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Kultur
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Theater

„Der haarige Affe“: Heizer Hübner im Schiffsbauch

Frank Castorf, bis 2017 langjähriger und umstrittener Chef der Berliner Volksbühne, inszeniert in Hamburg unter dem Titel „Der haarige Affe“ gleich mehrere O’Neill-Dramen. Die Titelfigur spielt Charly Hübner. Das Premierenpublikum reagiert einmal mehr gespalten.
Von Ulrike Cordes, dpa

Nicht zu erkennen: der Schauspieler Charly Hübner als Robert Smith in „Der haarige Affe“. Foto: Markus Scholz

Hamburg.In seinem Drama „Der haarige Affe“ von 1922 erzählt der Amerikaner Eugene O’Neill die Geschichte eines proletarischen Schiffsheizers namens Yank. Durch eine ihn verletzende Begegnung mit einer Millionärstochter im Bauch des Ozeanliners wird der sich seines Ausgestoßenseins bewusst.

Er sucht dann in der Gesellschaft nach seinem wahren Selbst. Doch am Ende wird Yank, der sich als „haariger Affe“ bezeichnet, von einem Gorilla zerquetscht. Das düstere, existenziell sozialkritische Werk des Literaturnobelpreisträgers hat Frank Castorf, der legendär umstrittene Ex-Chef der Berliner Volksbühne, im Deutschen Schauspielhaus Hamburg zum Mammut-Projekt über menschliche Verelendung im Kapitalismus geformt.

Mit einem Publikumsliebling in der Titelrolle - dem auch diesmal fulminant urwüchsigen Charly Hübner (Rostocker „Polizeiruf 110“ im TV). Dabei mochte einmal mehr nicht jeder im Premierenpublikum am Samstagabend dem gut fünfstündigen Spektakel folgen, in das Castorf unter anderem noch zwei weitere Stücke O’Neills eingearbeitet hat.

Viele Besucher nahmen nach der Pause ihre Plätze nicht wieder ein, andere gingen während der Vorstellung. Doch die, die ausgeharrt hatten, spendeten dem 66-jährigen Regisseur („Der Ring des Nibelungen“ 2013 in Bayreuth) und seinen Hamburger und Berliner Darstellern um Mitternacht langen Beifall und viele Bravo-Rufe.

Spektakulärer Dreh- und Angelpunkt der postexpressionistischen Show ist ein gigantischer, von Aleksandar Denic geschaffener Bühnenbau: Mal zeigt der seine Glitzer-Fassade mit altmodischer New Yorker Leuchtreklame („I‘d Walk A Mile For A Camel!“) und einem Zeitungskiosk voller bunter Süßigkeiten. Aber auch mit Plastikbeuteln voller leerer Flaschen und Dosen sowie einem U-Bahn-Eingang, der bereits die Schattenseite dieser Welt ahnen lässt. Dort unten, an der aus groben Hölzern gezimmerten Rückwand der häufig kreisenden Bühne, schuften im Dunst derbe Heizer mit rußgeschwärzten Gesichtern und Haaren auf der nackten Brust - Zustände, wie sie O’Neill, der als lebenslang verzweifelt Heimatloser selbst zur See gefahren war, hautnah kennengelernt hat.

Wie die Tiere wirken die Männer, die betrunken zwischen Ölfässern und Kohlebergen torkeln. Ihrer armseligen Existenz können die Theaterbesucher nicht unmittelbar, sondern vor allem über eine hoch aufgehängte Videoleinwand folgen. Was in den vorderen Parkettreihen durchaus Genickschmerzen hervorruft. Schauspielhaus-Säule Josef Ostendorf singt an dem mit etlichen Schlagern angereicherten, zugleich immer wieder Gott im Himmel beschwörenden Abend den todtraurigen Brecht/Weillschen „Alabama-Song“. Die Kollegen sehnen sich nach Freiheit und Gleichheit unter den Menschen. Doch der bullige Yank fühlt sich hier zu Hause. „Unten bin ich ein Teil der Maschinen. Aber warum auch nicht? Die bewegen sich. Ich bewege mich mit dem, was die Triebkraft von allem ist“, brüllt er.

Derweil macht sich oben, in ihrer keimfrei weiß strahlenden First-Class-Kabine, die dekadente Stahlmagnatentochter Mildred (Lilith Stangenberg) auf in den Kesselraum, um das Leben der Unterklasse zu studieren. Durch eine Art fehlschlagenden Liebesfunken aus seiner Verblendung gerüttelt, flüchtet sich Yank in die Warenwirklichkeit in der Hoffnung, dort seine ureigene Identität und deren Sinn zu finden. Doch trotz kommerzieller Erfolge zieht es ihn wieder in die Nähe seiner alten Wirkungsstätte und in den Tod. Die Wege der Figuren aus „Der haarige Affe“ kreuzt Castorf dabei immer wieder mit Potentaten und einem nur dank einer Maske vor seinem Gesicht anerkannten Künstler aus den O’Neill-Dramen „Kaiser Jones“ (1921, Titelrolle: Marc Hosemann) und „Der große Gott Brown“ (1926).

In einer Welt, die ihre Kritiker so wie auch Castorf Kapitalismus nennen, sind sie alle kaputt. Die im Dunkeln und die im Licht.

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