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Der Chef von Heimspiel geht von Bord

Sascha Keilholz wird neuer Leiter des Filmfestivals Mannheim-Heidelberg. Ein Trio rückt beim Regensburger Filmfest nach.
Von Katharina Kellner

Dr. Sascha Keilholz wird bald eines der ältesten Filmfestivals der Welt leiten. Regensburg hinterlässt er mit Heimspiel ein klug konzipiertes und professionell umgesetztes Filmfest. Foto: Katharina Kellner
Dr. Sascha Keilholz wird bald eines der ältesten Filmfestivals der Welt leiten. Regensburg hinterlässt er mit Heimspiel ein klug konzipiertes und professionell umgesetztes Filmfest. Foto: Katharina Kellner

Regensburg.„Ich bin sehr entspannt“, sagt Dr. Sascha Keilholz und streckt im Korbsessel des Café Pernsteiner den Rücken durch. Keilholz hat in den vergangenen Wochen eine wichtige Entscheidung getroffen, die nun offiziell ist: Im Juli tritt er die Stelle als neuer Leiter des Internationalen Filmfestivals Mannheim-Heidelberg an. Für Regensburg bedeutet das: Der Gründer und Leiter des Heimspiel-Filmfestes gibt „sein“ Festival in neue Hände. „Wir werden mein Gewicht zukünftig auf mehrere Schultern verteilen“, scherzt Keilholz gut gelaunt und klopft sich dabei auf den Bauch.

Das neue Festival-Team

  • Chrissy Grundl

    (Foto: kk) hat einen Master in Medienwissenschaft und arbeitete als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl. Im Leitungsteam kümmert sie sich um Organisation und Öffentlichkeitsarbeit.

  • Felix Rieger

    (Foto: Wallner) studiert Medienwissenschaft, Politikwissenschaft und deutsche Philologie (6. Semester). Im Leitungs-Team kümmert er sich um die Filmakquise und um die Disposition des Materials.

  • Stefan Wallner

    (Foto: Rieger) studiert Politik- und Medienwissenschaft auf Bachelor (6. Semester). Im Leitungs-Team kümmert er sich um die finanziellen Aspekte des Festivals und das Programmheft.

  • Bianca Schweighofer

    (Foto: kk) ist wissenschaftliche Hilfskraft am Lehrstuhl für Medienwissenschaft. Sie ist neu im Heimspiel-Team und für das aktuelle Festival für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit zuständig. (kk)

Der Film- und Literaturwissenschaftler Keilholz hat Heimspiel im Rahmen eines Praxisseminars am Lehrstuhl für Medienwissenschaft organisiert. Wechselnde Teams wählen jährlich deutschsprachige und internationale Highlights der aktuellen Kinosaison aus. Die Studierenden machen alles selbst – Filmakquise, Programmauswahl, Gästebetreuung, Sponsorensuche, Betreuung von Website und Social-Media-Kanälen, Gesprächsmoderation.

Chrissy Grundl, Felix Rieger und Stefan Wallner standen bei Heimspiel bislang in der zweiten Reihe. Künftig werden sie das Filmfest als Dreifach-Spitze führen. Das ist für Keilholz ein Grund zur Freude: „Das ist meine Wunschkonstellation“, sagt er über seine Nachfolger und zählt deren Qualitäten auf: Grundls Souveränität, mit der sie ein anspruchsvolles Podiumsgespräch mit den Editorinnen Bettina Böhler, Juliane Lorenz und Maren Unterburger moderierte. Stefan Wallner sei ein „extrem guter Schreiber“. Und Felix Rieger habe ausgeprägte Kenntnis der Filmverleihbranche. Grundl hat sechs Heimspiel-Ausgaben mitgemacht, Rieger und Wallner sind zum Festival 2018 zum Team gestoßen. „Gäbe es die drei nicht, hätte es vielleicht 2019 kein Heimspiel-Filmfest gegeben“, sagt Keilholz.

Seit zwölf Jahren in Regensburg

Bei Grundl, Rieger und Wallner weiß er das Festival in guten Händen. Das ist deshalb bemerkenswert, weil Keilholz in den vergangenen zehn Jahren eine Menge beruflicher und privater Zeit und Energie in das Festival gesteckt hat. Heimspiel hat sich trotz kleinen Budgets und ohne bezahlte Mitarbeiter einen Namen gemacht: Es steht für Autorenkino und hochwertige Filme, die oft unkonventionell sind – und zuweilen unbequem. Das Festival fordert seine Zuschauer heraus – Heimspiel-Kenner schätzen das gerade.
Der 1978 in Hamburg geborene Keilholz war vor zwölf Jahren mit seiner Frau Dr. Silke Roesler-Keilholz nach Regensburg gekommen – sie hatte eine Stelle am Lehrstuhl für Medienwissenschaften der Uni angetreten. Zusammen mit ihr und Dr. Medard Kammermeier, Gründer der Kinos im Andreasstadel, konzipierte Keilholz die Reihe „Spotlight“, um Studierenden Filmgeschichte nahezubringen. Daraus entwickelte das Trio Heimspiel. Seither macht das Festival Regensburg, sonst nicht gerade eine Filmstadt, während einer Woche im November regelmäßig zu einem Hotspot des deutschen Autorenfilms: Der gute Ruf des Festivals hat Christian Petzold, Dominik Graf, Iris Berben, Ulrich Matthes, Matthias Brandt, Peter Kurth und viele andere Filmschaffende an die Donau gelockt.

„Das ist ein Festival von einer gewissen Größe. Hier habe ich mehr Möglichkeiten als in Regensburg und mehr Freiheiten, als ich bei der Berlinale oder in Cannes hätte.“ Dr. Sascha Keilholz

Sie schätzen, wie auch die Festival-Besucher, die sorgfältige Vorbereitung der Heimspiel-Macher, die sich im Programm und gut informierten Podiumsgesprächen niederschlägt. „Das ist der Luxus, den wir uns im Praxisseminar leisten können: Uns monatelang auf Filmgespräche mit Christian Petzold oder Iris Berben vorzubereiten“, sagt Keilholz. Dass sich am hohen Qualitätsanspruch von Heimspiel zukünftig nichts ändern soll, macht Chrissy Grundl klar, die mit Keilholz und Heimspiel-Pressefrau Bianca Schweighofer zum Gespräch mit der MZ gekommen ist: Die Intention ihres Vorgängers, ungewöhnliche Filme zu zeigen, die miteinander im Kontext stehen, will sie beibehalten, ebenso die Organisation im Uni-Seminar. Als Neuerung für 2019 plant das Team eine Sondersektion unter dem Motto „Im Transit“. Nicht nur das Festival selbst sei durch den Wechsel an der Spitze im Übergang, sagt Grundl. Es gebe derzeit viele gesellschaftspolitische Veränderungsprozesse wie Diversität oder wachsende soziale Ungleichheit. Für Grundl und ihre Mitstreiter ist das Festival Teil eines Diskurses.
Keilholz freut sich darüber, wie gut Heimspiel überregional wahrgenommen wird. Sein Engagement in Mannheim sieht er als Beweis dafür. Für ihn hat sein ehrenamtlicher Einsatz für Heimspiel sich nun ausgezahlt.

Keine Würdigung durch die Stadt

Auf Keilholz kommt einiges zu: In Mannheim-Heidelberg wird er künstlerischer und kaufmännischer Leiter des Festivals. Sein Vorgänger Dr. Michael Kötz beendete seinen Vertrag, um sich ab 2020 ganz seinem zweiten Filmfestival auf der Ludwigshafener Parkinsel zu widmen. Das Alleinstellungsmerkmal des Internationalen Filmfestivals Mannheim-Heidelberg ist ambitioniert: Hier werden nur Debüts gezeigt. Keilholz wird viel reisen müssen, um in aller Welt neue, aufregende Erstlingswerke aufzuspüren. Er freut sich auf die neue Herausforderung: „Das ist ein Festival von einer gewissen Größe. Hier habe ich mehr Möglichkeiten als in Regensburg und mehr Freiheiten, als ich bei der Berlinale oder in Cannes hätte.“

Wenn Keilholz Regensburg verlässt, wird sein kleines, feines Filmfest bleiben und weiterhin Kulturschaffende anziehen. Die Stadt Regensburg bedenkt Heimspiel seit einigen Jahren mit einer vergleichsweise überschaubaren Zuwendung. Unverständlich ist, warum die Stadt in zehn Jahren nicht auf die Idee kam, das außergewöhnliche Konzept und Engagement von Keilholz und seinem Team mit einer Auszeichnung zu würdigen. Nun ist es wohl zu spät: Zukünftig wird Keilholz in Mannheim und Heidelberg dafür arbeiten, dass Qualität auf die Kino-Leinwände kommt.

Lesen Sie dazu auch über die Auftritte von Matthias Brandt und Iris Berben beim Heimspiel-Filmfest 2018.

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