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Der Bücherfrühling läuft sich warm

Die Lesung eines kroatischen Autors, die zur Herzensangelegentheit wird, und Bildergeschichten die Weltliteratur erzählen: Das bietet die Buchmesse.
von Christine Strasser, MZ

  • Mehr als Samba und Karneval: Brasilien stellt in Leipzig seine Literatur vor. Fotos: Straßer, dpa
  • Der Zeichner Flix hat die Geschichte von „Faust“ neu erzählt.
  • Vladimir Stojsavlejevic gehört zu den berührenden Entdeckungen.

Leipzig. So frisch hätte der Wind gar nicht sein müssen. Als sich am Donnerstag die Pforten der Leipziger Buchmesse öffneten, klopften sich die Besucher nach dem langen Lesewinter nicht den Staub aus den Kleidern, sondern den Schnee von den Stiefeln. Frösteln war angesagt in der Warteschlange. Das änderte aber nichts daran, dass die Lesefreudigen heiß waren auf neue Bücher und auf die Entdeckung neuer Lieblingsautoren.

Der Roman zum Krieg in Kroatien

Ein Kandidat: der Kroate Vladimir Stojsavlejevic . Sein „Sommertagebuch des Krieges“ ist der erste Roman über den Krieg in Kroatien überhaupt. Es erschien bereits 1991. Auf Deutsch gibt es das Buch aber noch nicht.

Das tut im Herzen weh, denn Stojsavlejevic ist ein Herzensautor. Das wird schon nach wenigen Sätzen, die er vorliest deutlich. Und einer, der viel zu erzählen hat. Von einem 15-jährigen Jungen, der so gerne mit dem Nachbarsmädel anbandeln würde und seinen Vater verwünscht, weil dieser das ernste Gespräch über die Liebe mit ihm, dem schnell heranwachsenden Sohn, noch nicht geführt hat. Jetzt ist es zu spät. Jetzt hat der Flüchtlingsjunge, dessen Familie ins Nachbarhaus einzieht einen uneinholbaren Vorsprung.

Jetzt sind Fotos von Hauptmann Dragan in der Zeitung, bei deren Anblick sich der 15-Jährige fragt, ob er durch das bloße Anschauen dieser Bilder selbst böse und gewöhnlich wird. Es sind diese Erzählstimme und die naiven und leicht ironischen Kommentare, durch die der Roman besonders bewegt. Stojsavlejevic ist eine Bemerkung zum Abschluss seiner Lesung sehr wichtig: Dragan lebt heute in Australien. Von Kroatien wird er steckbrieflich gesucht und steht wegen mutmaßlicher Kriegsverbrechen unter Anklage.

Schon seit einigen Jahren entwickelt sich die Leipziger Buchmesse zum Sprungbrett für Autoren aus Ost- und Südosteuropa. Der kroatische Bestsellerautor Renato Bareti´c stellt seinte Romansatire „Der achte Beauftragte“ vor, in der ein geschasster Politiker auf eine entlegene Insel geschickt wird.

Kampf ums freie Wort

Mit „Darina, die Süße“, einer Familiengeschichte aus der Nachkriegszeit in der Bukowina, ist erstmals ein Werk der ukrainischen Schriftstellerin Maria Matios auf Deutsch erhältlich. Im vergangenen Jahr zog die prominente Autorin für die Reformpartei des Boxweltmeisters Vitali Klitschko ins ukrainische Parlament ein.

Der Kampf um das freie Wort in der Ukraine brennt dem Schriftsteller Jurko Prochasko unter den Nägeln. Die größte Bedrohung sei aber nicht die Zensur, sagt er, sondern die Oligarchisierung der Medien. Die schwerwiegendste Folge war eine Demoralisierung. Prochasko beschreibt die Entwicklung so: Vormals staatliche Medien mussten auf einmal jemandem gehören. Die Oligarchen griffen bereitwillig zu, denn für sie war es eine Art Auszeichnung eine Zeitung oder einen Fernsehsender zu besitzen. Das dekorierte sie. Nun benutzen sie „ihre Medien“ um ihre Interessen zu verfechten und die der anderen zu bekämpfen. „Wir müssen selbstkritisch reflektieren, wie beeinflusst wir sind.“

Schnell läuft sich der Betrieb auf der Buchmesse warm. Auch die Wintersonne kommt raus. In den Glasröhren, die die fünf Messehallen verbinden wird die Luft stickig. Frauen mit Kinderwägen und sehr viele Jugendliche drängen sich hier.

Who the fuck is Faust?

Um Schülern – aber nicht nur denen – Weltliteratur näher zu bringen haben einige Comic-Verlage einen mutigen Schritt gewagt. Sie erzählen die Klassiker in Bildergeschichten. Grafic Novel nennt sich das dann. Paradebeispiel ist „Faust“, an den sich der Zeichner Flix gewagt und ihn modern umgesetzt hat. Mit dem Deutschunterricht war Flix unzufrieden. Er hatte die Idee einen Comic zu machen. Leitfrage: „Who the fuck is Faust?“ Anders gesagt: „Was macht heutzutage einer, der fünf Fächer studiert hat?“ Flix‘ Antwort: „Er fährt Taxi.“

Neben Verlagen wie Carlsen, Avant und Knesebeck, die dem anspruchsvollen Comic in Deutschland eine Bresche schlagen, ist es der kleine Berliner Reprodukt-Verlag, der sich seit nun 21 Jahren als Trüffelschwein auf dem weiten Feld der Neunten Kunst betätigt. Auf der Buchmesse stellt das Team den Grafic Novel „Jimmy Corrigan, der klügste Junge der Welt“ vor, Zeichner Chris Ware spricht bei mehreren Veranstaltungen über seine Arbeit. Der Band ist schon aufgrund seines Themas bemerkenswert: Sein namensgebender Protagonist ist das Gegenteil eines typischen Comic-Helden. Jimmy Corrigan ist ein Büroangestellter, der unfähig ist, sich von seiner Mutter abzunabeln. Letztlich ist er einer, den seine Welt im Griff hat.

Karneval, Samba und Fußball. Auch an diesem Stand geht es heiß her. Brasilien gibt in Leipzig den Startschuss für eine Literatur-Werbetour durch Deutschland. „Viele Menschen wollen uns und unsere Mentalität kennenlernen – was gibt es da Besserers als Bücher?“, sagt Galeno Amorim, Chef des brasilianischen Organisationkomitees. Brasilien, das Land von Jorge Amado und Paulo Coelho, ist mit 90 Millionen potenziellen Lesern einer der größten Buchmärkte überhaupt. Nun soll im Bücherfrühling von Leipzig auch das Sambafieber ausbrechen.

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