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Interview

Der Hund erwärmt Haus und Herz

Autorin Ildikó von Kürthy hat einen Hund. Uns gab sie einen Einblick in ihr Leben zwischen Kotbeuteln und Welpengruppen.
Von Heike Sigel

Frau von Kürthy, welche Tipps geben Sie Menschen mit auf den Weg, die sich einen Hund anschaffen wollen?

Zuerst: Man muss sich wirklich redlich und radikal dahingehend prüfen, wie man selber ist und was für einem Hund man gerecht werden kann. Viele Hundeexperten sagen, dass die meisten Fehler bereits bei der Anschaffung des Hundes entstehen. Und daraus werden dann immer größere. Also: Ein unsportlicher Mensch, ein Couchpotato, der sich einen großen Rhodesian Ridgeback kauft oder eine trübe Tasse, die sich einen lebhaften Australian Shepherd zulegt. Man muss schon sehen: Wie lebe ich? Was kann ich dem Hund bieten? Das muss dann mit der jeweiligen Hunderasse und deren Anlagen übereinstimmen – und das tut es eben oft nicht.

Und was muss man sonst noch beachten?

Natürlich muss man sich auch die Frage stellen: Will ich mich an einen Hund binden? Nun hatte ich schon zwei Kinder, mein Leben war eh schon verdorben (lacht herzlich) und fremdbestimmt, da kommt es auf einen Hund nun auch nicht mehr an. Die Phase „Wir fahren übers Wochenende spontan nach Venedig“ war sowieso vorbei und da fehlte mir einfach das i-Tüpfelchen. Ich bin ja mit Hunden aufgewachsen...

ldikó von Kürthy ist mit wechselnden Bühnenpartnern heuer in vielen Städten Deutschlands mit ihrer Show „Hilde“ zu Gast. Foto: Heike Sigel
ldikó von Kürthy ist mit wechselnden Bühnenpartnern heuer in vielen Städten Deutschlands mit ihrer Show „Hilde“ zu Gast. Foto: Heike Sigel

Ihr Vater war blind und deshalb auf Blindenführhunde angewiesen.

Genau. Und deshalb gehört in meiner Vorstellung von einer kompletten Familie wie selbstverständlich ein Hund dazu.

Impi, sozusagen der uneheliche Sohn der Blindenführhündin ihres Vaters, war in Ihrer Kindheit Ihr ganz eigenes Haustier.

Impi war mein erster und bis zu Hilde auch mein einziger eigener Hund. Das war schon toll für mich, dass ich mit ihm einen Hund hatte, der zu nichts gut und nur für mich da war. Er hatte ja keinen Beruf wie sonst die Hunde in meiner Familie. Aber auch die Blindenhunde gehörten für mich immer zur Familie dazu.

„Impi war noch kein Jahr alt, als er überfahren wurde. Ich war irgendwie mit schuld, weil ich nicht richtig aufgepasst hatte“

Ildikó von Kürthy, Autorin

Impi war noch kein Jahr alt, als er überfahren wurde. Ich war irgendwie mit schuld, weil ich nicht richtig aufgepasst hatte. Ich habe den Unfall gesehen und das Bild nie mehr vergessen. Allerdings ist mir mit Hilde klargeworden, dass man den alten Hund mit einem neuen nicht ersetzen kann.

Haben sich Ihre Söhne einen Hund gewünscht?

Meine Kinder waren begeistert. Aber gegen die hätte ich mich durchgesetzt, wenn ich keinen Hund hätte haben wollen. Nein, ich fand, dass es jetzt an der Zeit für einen Hund ist. Mein Mann sah das ja deutlich anders. Der wurde dann aber überstimmt (lacht).

Das Buch über Hilde

  • Seltsame Angewohnheiten:

    Hilde ist für Ildikó von Kürthy nicht nur ein Hund. Sie ist Hilde! Sie fürchtet sich, wenn ihr Magen knurrt. Sie fühlt sich regelmäßig von ihrem eigenen Schwanz verfolgt und empfindet moderne Objektkunst in Grünanlagen als Bedrohung ihrer Existenz. Hilde mag keine Hunde mit langen Beinen und langem Stammbaum und frisst am liebsten Schmutzwäsche. „Hilfe! Ich bin ein Frauchen!“, sagt von Kürthy. „In meinem Leben spielen nun biologisch abbaubare Gassibeutel, schmutzabweisende Kleidung und hochwertige Leberwurstkekse tragende Rollen.

  • Hilde und ich:

    Wir sind vom Hundefrisör beschimpft worden und waren die Stars in der Selbsthilfegruppe für schüchterne Welpen. Wir haben beim Hunderennen gegen einen Spaniel namens Joe Cocker verloren, sind von einem übergriffigen Mops belästigt worden und mussten uns gegen Rasse-Frauchen wehren, die immer alles besser wissen.“

  • Preis:

    „Hilde“ ist ein Tagebuch aus der seltsamen und wunderbaren Welt der Hundefreunde. Der Ratgeber einer Ratlosen. Ein ehrliches, lustiges, rührendes und unglaublich peinliches Buch für Zweibeiner, die ursprünglich auch nie so werden wollten wie all die anderen verrückten Hundebesitzer. Es ist erschienen im Verlag Wunderlich, die Originalausgabe (Hardcover) mit 384 Seiten kostet 19,95 Euro.

Sie haben sich ja im ersten Jahr mit Hilde von vielen Fachleuten Hilfe geholt. Welcher Ratschlag war für Sie der wertvollste?

Mir hat es immer gutgetan, mit pragmatischen Leuten und Hundetrainern zusammenzuarbeiten. Bei der Hundeerziehung geht es um Klarheit und Konsequenz. Es ist immer wichtig, dass man das Rudeloberhaupt ist und sich von vornherein nicht von dem Tier um den Finger wickeln lässt. Was man später nicht will, das soll man nie zulassen. Der wichtigste Satz für mich war, dass nur der streng und gut erzogene Hund ein freier Hund ist. Hilde kann so einigermaßen ohne Leine gehen, weil sie gehorcht. Hunde sind, glaube ich, glücklich, wenn sie gut erzogen sind, weil sie dann viel mehr dürfen.

Als Labradorbesitzerin muss ich Sie das fragen: Warum kommen Labradore in Ihrem Buch „Hilde“ so schlecht weg?

Ehrlich, kommen die in meinem Buch schlecht weg? Ich habe überhaupt nichts gegen Labradore (lacht)! Die kommen jetzt aber in der Show zu meinem Buch noch viel schlechter weg, da arbeite ich ja noch viel mehr mit Klischees. Labradore sind ja ein bisschen die Ostfriesen unter den Hunden, habe ich den Eindruck.

„Es tut mir leid, aber Labradore bieten sich für Witze einfach an – genauso wie die Ostfriesen“

Ildikó von Kürthy, Autorin

Das ist mir auch in den Hundeschulen aufgefallen. Weil die einfach so ein bisschen dickfellig und gemütlich sind. Es tut mir leid, aber Labradore bieten sich für Witze einfach an – genauso wie die Ostfriesen.

Es gibt ja Menschen, die empfinden Hunde eher als ständiges Ärgernis ...

... oftmals kann ich die sogar verstehen. Schlecht erzogene Hunde ärgern mich auch. Genauso wie schlecht erzogene Kinder. Manchmal haben Herrchen und Frauchen gar kein Gespür mehr dafür, was geht und was nicht. Hunde, die Kinder anspringen, oder Hunde, die gegen Radkappen oder Kinderwagen pinkeln, sind nicht mehr lustig. Da sind manche Hundehalter leider total schmerzbefreit. Aber man kriegt die Abneigung auch manchmal von allen Seiten ab. Auch von Tierschützern, weil man vermeintlich in der Hundeerziehung wieder mal was falsch gemacht hat. Zum Beispiel, weil man nicht barft (eine Ernährung für Haushunde, die hauptsächlich aus rohem Fleisch besteht, Anm. d. Red.), sondern lieber Trockenfutter gibt. Neulich war ich in Hamburg in einer Ladenstraße unterwegs, als Hilde gerade vor einen Laden kacken wollte. Ich hatte zwar einen Gassibeutel dabei, aber es war mir trotzdem unangenehm. Deshalb habe ich sie zum nächsten Grünstreifen weitergezogen. Plötzlich schreit mich eine Frau an, was mir denn einfällt. Ich drehte mich um und war mir wirklich keiner Schuld bewusst. Die Frau schrie: ,Sie können Ihren Hund doch nicht einfach so von der Toilette zerren, das gibt doch ein Trauma!‘. Es ist doch so: Wie man es macht, macht man es falsch. Der Zwist, in den man mit Hund geraten kann, ist wirklich mannigfaltig. Einmal ist mir mein Hund in den Sandkasten abgehauen. Das ist natürlich nicht in Ordnung. Aber was man da für Reaktionen abkriegt, das ist schon übertrieben. Das ist eine Welt, die mir vor Hilde total fremd war.

MZ-Autorin Heike Sigel mit der Autorin und ihrem Hund Hilde. Foto: Sigel
MZ-Autorin Heike Sigel mit der Autorin und ihrem Hund Hilde. Foto: Sigel

Es gibt andererseits auch Zeitgenossen, die ihren Hund regelrecht vermenschlichen.

Ja, Partnerersatz, Kinderersatz. Das ist ja auch alles völlig in Ordnung, solange die Hunde nicht darunter leiden müssen. Es ist doch schön, wie viele Hunde eine Erfüllung für vereinsamte Menschen sind.

Haben sich Ihre Sehnsüchte, die Sie letztendlich zur Anschaffung eines Hundes bewogen haben, nach eineinhalb Jahren mit Hilde erfüllt?

Nein, die Sehnsüchte haben sich nicht erfüllt. Gerade diese Vergangenheits-Sehnsüchte mit Impi nicht. Aber da bin ich zu dem friedlichen Ergebnis gekommen, dass die sich auch nicht erfüllen lassen. Mein Leben hat sich mit Hilde auch nicht komplett verändert, aber sie ist eine wunderbare, kleine Bereicherung eines Lebens, das mir auch vorher schon gut gefallen hat. Hilde hat mich aufmerksamer gemacht, ich komme mehr an die frische Luft und ich bin durch sie etwas langsamer geworden. Wenn wir spazieren gehen, dann schnüffelt sie hier und schnüffelt sie da. Wir bleiben stehen, wir gehen in Hinterhöfe, in die ich normalerweise nie reingehen würde. Wir kommen mit Leuten ins Gespräch, mit denen ich sonst nie sprechen würde. Diese absichtslose Bewegung, die ich seit Hilde habe, ohne Kalorienzählen, das ist das Neue.

Von Kürthys Buch greift das Leben als Hunde-Mama auf humorvolle Art und Weise auf. Foto: Frank Grimm
Von Kürthys Buch greift das Leben als Hunde-Mama auf humorvolle Art und Weise auf. Foto: Frank Grimm

Hilde ist ja inzwischen ein Star. Wie geht die Familie damit um?

Ja, das ist sie. Meine Kinder waren neulich im Park und dann hörten sie, wie ihnen nachgeflüstert wurde: ,Ist das nicht die Hilde?‘. Hilde ist ja Gott sei Dank kein Hund mit Allüren. Sie bekommt auch keine Kaviarschnittchen.

Sie sind ja eigentlich mit witzig-coolen Frauenromanen bekannt geworden. Wann erscheint der nächste „typische“ Von-Kürthy-Roman?

Ich fange jetzt mit einem an!

Um was wird es gehen?

Die Geschichten sind ja immer nah an meinem Leben dran. Deshalb spielt mein nächster Roman sicher in meiner Altersklasse.

Sie sind heuer 50 geworden. War das etwas Besonderes?

Ich habe ein großartiges Kostümfest gemacht. Das war super!

Motto?

„Die Stars unserer Jugend“. Das war so toll! Von Sissi, Zorro bis hin zu ABBA waren alle da! Die Fünfzig ist aber schon eine Wehmuts-Zahl, finde ich.

Weil?

Weil das Leben einfach weniger wird. So deutlich weniger. Die Hälfte ist jetzt drüber. Mich nervt dieses ,50 ist das neue 40‘, ,40 ist das neue 30‘. Ich bin nun mal so alt, wie ich bin. Ich will auch nicht wieder 40 sein. Ich bin ja jetzt, ehrlich gesagt, viel klüger als vor zehn Jahren. Das ist ja auch Sinn der Sache, dass man sich weiterentwickelt!

Apropos Veränderungen. Stellen die für Sie ein Problem dar?

Ein Problem nicht. Ich bin jetzt aber nicht so der Abenteurer-Typ. Veränderung lässt sich aber nun mal nicht verhindern, weder äußerlich noch innerlich. Und da finde ich es schon gut, wenn man versucht, selber mitzubestimmen, wohin man sich entwickelt.

Hund Hilde ist schon fast ein Star – manchmal wird er auf der Straße erkannt. Foto: Frank Grimm
Hund Hilde ist schon fast ein Star – manchmal wird er auf der Straße erkannt. Foto: Frank Grimm

Haben Sie deshalb 2005 auch Ihren Job als Redakteurin beim „Stern“ aufgegeben?

Ich wollte mich aufs Bücherschreiben konzentrieren. Es hatte dort eine gewisse Routine eingesetzt, die meiner Arbeit auch nicht so gut getan hat. Ich brauchte lange, um diesen Entschluss zu fassen. Ich hatte ,Mondscheintarif‘ und auch schon weitere Bücher geschrieben und immer noch Angst, mich von dort zu verabschieden und mich, wie bei einem Abschied aus dem Elternhaus, auf eigene Füße zu stellen. Ich hab’s gerne gemütlich und vertraut.

Wenn Sie wählen könnten? Würden Sie in der Rückschau etwas anders machen? An einer Wegbiegung anders abbiegen?

Ich hätte nicht aufhören sollen, Klavier zu spielen. Denn das Klavierspielen habe ich leider nicht durchgehalten. Ich habe Vieles nicht durchgehalten. Generell wünschte ich mir heute, ich hätte in jungen Jahren mehr Disziplin bewiesen. Mir hat es schon immer an Disziplin und Durchhaltevermögen gemangelt. Aber im Großen und Ganzen bin ich gut gefahren. Gar nicht so durch Entscheidungen.

„Mir ist auch viel geschenkt worden. Ich musste oft nur zugreifen“

Ildikó von Kürthy, Autorin

Mir ist auch viel geschenkt worden. Ich musste oft nur zugreifen. Das war wohlmeinendes Schicksal, finde ich.

Sie haben einmal sinngemäß geschrieben, dass Ihr blinder Vater einen wesentlichen Anteil an Ihrer Berufswahl hatte. Denn Sie konnten seine Aufmerksamkeit nur mit Ihrer Erzählkunst erlangen. War das wirklich so?

Das stimmt, ja. Sie müssen sich vorstellen: Bei uns gab es keinen Blickkontakt und wenn ich nichts sagte, war ich wie nicht da. Die Sprache war da das elementare Medium. Das kann man sich nicht vorstellen, glaube ich. Ich habe als Kind ununterbrochen geredet, sobald ich sprechen konnte. Ich habe alles beschrieben und war manchmal auch wie ein Führhund für meinen Vater. Ich habe ihn vor Stufen gewarnt oder ihn von rechts nach links gelotst. Es würde mich nicht wundern, wenn der erste Satz, den ich sagen konnte, „Achtung Stufe!“ war. Sprache war deshalb für mich zentral. Bei uns wurde zum Beispiel immer vorgelesen. Mein Vater hörte den ganzen Tag Radio oder Hörbücher. Dadurch musste ich sozusagen fast zwangsläufig eine gewisse Sprachaffinität entwickeln.

Könnten Sie zum Schluss unseres Gesprächs folgenden Satz vervollständigen? „Ein Leben ohne Hund ist...“

... durchaus vorstellbar (lacht)! Ich finde es super, dass Hilde bei mir ist. Sie ist eine echte Bereicherung. Dieses eine Grad mehr, das Hunde mehr an Körpertemperatur haben, das spürt man zuhause. Wenn ein Hund im Haus ist, dann wird auch die Atmosphäre um ein Grad wärmer – und das ist toll!

Der Text ist eine Leseprobe aus der Sonntagszeitung, die die Mittelbayerische exklusiv für ePaper-Kunden auf den Markt gebracht hat. Ein Angebot für ein Testabo der Sonntagszeitung finden Sie in unserem Aboshop.

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