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Kultur
Dienstag, 19. Juni 2018 26° 4

Geschichte

Der Geist von 1968

Vor 50 Jahren erschütterte eine tiefe Unruhe verschiedenste Gesellschaften. Was sich damals ereignete, wirkt bis heute fort.
Von Helmut Hein

Der aus Frankreich ausgewiesene Studentenführer Daniel Cohn-Bendit spricht vor rund 2000 Studenten im Auditorium Maximum an der Freien Universität Berlin (Archivfoto vom 27. Juni 1968) Er äußerte die Überzeugung, dass die Revolution jetzt von Land zu Land wandern würde und rief den Studenten zu: „ Das ist nicht nur euer Kampf, sondern auch der Kampf der Nicht-Priviligierten“. Foto: Konrad Giehr/dpa
Der aus Frankreich ausgewiesene Studentenführer Daniel Cohn-Bendit spricht vor rund 2000 Studenten im Auditorium Maximum an der Freien Universität Berlin (Archivfoto vom 27. Juni 1968) Er äußerte die Überzeugung, dass die Revolution jetzt von Land zu Land wandern würde und rief den Studenten zu: „ Das ist nicht nur euer Kampf, sondern auch der Kampf der Nicht-Priviligierten“. Foto: Konrad Giehr/dpa

Jede Geschichte hat eine Vorgeschichte. Man versteht das, was gerade geschieht, oft nur, wenn man weiß, was vorher war – und was demnächst sein wird. Wer wissen will, wie es zur großen Revolte kam und was sie wiederum auslöste, für den bietet vielleicht die (männliche) Homosexualität das beste Anschauungsmaterial. Heute riskiert, wer nicht jede Idee, die aus der Schwulen-Community kommt, hervorragend findet und abnickt, einen Shitstorm und muss sich obendrein der Diagnose „homophob“ stellen. In den 1950er und 60er Jahren waren dagegen Schwule noch das Hassobjekt der „guten“ Gesellschaft. Sie wurden diskriminiert und mussten damit rechnen, ins Zuchthaus geworfen zu werden. Es gab den Paragrafen 175, der für homosexuellen „Verkehr“, auch unter Erwachsenen, harte Gefängnisstrafen vorsah. Denn: Schwuler Sex war ein Verbrechen und durfte nicht geduldet werden.

Ein Museumsmitarbeiter bedient im Heinz Nixdorf Museumsforum (HNF) in Paderborn ein an der Wand befestigtes iPad, auf dem Besucher Informationen und Filme zur Ausstellung „Genial & Geheim - Alan Turing in 10 Etappen“ abrufen können. Foto: Bernd Thissen/dpa
Ein Museumsmitarbeiter bedient im Heinz Nixdorf Museumsforum (HNF) in Paderborn ein an der Wand befestigtes iPad, auf dem Besucher Informationen und Filme zur Ausstellung „Genial & Geheim - Alan Turing in 10 Etappen“ abrufen können. Foto: Bernd Thissen/dpa

Nur zwei Beispiele für die Entsetzens-Praxis dieser Jahre: Alan Turing war ein früher KI-Forscher. Die Prototypen des Computers nannte man damals „Turing-Maschinen“. Diesem Alan Turing verdanken die Engländer mehr noch als Churchill oder dem Beistand der Amerikaner, dass sie nicht von den Nazis überrannt oder zumindest ausgehungert wurden. Denn Turing knackte mit seinen avancierten Methoden den „Enigma“-Verschlüsselungs-Code, von dem die Nazis dachten, er könne von niemandem und unter keinen Umständen dechiffriert werden. Und was war der Dank seines Landes für diese unverhoffte Rettung aus tiefster Not? Man ließ ihm nach 1945 die „Wahl“ zwischen langer Haftstrafe und Kastration, schließlich war Alan Turing nicht nur ein genialer Forscher, er war auch – horribile dictu! – schwul. Wobei diese „Humanisten“ und Retter des Abendlands, die bekanntlich kein Blut sehen können, nicht einmal den Anstand hatten, die Sache mit einem kurzen, raschen Schnitt zu erledigen, sondern ihm eine chemische Kastration mit grauenhaftesten Nebenwirkungen aufdrängten. Alles im Namen der höheren Moral!

Die Auschwitz-Prozesse waren ein Auslöser für die Studentenrevolten

Ein Ehepaar als Nazijäger: 1968 ohrfeigte Beate Klarsfeld Bundeskanzler Kiesinger. Die Backpfeife machte die 29-jährige Beate Klarsfeld und ihren Mann Serge, jüdischer Franzose und Sohn eines Holocaustopfers, schlagartig berühmt. Foto: dpa/Wilhelm Leuschner
Ein Ehepaar als Nazijäger: 1968 ohrfeigte Beate Klarsfeld Bundeskanzler Kiesinger. Die Backpfeife machte die 29-jährige Beate Klarsfeld und ihren Mann Serge, jüdischer Franzose und Sohn eines Holocaustopfers, schlagartig berühmt. Foto: dpa/Wilhelm Leuschner

Und in Deutschland? Saßen die alten Nazis schon kurz nach dem Krieg wieder an den Schlüsselstellen der Macht, waren hohe Richter, Professoren und Regierungsbeamte. Der zweite Mann im Staat, Adenauers Hausmeier, der die Tagesarbeit für ihn erledigte, war der ruchlose Rasse-Theoretiker Hans Globke. Alles angesehene Mitglieder der Gesellschaft. Fritz Bauer dagegen, den der „linke“ hessische Ministerpräsident Georg August Zinn immerhin zum Generalstaatsanwalt gemacht hatte, blieb ein Außenseiter. Als Jude, als Schwuler und als Nazi-Jäger. Als Bauer Adolf Eichmann, den Organisator des millionenfachen Mordes an den Juden, in Argentinien ausfindig machte, hintertrieben die deutschen Behörden seine Versuche, ihn vor ein deutsches Gericht zu stellen. Weil sie, zu Recht, befürchteten, dass dabei ihr eigener „Beitrag“ ans Licht käme. Bauer, der Verzweifelte, nahm seine Zuflucht beim Mossad, dem legendären israelischen Auslandsgeheimdienst, der Eichmann entführte. Die Israelis hatten Fritz Bauer versprochen, ihn an Deutschland auszuliefern. Aber die Deutschen wollten ihn nicht. Dafür musste Bauer befürchten, selbst vor Gericht zu kommen: als „Hochverräter“ oder wegen seiner Homosexualität. Mehrfach wurden Bauer Fallen gestellt, denen er entging – aber nicht alle seine Mitarbeiter, die man dann erpresste, gegen Bauer auszusagen. Vergeblich! Fritz Bauer, der schon drauf und dran war, zu resignieren, konzentrierte sich in der Folge auf den großen Auschwitz-Prozess. Sein Vermächtnis. Und einer der Auslöser der Studentenrevolte.

Die war anti-autoritär, richtete sich gegen die Nazi-Väter und ihre verlogenen „Werte“. Weitere Auslöser: die Notstandsgesetze, die von der ersten großen Koalition unter dem Alt-Nazi Kiesinger durchs Parlament gepeitscht wurden und in denen die vielleicht leicht hysterische APO, die Außerparlamentarische Opposition, die Abschaffung der Demokratie sah. APO deshalb, weil es innerhalb des Parlaments ja nur die Mini-Opposition FDP gab, die ihrer Aufgabe nie gerecht werden konnte oder wollte. Kiesinger, auch das gehört zu ’68, wurde übrigens von Beate Klarsfeld, zusammen mit ihrem Mann Serge ebenfalls eine lebenslange Nazi-Jägerin, öffentlich geohrfeigt. Zur allgemeinen Verwunderung verzichtete Kanzler Kiesinger auf eine Anzeige. Aus gutem Grund! Er fürchtete, dass es bei einem Gerichtsverfahren um die Motive von Beate Klarsfelds Tat und damit um seine eigene Nazi-Vergangenheit ginge.

In Frankreich solidarisierten sich die Arbeiter mit den Studenten und Künstlern

Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger (l., CDU) lässt nach der Attacke von Beate Klarsfeld sein verletztes Auge untersuchen. Kiesinger verzichtete auf eine Anzeige, aus Angst, selbst ein Ziel der Ermittler werden zu können. Foto: dpa/Wilhelm Leuschner
Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger (l., CDU) lässt nach der Attacke von Beate Klarsfeld sein verletztes Auge untersuchen. Kiesinger verzichtete auf eine Anzeige, aus Angst, selbst ein Ziel der Ermittler werden zu können. Foto: dpa/Wilhelm Leuschner

Die 1960er Jahre waren die Hochzeit der Kooperation des Westens mit dubiosen Drittwelt-Despoten, den eigenen Macht- und Geschäftsinteressen zuliebe. Reza Pahlavi, der Schah von Persien, der als Märchenkönig aus dem Orient und wegen seiner privaten Dramen – die kinderlose Soraya, die der wunderschönen Farah Diba „geopfert“ werden musste – ein Darling der bundesdeutschen Boulevardpresse war, kam im Sommer 1967 zu einem Staatsbesuch nach Deutschland. Dabei kam es zu Prügelorgien persischer Sicherheitsdienste und deutscher Polizisten gegen Demonstranten und zur Ermordung von Benno Ohnesorg. Dieser 2. Juni gilt vielen als Gründungsdatum der Studentenbewegung – und wurde zum Namen einer Terrororganisation: „Bewegung 2. Juni“. So berühren sich hier Vor- und Nachgeschichte des Geists von ’68 in einem Ereignis.

Noch etwas war wichtig: der Protest gegen den eskalierenden Vietnamkrieg, der zunehmend staatsterroristische Züge annahm: Grauenhafte Brandbomben („Napalm“) und hochgiftige Entlaubungs-Chemikalien regneten vom Himmel. Hierzulande gab es schon im Februar 1968 einen großen „Vietnam-Kongress“. In den USA, wo es ja damals die allgemeine Wehrpflicht gab, waren die Proteste verständlicherweise noch heftiger – und sie verbanden sich in der Bürgerrechtsbewegung mit dem Kampf gegen die Diskriminierung der Schwarzen in allen Bereichen des öffentlichen Lebens.

Aber Deutschland und Amerika, Polen, Italien und Japan zum Trotz verbindet man den Geist von ’68 häufig mit Frankreich, mit dem legendären „Pariser Mai“. Das hat mehrere Gründe: Zum einen solidarisierte sich nur hier die vielbeschworene Arbeiterklasse mit den Studenten und Künstlern. Es kam zum Generalstreik, der für Wochen das Land lahmlegte und Staatschef de Gaulle ins Exil zwang. Zum anderen aber war die Revolte nirgends sonst so poetisch und fantasievoll, auch so libertär wie in Paris. Der damals gerade 23-jährige „rote Dany“, also Daniel Cohn-Bendit, der später zu einem prominenten Grünen-Politiker wurde, und zwar gut kosmopolitisch in Deutschland, in Frankreich und im Europa-Parlament, machte sich keinerlei Illusionen über den „realen Sozialismus“. Was, fragte er, bringt der bloße Austausch politischer Eliten – außer noch weniger Freiheit? Und was die Verstaatlichung der Produktionsmittel – außer einer Verschärfung der Ausbeutung?

Die Mai-Revolteure träumten von einem anderen Leben. Ihre Parolen hießen: „Seid realistisch, fordert das Unmögliche!“, oder: „Unter dem Pflaster ist der Strand“ oder, ganz simpel: „Die Fantasie an die Macht“. Ihre Utopie war, was später die deutschen Anarcho-Punks von „Ton Steine Scherben“ so formulierten: „Keine Macht für niemand“. Anarchie war in dieser Zeit noch kein Synonym für exzessive Gewalt.

Sehr wohl aber für das Experimentieren mit alternativen Lebensformen. Wobei sich hier rasch die Widersprüche der Studentenbewegung zeigten, der tiefe Riss, der durch sie hindurchging. Die einen, „ernsthafteren“, wollten politisch arbeiten, gingen in die Fabriken und gründeten später K-Gruppen, die wie eine Parodie auf die eben noch bekämpften autoritären Strukturen wirkten. Die anderen horchten in sich hinein, nahmen vor allem ihre eigenen, verschütteten Bedürfnisse wahr. Das konnte pubertäre Formen annehmen, wie bei Dieter Kunzelmann, der schon an den Schwabinger Unruhen der frühen 1960er Jahre teilgenommen hatte, jetzt bekennender Kommunarde in Berlin war und provokativ proklamierte: „Was kümmert mich der Vietnamkrieg, wenn ich Orgasmus-Schwierigkeiten habe?“.

Emanzipation der Frauen nicht auf die lange Bank schieben

Ernsthafter war da schon der weibliche Widerstand gegen neo-patriarchale Strukturen im SDS (Sozialistischer Deutscher Studentenbund), dessen Vordenker in den Anliegen der Frauen höchstens „Nebenwidersprüche“ entdecken konnten und sexuelle Befreiung vor allem als Carte blanche für hemmungslose Promiskuität deuteten: „Wer zweimal mit derselben pennt, gehört schon zum Establishment.“ Die Sex-Objekte aber entwickelten Selbstbewusstsein, gründeten „Weiberräte“ innerhalb des SDS und fassten ihre Erfahrungen in der Parole zusammen: „Befreit die sozialistischen Eminenzen von ihren bürgerlichen Schwänzen.“

Mit den „Weiberräten“ sind wir schon bei den nachwirkungsreichsten Elementen des Geists von ’68. Denn der SDS zerriss bald an seinen eigenen Widersprüchen und löste sich selbst auf. Übrig blieben einerseits die sogenannten K-Gruppen, die sich historisch rasch erledigten, obwohl es noch heute Restbestände gibt, wie man bei jeder Wahl erkennen kann, wenn man die Wahlplakate nur aufmerksam genug studiert, und andererseits eben die sozialen Bewegungen, die sehr erfolgreich waren und die Mentalität der bundesdeutschen Gesellschaft nachhaltig veränderten.

Das Grab von Benno Ohnesorg und seiner Frau Christa auf dem Bothfelder Friedhof in Hannover. Foto: Jochen Lübke/dpa
Das Grab von Benno Ohnesorg und seiner Frau Christa auf dem Bothfelder Friedhof in Hannover. Foto: Jochen Lübke/dpa

Ich nenne nur drei: die Frauenbewegung, die Umwelt- oder Öko-Bewegung und die Homosexuellen-Bewegung. Alle diese Bewegungen waren radikal, das heißt: Sie wollten die Art und Weise, wie wir (zusammen-)leben, von Grund auf verändern. Theodor W. Adorno, der am Ende missvergnügte Vordenker des Geists von ’68, sprach gern von der „Dialektik der Aufklärung“: Noch die vernünftigste Idee offenbart ihr schwarzes Herz, wenn man es zu weit treibt. So waren die „Weiberräte“ in ihrem Widerstand gegen die „sozialistischen Eminenzen“ sicher im Recht. Die Emanzipation der Frauen war überfällig und konnte nicht als „Nebenwiderspruch“ auf die lange Bank geschoben werden. Auch die geforderte „Verweiblichung“ der Gesellschaft war gut als Gegenmittel gegen spät-patriarchale Strukturen.

Diese „Verweiblichung“ hat aber längst auch junge, akademische Männer erfasst. So sehen es altehrwürdige „free speech societies“ an englischen Elite-Universitäten mittlerweile als ihre vornehmste Aufgabe an, die freie Rede zu verhindern, weil nämlich Meinungen, die nicht mit unseren übereinstimmen, verstörend und verletzend wirken (können). So wie – verstörenderweise, muss ich sagen – Studentinnen an amerikanischen Universitäten durchgesetzt haben, dass in juristischen Vorlesungen und Seminaren nicht mehr von Vergewaltigung und Missbrauch die Rede sein dürfe, weil sie das möglicherweise traumatisiere. Widersprüche wird man nicht los, auch wenn man partout ein gutes Gewissen haben will – ohnehin der schlimmstmögliche Wunsch.

Die Moral weicht des Öfteren einem handfesten wirtschaftlichen Interesse

Besonders fatal wird es, wenn Idee und Interesse eine unheilige Allianz eingehen – auch eine Folge der Ideen von 68. In meiner Zeit bei der Studienstiftung erzählte mir Anfang der 1980er Jahre ein Kommilitone, damals 23 Jahre alt, er werde in spätestens zehn Jahren Multimillionär sein, weil die alternativen Energien, die er entwickle, angesichts der „Blödheit der Leute“, ich zitiere wörtlich, einer Lizenz zum Gelddrucken gleichkomme. Riesige Margen, keinerlei Risiko. Man müsse die Politik, die Medien, die Öffentlichkeit nur bei der „Moral“ packen. Das funktioniere immer. Ich hielt ihn damals für einen postpubertären Angeber. Aber er hatte recht.

Knapp zehn Jahre später traf ich ihn am Rand eines Konzerts wieder. Auf meine ironische Frage, wann er denn nun in Rente gehe, meinte er nur. „Bin ich doch längst.“ Und dann fügte er noch hinzu, als sei es ihm ein tiefes Bedürfnis: „Die Leute sind so blöd.“

Der Text ist eine Leseprobe aus der Sonntagszeitung, die die Mittelbayerische exklusiv für ePaper-Kunden auf den Markt gebracht hat. Ein Angebot für ein Testabo der Sonntagszeitung finden Sie in unserem Aboshop.

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