater Einfluss nehmen auf nationale und internationale Institutionen. Karl Marx, dessen 200. Geburtstag derzeit mit vielen gewichtigen Artikeln und Veranstaltungen gefeiert wird, schrieb in seiner vielzitierten elften These zu Feuerbach, die Philosophen hätten bisher die Welt nur verschieden interpretiert, es komme darauf an, sie zu verändern. Hösle dürfte ihm vermutlich recht geben.

Hösle stellt Ludwig Steinherr vor

  • Veranstaltung:

    Am Freitag (19.30 Uhr) stellt Vittorio Hösle im Rahmen einer Veranstaltung des Akademischen Forums im Cafe Fürstenhof in Regensburg den seiner Meinung nach hierzulande viel zu unbekannten Lyriker Ludwig Steinherr vor, der im Anschluss aus seinen Werken liest.

  • Veröffentlichung:

    Und nicht zu vergessen: Demnächst erscheint bei C. H. Beck die „Kritik der verstehenden Vernunft“ von Vittorio Hösle, die 500 Seiten dick ist und Kritik im kantischen Sinn übt, also: der Versuch einer Vermessung und Begründung der Hermeneutik ist.

Klage über die Beliebigkeit

In doppelter Hinsicht. Denn er beklagt seit langem die Beliebigkeit der Philosophie und will, dass sie zu haltbaren Resultaten kommt, was er durch eine unumstößliche „Letztbegründung“ erreichern will. Und er beklagt fast noch mehr ihre Banalität. Viele Kollegen empfindet er als bequem, sie könnten „sich von den Privilegien, die mit einer Philosophieprofessur verbunden sind“, nicht trennen. Mit einer gut dotierten Existenz im weltabgewandten Elfenbeinturm kann und will er sich nicht abfinden. Als einer, der an objektive, verbindliche Werte glaubt, will er, dass sein Denken praktisch wird. Hegel, einer der großen Gewährsmänner Hösles, hatte noch davon gesprochen, Philosophie sei „ihre Zeit in Gedanken erfasst“. Hösles Anspruch geht weiter. Sein Denken soll welthaltig, aber auch weltverändernd sein.

Seit fast zwanzig Jahren ist „seine“ Uni die von Notre Dame in Indiana. Amerikanischer Mittelwesten. Chicago ist nicht weit entfernt. Hösle erklärt, warum er sich dort wohler fühlt. „In Amerika ist alles Verhandlungssache.“ Das erinnert ein wenig an Donald Trumps „Deals“, den der aber, er ist mittlerweile amerikanischer Staatsbürger, „nicht gewählt“ hat. „Deal“ heißt hier: ein Geschäft zu beiderseitigem Nutzen.

Hösle, der viel forscht und schreibt und als Politik-Berater sehr präsent ist und damit seiner Uni Renommee verschafft, wird von lästigen Lehrverplichtungen weitgehend entlastet. Im Wintersemester muss er nur zwei Seminare halten, nach freier Wahl, also so, dass es zu seinen aktuellen Arbeiten passt, im Sommer ist er weitgehend freigestellt: nur ein kurzes Block-Seminar.

Dem Kosmopoliten Hösle kommt das gelegen. Er reist viel und gern. Und er ist nicht nur ein Weltbürger, sondern auch polyglott, vielsprachig. Seine Muttersprache war italienisch, seine Mutter, Carla Gronda, war Italienerin. „Auch zu Hause wurde, selbst als wir längst in Regensburg waren, meist italienisch gesprochen.“ Und Vittorio? Ist das ein früher Auftrag seiner Eltern, in Voraussicht seiner späteren Karriere? Schließlich heißt Viktor der Sieger. Nein, meint Hösle vielleicht leicht übertreibend, jedes zweite männliche Kind seiner Generation würde in Italien Vittorio heißen, in Erinnerung an Viktor Emmanuel, den König des „Risorgimento“.

Im Gespräch (hier mit MZ-Autor Helmut Hein) zählt für Vittorio Hösle immer vor allem eines – das bessere Argument. Foto: Lex
Im Gespräch (hier mit MZ-Autor Helmut Hein) zählt für Vittorio Hösle immer vor allem eines – das bessere Argument. Foto: Lex

Sieben Sprachen im Repertoire

Und wie viele Sprachen spricht er sonst noch? Natürlich Deutsch und Englisch perfekt. Aber auch Spanisch, Französisch, Russisch, Norwegisch. Sieben Sprachen also. Dabei vergisst er in aller Bescheidenheit zu erwähnen dass er ja auch altgriechisch und Sanskrit beherrscht. Und, dass er als Mitglied der romnahen Academia Frascati regelmäßig nicht nur Vorträge in flüssigem Latein hält, sondern auch lateinisch disputiert.

Man kann ja auf dem begrenzten Raum eines Artikels nicht seine gesamte Philosophie darstellen. Aber was charakterisiert ihn am besten? Hösle, nach kurzem Überlegen: „Vermutlich ist das, was mich von anderen deutschen Philosophen unterscheidet, die Breite des Interesses.“ Das kann man mit gutem Grund behaupten. Und er beherrscht die unterschiedlichsten Textsorten: vom dicken grundierenden „Wälzer“ bis zu Monographien über Woody Allen und Eric Rohmer. Ja, Hösle ist Cinéast und gerade bei diesen beiden Regisseuren wird ja, auf leichte und amüsante Weise, die conditio humana verhandelt.

Ein bemerkenswerter internationaler Erfolg („in fünfzehn Sprachen übersetzt“) war „Das Café der toten Philosophen“. Untertitel: „Ein philosophischer Briefwechsel für Kinder und Erwachsene.“ Die 11- bis 13-jährige Nora des Buchs, darauf legt Hösle wert, ist übrigens keine Erfindung, es gab und gibt sie wirklich. Inzwischen ist sie, längst ein Twenty-Something, Assistentin an der Berliner Humboldt-Universität.

Kosmopolit ist Hösle übrigens auch im Privaten. Seine Frau ist Koreanerin. Seine beiden Söhne Johannes und Paul, Zwillinge und mittlerweile 19, studieren Mathematik bzw. Klassische Philologie in England und Amerika. Seine Tochter Clara ist acht. Bei der Aufzählung der Sprachen, die er spricht, hat er koreanisch ganz vergessen. Vittorio Hösle wirkt ein wenig schuldbewusst: „Ich spreche nur ein paar Brocken. Leider.“ Aber, fügt er hinzu, seine Frau koche sehr gut koreanisch und das esse er gern. Immerhin.

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