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Porträt

Der, der das Unvereinbare vereint

Picasso ging vor ihm auf die Knie: Vor 125Jahren wurde Joan Miró geboren, der Meister der schöpferischen Zerstörung.
Von Helmut Hein

Der spanische Künstler Joan Miro war nicht nur Maler, sondern auch ein begnadeter Bildhauer. Hier arbeitet er nahe Barcelona an einer Bronzeskulptur Foto: F. Catala-Roca/dpa
Der spanische Künstler Joan Miro war nicht nur Maler, sondern auch ein begnadeter Bildhauer. Hier arbeitet er nahe Barcelona an einer Bronzeskulptur Foto: F. Catala-Roca/dpa

Regensburg.Es gibt offenbar Bilder, in denen sich ganze Gesellschaften oder auch nur einzelne Subkulturen für eine gewisse Zeit wiedererkennen. Für eine typische Post-68er-Studenten-Wohngemeinschaft sah das etwa so aus: Frank Zappa mit heruntergelassenen Hosen auf einer Klobrille hockend (WC-Tür), Che Guevara, christusgleich, mit revolutionär-feurigem Blick und schiefsitzender Baskenmütze (WG-Gang oder -Küche) und Joan Miró im Kaufhaus-Kunstdruck (gleich mehrfach, in diversen WG-Wohn- und/oder Schlafräumen).

Wer nur diese verspielt-zeichenübersäten Mirós in fröhlichen Farben kennt, würde in späteren Jahren vermutlich ohne weiteres das Urteil neidischer Malerkollegen verstehen, ja vielleicht sogar teilen, Mirós Bilder seien „naiv“ oder sogar „infantil“. Ihn müsste aber dann die Aussage des eine halbe Generation älteren Pablo Picasso verblüffen: „Nach mir bist du es, der neue Türen öffnet.“ Der Künstler als Revolutionär – und als Produzent von Reichtum. Auch das war Miró.

Gesagt, getan!

Und wenn Theaterleute gerne sagen, Shakespeare sei der größte, weil er – nach Gott – am meisten geschaffen habe, müsste es für die bildende Kunst heißen: Picasso und Miró sind die großen, unvergleichlichen Weltenschöpfer, die sich nie um Konventionen kümmerten und auch das alte Galeristen-Bedürfnis nach einem wiedererkennbaren und folglich vermarktbaren Stil konsequent missachteten. Ihr Hausgott, an dem sie sich orientierten, war Proteus, der Vielgestaltige; der, der sich nicht festlegen lässt, sondern in immer neue Formen erscheint.

André Breton, der Papst der Surrrealisten, der strenge Hüter der reinen Lehre, der meist nur die eigenen Überzeugungen gelten ließ und aufmüpfige Mitstreiter gern exkommunizierte, sagte von Miró in seinem Standardwerk „Der Surrealismus und die Malerei“ (1967), er könne „als der ‚surrealistischste‘ von uns gelten“, er verkörpere wie kein Anderer das ästhetische Prinzip des „reinen Automatismus“, der zensur- und kontrollfreien schöpferischen Kraft. Noch einmal Breton: „Keiner ist so geschickt wie er, das Unvereinbare zu vereinen.“ Und, nicht zu vergessen, er ist viel radikaler als Picasso, „gleichgültig, etwas zu zerstören, bei dem wir nicht einmal den Wunsch wagen, es zu zerstören.“ Bei Miró war die schöpferische Zerstörung, wie das etwa zur selben Zeit der Ökonom Schumpeter nannte, Programm: „Die Surrealisten haben, wie man weiß, den Tod der Malerei verordnet. Ich will den Mord.“ Und seinem Programm entsprach seine Praxis. 1973, da war er immerhin schon 80, aber nicht im mindesten altersmilde, verblüffte er mit seiner fünfteiligen Serie „Verbrannte Leinwände“. Das musste man wörtlich nehmen.

Entschiedener noch als der berüchtigte „Schlitzer“ Lucio Fontana attackierte er seine eigenen Werke mit dem Lötkolben, schnitt riesige Flächen aus der Leinwand. Sein Protest gegen den Kommerz in der Kunst und geldgierige Kollegen. Mit seiner „Aktion“ wollte er all den Kollegen „die glauben und behaupten, dass ihre Werke ein Vermögen wert sind, einmal Scheiße“ entgegenrufen. Miró: nicht nur ein Meister vieler Genres und Stile, sondern auch, bei Bedarf, deutlicher Worte. Seine Attacke auf die eigenen Bilder war kein Akt der Barbarei, sondern ein poetisches Statement.

Aber wie soll man den ganzen Reichtum dieses Werks beschreiben, das nicht nur mehrere tausend Gemälde, Skulturen und Zeichnungen umfasst, sondern eben auch Wandteppiche, Glasfenster, Bühnenbilder, -kostüme und zahlreiche Buchillustrationen?

Der ewige Grenzgänger

Vielleicht so: Miró blieb stets ein Grenzgänger, ein Mann der Übergänge. Ihn faszinierten die Transfers zwischen Literatur und bildender Kunst, zwischen Realismus und Abstraktion. Er war auch einer, der geradezu manisch die Einflüsse anderer Künstler in sich aufnahm. Außerdem: Er war einer der wütendsten, wildesten Maler, vital und von einer sexuellen Drastik, die sich schwer überbieten ließ; und zugleich ein Sanfter, der unermüdlich an einem eigenen Kosmos aus Zeichen und Symbolen arbeitete, in dem man sich verlieren kann. Und er war stets politisch, ein stolzer Katalane und ein überzeugter Republikaner, der Franco und die Nazis verabscheute. Bis ins hohe Alter, noch mit 90, wurde er getrieben von einem nie erlöschenden Begehren. Der Gott, dem er sich gern überließ, war eine Göttin: Artemis oder Diana, zuständig für die Jagd und die Fruchtbarkeit.

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