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HipHop

Der ganz große Flow

XXXTentacion, Drake, Kanye West: Rap ist eine Art Reflektieren über die Welt und trotz aller Brüche aktueller denn je.
Von Helmut Hein

XXXTentacion galt als Senkrechtstarter der Rap-Szene. Im Juni wurde der 20-Jährige in Deerfield Beach/Florida auf offener Straße erschossen. Foto: Matias J. Ocner/Miami Herald/TNS via Getty Images/teleschau
XXXTentacion galt als Senkrechtstarter der Rap-Szene. Im Juni wurde der 20-Jährige in Deerfield Beach/Florida auf offener Straße erschossen. Foto: Matias J. Ocner/Miami Herald/TNS via Getty Images/teleschau

Der eine wurde von zwei Unbekannten erschossen, als er einen Laden für Motorradzubehör verließ. Der andere rühmte „seinen“ Präsidenten Donald Trump. Und der Dritte, Drake, drückt Wildfremden dicke Dollarbündel in die Hand, als sei er der Herrgott höchstpersönlich und müsse verpfuschte Leben auf diese Weise heilen. Das sind, so scheint es zumindest, nur verschiedene Spielarten eines grassierenden Wahns. Ist HipHop als Musik- und Lebensform also noch zu retten?

Kanye West scheut sich nicht, mit Donald Trump zu posieren. Foto: EPA/John Taggart / Bloomberg / Pool / dpa
Kanye West scheut sich nicht, mit Donald Trump zu posieren. Foto: EPA/John Taggart / Bloomberg / Pool / dpa

Natürlich. Noch nie war HipHop, der längst die Rockmusik als Leitwährung der Popkultur abgelöst hat, so stark und präsent wie in diesen Tagen. Wenn man nach seinem Geheimnis fragt, müsste die erste Antwort lauten: Es ist der große Flow, dieses mitreißende Fließen der Rhymes – das einen nicht mehr loslässt. Und die zweite: Es ist die Vielfalt; der Rap ruht auf einem Bett aus Jazz-Zitaten, Metal-Kürzeln und der oft kaum mehr wahrnehmbaren Mikro-Präsenz so vieler anderer Genres. Und: HipHop, diese Ghetto-Kunst, hat längst ein tiefer Kunstwille erfasst, der aber erstaunlicherweise nichts an der fortbestehenden street-credibilty ändert.

Rapper Drake besetzt mit „Scorpion“ nun schon drei Wochen hintereinander die Spitzenposition in den US-Charts. Foto: Igor Vidyashev/ZUMA Wire/dpa
Rapper Drake besetzt mit „Scorpion“ nun schon drei Wochen hintereinander die Spitzenposition in den US-Charts. Foto: Igor Vidyashev/ZUMA Wire/dpa

Zur HipHop-Faszination trägt sicher bei, dass er vor Paradoxien nicht zurückscheut. Dieser Jahseh Dwayne Onfroy, der sich selbst XXXTentacion nannte und mit gerade 20 in einem Kugelhagel zusammenbrach, verbrachte einen Großteil seines Teenagerlebens im Zuchthaus, wollte längst mit der Musik Schluss machen. Dann aber veröffentlichte er im März 2018 mit „?“ ein Studio-Album, das sofort auf Platz 1 der US-Album-Charts schoss. Und er produzierte zur ersten Single „Sad!“ ein Video, wie man es so noch nicht gesehen hatte. Den Rahmen des berückenden Flows seiner Musik bildete eine Art Predigt oder Vorlesung. Er reflektierte über eine Welt, die aus den Fugen ist und über die Notwendigkeit von Liebe und Kompromissfähigkeit. Er sprach von den Dämonen in einem selbst, mit denen man permanent im Streit liege und die man besiegen müsse. Und er setzte sein Bekenntnis in Szene, als handele es sich dabei um ein „martial arts“-Subgenre. Sehr beeindruckend.

Lesen Sie auch: Nach den jüngsten Morden – wie gefährlich ist die Rap-Szene?

US-Musiker Kanye West kommt im Trump Tower an. Bei West wurde nach seinen Worten eine psychische Erkrankung festgestellt. Foto: John Taggart / Bloomberg / Pool / dpa
US-Musiker Kanye West kommt im Trump Tower an. Bei West wurde nach seinen Worten eine psychische Erkrankung festgestellt. Foto: John Taggart / Bloomberg / Pool / dpa

Noch beeindruckender aber ist sicher Kanye West, der Mann von Kim Kardeshian, wie manche erklärend hinzufügen, der zum erfolg- und einflussreichsten „act“ der Szene wurde, als Produzent, etwa für die neuen Alben von Christina Aguilera oder Nas fast noch mehr als in eigener Sache. Obwohl: Sein neues Album „Ye“ ist unüberbietbar aufgrund der Coolness und Relaxtheit der Rhymes, die bei keinem anderen so selbstverständlich fließen wie bei ihm, und durch den Witz, der noch den krudesten Obszönitäten ihre Schärfe nimmt.

Neues von Drake, Kanye & Xxxtentacion

  • Drake:

    „Scorpion“, erschienen am 29. Juni für ca. 16 Euro (CD) bei Republic (Universal)

  • Kanye West:

    „Ye“, am 1. Juni für ca. 9 Euro (CD) Def Jam (Universal)

  • XXXTentacion:

    „?“, am 1. Juni für ca. 13 Euro (CD) bei Caroline (Universal)

  • Christina Aguilera:

    „Liberation“, am 15. Juni für ca. 12 Euro bei Rca Int. (Sony), produziert von Kanye West

Und seine Statements? Die werden mühsam eingefangen, nicht zuletzt durch Ehefrau Kim: Kanye leide an einer bipolaren Störung, sei also himmelhochjauchzend und dann wieder zutodebetrübt. Und in manischen Phasen verliere er eben Maß und Urteilsfähigkeit. Obwohl: Auch der marxistische Kult-Autor Slavoj Zizek und der Filmemacher David Lynch dachten bereits darüber nach, ob dieser unmögliche Herr Trump am Ende nicht doch ein „großer“ Präsident sei, weil er durch all seine Unarten Schluss mache mit einer „verdickten“, auf Dauer unhaltbaren Situation, in der sich die westlichen Eliten eingerichtet hätten.

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