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Literatur

Der dichtende Rebell aus Wien

Wolf Wondratschek ordnete sich nie dem Literaturbetrieb unter. Er schrieb sogar einen Roman für einen Fan. Jetzt wird er 75.
von Helmut Hein

Jahrelang beschwor Wolf Wondratschek einen exklusiven Kampfplatz der Männer: den Boxring. Auch bei einer Lesung in Regensburg machte er deutlich, was die „Rockys“ und „Tigers“ für ihn bedeuten. Foto: altrofoto.de
Jahrelang beschwor Wolf Wondratschek einen exklusiven Kampfplatz der Männer: den Boxring. Auch bei einer Lesung in Regensburg machte er deutlich, was die „Rockys“ und „Tigers“ für ihn bedeuten. Foto: altrofoto.de

Wien.Die schon etwas älteren Herren hielten sich für das kritische Gewissen der Nation – und sich selbst für unantastbar. Dann tauchte plötzlich ein „Trio Infernal“ auf. Der erste – Rolf Dieter Brinkmann – bedrohte Reich-Ranicki mit einer Maschinenpistole; und der erschrak mächtig, obwohl es sich doch unübersehbar nur um Plastikspielzeug und also um einen bloß symbolischen Vatermord handelte. Der zweite – Peter Handke – bescheinigte ihnen „Beschreibungsimpotenz“; und beendete so mit einem wohlgesetzten Wort die lange glorreiche Geschichte der Gruppe 47. Der dritte – Wolf Wondratschek – kam so unbürgerlich daher, dass es manchen selbst in diesen doch angeblich kulturrevolutionären 68er-Zeiten wehtat. Was fand da statt?

Heute würde man wohl von Disruption sprechen, der 2.0-Version der „schöpferischen Zerstörung“ des Ökonomen Schumpeter: Man macht mit dem Alten Schluss, wenn es scheinbar gerade am Schönsten ist – in Wahrheit ist längst der Wurm drin – und beginnt mit etwas Neuem. Man sah das schon den Buchtiteln an: Handke legte mit „Die Innenwelt der Außenwelt der Innenwelt“ vor, Wondratschek antwortete effektsicher mit „Früher begann der Tag mit einer Schusswunde“ – da wird sofort die Fantasie rege.

Er zerlegte alles in Einzelteile

Brinkmann, Handke und Wondratschek gingen davon aus, dass man nicht einfach immer so weitermachen kann. Ihre bis heute gültige Einsicht: Man kann eine Form nur einmal verwenden. Beim zweiten Mal ist sie schon Klischee, stumpft Gedanke und Gefühl ab. Und die Inhalte? Verdienen es, dass man sie dekonstruiert, also in ihre Einzelteile zerlegt und genau schaut, woraus sie bestehen und wie das Ganze funktioniert.

Der junge Wondrastschek schrieb also – um einen ganz verbrauchten Ausdruck zu verwenden – experimentelle Lyrik und Prosa, kam damit bei Hanser unter und musste zusehen, wie Handke beim großen Bruder Suhrkamp dabei war, sich ein Weltreich des Geistes aufzubauen. Das war nichts für Wondratschek. Er war einer, auf den man nicht bauern konnte, wie er nicht müde wurde, mit einem gewissen Brecht-Stolz zu behaupten; und dem auch auf Erden oder zumindest beim renommierten Hanser Verlag nicht zu helfen war. Er verblüffte noch, während überall die Soziologie zur Leitdisziplin wurde, mit strengen verstörenden Exerzitien: „Der Bauer zeugt mit der Bäuerin einen Bauernjungen, der unbedingt Knecht werden will.“

Bestsellerautor bei „2001“

Dann stieg er aus. Er verließ die Buchhandelsbranche und wechselte zu „2001“, einem Mailorder aus dem Geist Bukowskis und der Studentenrevolte, der mit Billigst-Preisen und einem originellen Programm zum Fast-Allein-Ausstatter studentischer WGs wurde. Wondratschek veröffentlichte dort Lyrik, die nichts mehr mit Benn und der Bachmann zu schaffen hatte, sondern sich eher einem Rock ’n’ Roll-Groove hingab. Während bei Suhrkamp und Hanser Lyriker froh sein konnten, wenn sie mehr als 600 Stück verkauften und manche Auflagen fast nur aus Rezensionsexemplaren bestanden, konnte sich Wondratschek rasch über Verkäufe im sechsstelligen Bereich freuen („Chuck’s Zimmer“)

Damals gab es ein Faible für unbürgerliche Authentizität, das Wondratschek bediente wie kein anderer; und man konnte nie sicher sein, was Show oder Strategie war und was einfach sein Leben. Was für das (Jung-)Bürgerttum damals besonders skandalös und zugleich verlockend war: seine Nähe zum Huren- und zum Boxer-Milieu, wobei er gern durchblicken ließ, dass er nie nur Beobachter war. So machte er Domenica literaturfähig und sie ihn zu einer Art mitfühlendem Macho.

Bei einer Lesung vor einigen Jahren in Regensburg machte er unmissverständlich klar, was für ihn Boxen war und wie sehr der all die vom Feuilleton bewunderten Henry Maskes und Wladimir Klitschkos verachtete, die vor allem darauf bedacht waren, dass ihre Gesichtshaut unversehrt blieb; und wie sehr er es genoss, wenn ihm als Zuschauer das Blut der Kämpfer ins Gesicht spritzte. Street-Credibilty war für ihn entscheidend, auch wenn er schrieb. Wobei man darüber aber nicht vergessen sollte, wie gebildet und technisch versiert dieser Autor ist. Am selben Abend, an dem er von all den „Rockys“ und „Tigers“ schwärmte trug er Sonette von verblüffender Eleganz und Suggestivität vor. Dieser Autor war kein verschwitzter Text-Arbeiter, der verzweifelt mit der richtigen Anzahl von Hebungen und Senkungen kämpfte, sondern ein Dichter, der die Rhymes und Reime im Blut hatte.

War Wondratschek ein Verstoßener des Literaturbetriebs oder tat er nur so? Jedenfalls setzte er in einer Zeit, in der Leidenschaft im Zuge der großen, alles wegwischenden Gleichheit zu einer Sache der Verabredung wurde, auf Pathos und Tragik, auf eine Erotik, die verzehrt und nicht bloß ihren Beitrag zur Selbstverwirklichung leistet. Kein Wunder, dass ausgerechnet Carmen zu seinem gern besungenen Frauen-Rolle-Model wurde – was nicht alle goutierten. Wollten Verlage seine „Sachen“ nicht mehr publizieren? Das sei dahingestellt. Jedenfalls schrieb er 2014 seinen großen Roman „Selbstbildnis mit Ratte“ exklusiv für eine einzige Person, den Wiener Investor, Literaturliebhaber und Wondratschek-Fan Helmut Meier. Diese Ein-Exemplar-Auflage war für ihn deutlich lukrativer als es viele von sich behaupten können, die für ein paar Wochen auf der Spiegel-Bestsellerliste landen. Und dass wir anderen nicht dabei sein dürfen, stachelt natürlich die Neugier an. Diesem Investor verdankt er wohl auch den „Alternativen Büchner Preis“, der ausgelobt wurde, weil die wirklichen, offiziellen Preisträger so gremienkompromisslerisch-langweilig seien.

Ist Wondratschek mit sich im Reinen, muss man ihn sich als glücklichen Mann denken? Da bleiben Zweifel. Jedenfalls gibt es von ihm eine Art Video-Konfession: Wie nervtötend-anstrengend es für ihn sei, immer den Wolf Wondratschek darzustellen, also einen Bildauftrag und ein Bedürfnis der Öffentlichkeit zu erfüllen. Am liebsten würde er, à la Baudelaire, einfach in der Großstadt-Menge verschwinden; deshalb sei er auch nach Wien gezogen. Am 14 August wird Wondratschek, dem man immer noch den passionierten Boxer ansieht, 75.

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