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Literatur

Der alte König: ein Geflickter wie wir

Große Literatur und Lebenshilfe: Arno Geiger las in Regensburg aus seinem meisterhaften Buch über den dementen Vater.
Von Florian Sendtner, MZ

Arno Geiger in der Dreieinigkeitskirche: „Der Mensch ist einfach unvollkommen, egal, wie perfekt er sich vorkommt.“
Arno Geiger in der Dreieinigkeitskirche: „Der Mensch ist einfach unvollkommen, egal, wie perfekt er sich vorkommt.“ Foto: altrofoto.de

Regensburg.„Wir sind lauter Geflickte.“ Und: „Das Leben ist ohne Probleme auch nicht leichter.“ Es sind Sätze von erratischer Schönheit und Wahrheit, wie man sie seit Werner Fritschs „Cherubim“ (also seit 30 Jahren) kaum mehr gelesen und gehört hat.

Arno Geiger sitzt am Freitagabend im Altarraum der Dreieinigkeitskirche und liest aus „Der alte König in seinem Exil“. Der 47-Jährige erzählt in seinem bedächtigen Vorarlberger Bass, wie sich sein alter Vater nach und nach in die Demenz verabschiedet. Wie die ganze Familie die Krankheit des Vaters lange nicht erkennt und sich lauter unsinnige Auseinandersetzungen mit dem alten Mann liefert. Bis einer nach dem andern begreift: Mit rationalen Reaktionen und Reflexen richtet man in so einem Fall nur Unheil an. Und Arno Geiger, der Schriftsteller, fängt an, seinem alten Vater zuzuhören. Bei vielen Sätzen denkt er sich: „Warum fällt mir so etwas nicht ein?“

Der Autor und sein Buch

  • Der Autor:

    Arno Geiger wurde 1968 in Bregenz (Vorarlberg) geboren. Er studierte in Wien und Innsbruck Literaturwissenschaft und Geschichte und lebt in Wien. Die Lesung wurde veranstaltet von „Literatur findet Stadt“, einer Initiative des Evangelischen Bildungswerks und der Staatlichen Bibliothek in Kooperation mit Bücher Pustet und mit Unterstützung der Stadt Regensburg.

  • Die Romane:

    Unter anderem schrieb er „Kleine Schule des Karussellfahrens“, „Irrlichterloh“, „Schöne Freunde, „Es geht uns gut“, „Alles über Sally“ und „Selbstporträt mit Flusspferd“. „Der alte König in seinem Exil“ erschien 2011 im Carl Hanser Verlag, 2012 als Taschenbuch bei dtv (189 Seiten, 9,90 Euro).

„Keine Lebenshilfe, sondern Literatur.“ Dieses Urteil stellte Ernst-Wilhelm Händler erst vor ein paar Tagen dem neuen Roman seines Kollegen Thomas von Steinaecker aus. Will heißen: dieses Buch taugt was! Warum? Ein Roman, der sich dem Leser als Lebenshilfe andient und dementsprechend eins zu eins zu verstehen ist, ist Händler zufolge „großer Käse“. Anders gesagt: „Je länger man nachdenken muss über ein Buch, umso besser ist es.“ Händler hat recht, keine Frage. Aber jede Regel hat ihre Ausnahme, und hier heißt die Ausnahme Arno Geiger.

Man versteht die Tante viel besser

„Der alte König in seinem Exil“, das Buch, das Geiger vor fünf Jahren über seinen alten Vater vorgelegt hat, der zunehmend der Demenz verfällt, ist nämlich beides: große Literatur und Lebenshilfe. Ja gut, das Wort Lebenshilfe mag man eigentlich gar nicht in den Mund nehmen, weil man sofort an die Heilsarmee und die Zeugen Jehovas denkt. Aber „Der alte König in seinem Exil“ ist einfach ein ausgesprochen poetisch-literarisch-unergründliches Werk, das gleichzeitig einen handgreiflich-praktischen Nähr- und Lehrwert hat. Man versteht, wenn man dieses Buch gelesen hat, seine an Demenz erkrankte alte Tante viel besser, oder den Großvater, von dem man bis dato nur gedacht hat: Der hat doch nicht mehr alle Tassen im Schrank.

Lesen Sie mehr über die Lesung von Thomas von Steinaecker: hier

Im günstigsten Fall ist Literatur eben beides: sie erklärt einem auf 189 Seiten mal kurz das Leben, mit einem sehr konkreten Nutzwert, und bewahrt gleichzeitig das Rätsel. Bei Arno Geiger und dem „Alten König in seinem Exil“ müsste man fast sagen: das Rätsel wird durch dieses Buch nur noch größer und rätselhafter. Da klagt der Vater, er würde so gern nichts tun. Und als der Sohn ihn beruhigen will: „Du darfst nichts tun, so viel du willst“, entgegnet der Vater: „Wenn du wüsstest. Ständig muss ich Sachen zusammenwinkeln. Aber ich will bald damit aufhören.“

Im Heim blühte der alte Herr auf

Über die Sachen, die der alte König in seinem Exil auseinander- und zusammenwinkelt, kann man ein ganzes Leben lang nachdenken. Der Würzburger Theologieprofessor Erich Garhammer, der Arno Geiger zwischen den Lesepassagen Fragen stellte, hat das Buch schon drei Mal gelesen. Mit dem alten König wird man nicht so schnell fertig. In der Diskussion geht es dann aber auch ums Praktische – zum Beispiel darum, wie es war, als der Vater dann doch ins Pflegeheim kam. Garhammer zitiert Burkhard Spinnen: Ins Altersheim rücke man ein wie ein Sträfling ins Gefängnis. Arno Geiger widerspricht vehement: Sein Vater sei regelrecht aufgeblüht, als er ins Heim kam: „Da war immer was los, da redeten alle Dialekt, da herrschte pure Anarchie – von Gefängnis konnte keine Rede sein.“

 Arno Geiger las in der Reihe „Litertur findet Stadt“ in de Regensburger Dreieinigkeitskirche.
Arno Geiger las in der Reihe „Litertur findet Stadt“ in de Regensburger Dreieinigkeitskirche. Foto: altrofoto.de

Und als das Buch 2011 erschien, habe der Vater „atmosphärisch gespürt, dass er wieder Respekt erfuhr“, Nachbarn und Freunde klopften ihm auf die Schulter – was Besseres hätte dem alten, an sich selbst zweifelnden Mann wohl kaum passieren können. Sicher, sagt Arno Geiger auf Nachfrage, es habe Stimmen gegeben, die ihn, den Schriftsteller und Sohn, wegen des Buchs als „Rabensohn“ bezeichnet hätten. Schließlich gehe man mit „so was“ normalerweise nicht an die Öffentlichkeit: „So was versteckt man zuhause.“ Geigers achselzuckende Reaktion: „Ja, ich nehm’s zur Kenntnis.“ Er sehe es einfach nicht ein, „so eine Krankheit, so ein Schicksal, das vieltausendfach in der Mitte unserer Gesellschaft stattfindet, schamhaft zu verbergen.“ Denn letztlich, so Geiger, „ist der Mensch einfach unvollkommen, egal, wie perfekt er sich vorkommt.“

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