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Jazzweekend

Der Jazz ist ein „boys club“

Eva Klesse und Izabella Effenberg sind erfolgreiche Instrumentalistinnen. Sie wünschen sich Gleichstellung in ihrer Branche.
Von Katharina Kellner

  • Seit zwei Jahren spielt Izabella Effenberg zusätzlich zum Vibraphon eine große Mbira. Foto: Effenberg
  • Eva Klesse, hier mit ihrer Band Trillmann, hat sich als Schlagzeugerin, Komponistin und Bandleaderin einen Namen gemacht. Foto: Domink Asche

Regensburg.Wenn an diesem Donnerstag das 37. Bayerische Jazzweekend beginnt, werden die Besucher auf den Bühnen vor allem Männer erleben. Denn der Jazz ist eine männerdominierte Sparte – dies hat eine Studie zu den Lebens- und Arbeitsbedingungen der MusikerInnen aus dem Jahr 2016 ergeben: 80 Prozent von ihnen sind männlich. Das Gros der 20 Prozent Frauen machen Sängerinnen aus. Instrumentalistinnen sind rar.

Zugespitzt formulierte das Problem kürzlich der Jazz-Vibraphonist und emeritierte Berliner Professor David Friedman. Er schrieb in der Zeitschrift „Jazzthing“ einen offenen Brief an die deutsche Jazzszene: „Wenn man sich in der Jazzlandschaft und dort gerade in der Ausbildungssparte umsieht, bekommt man das Gefühl, dass hier die Zeit stehen geblieben ist“, heißt es darin. Friedman beklagt den geringen Frauenanteil im Jazzbereich und „subtile und weniger subtile soziale Ungerechtigkeiten innerhalb gewisser Kreise unseres Musikberufs“. Er appelliert an alle Unterrichtenden, „eine motivierende Message an unsere jungen Kolleginnen weiterzugeben“.

Anlass für Friedmans Appell war die Nachricht, dass Eva Klesse als Professorin für Schlagzeug an die Hochschule für Musik, Tanz und Medien Hannover berufen wurde. Klesse ist damit die erste Frau in Deutschland, die eine Instrumentalprofessur bekommen hat – bislang gab es Professorinnen nur im Bereich Gesang.

Erste Instrumentalprofessorin

„Das ist eine rühmliche Ausnahme, dass jemand sogar von sich aus fordert, man müsse mal Macht abgeben“, sagt Klesse im Gespräch mit der Mittelbayerischen über Friedmans Brief. Gleichstellung im Jazz – das ist nicht gerade ihr Lieblingsthema, sagt die Schlagzeugerin, die erst im Januar einen Auftritt in Regensburg hatte: „Es ist für Frauen nervig, immer wieder darüber zu sprechen, aber es ist wichtig, damit sich da ein Bewusstsein entwickelt. Ich hoffe einfach, dass wir immer mehr werden und die nächste Generation sich mit diesem Thema nicht mehr befassen muss.“ Dass es im Jazzbereich noch viel zu tun gibt, daran lässt Klesse keinen Zweifel: „Frauen müssen sich ein dickes Fell zulegen. Das ist ein boys Club – die meiste Zeit ist man die einzige Frau unter vielen Männern.“ Das solle keinesfalls heißen, „dass alle Jazzmusiker blöde Machos sind. Es gibt viele tolle emanzipierte Männer, für die das alles kein Thema ist“, betont sie. Allerdings hatte Klesse von Beginn an einschlägige Erlebnisse – so berichtet sie von einem Jazz-Workshop, den sie und andere Dozentinnen für musikbegeisterte Mädchen gaben: „Die haben ganz deutlich gesagt, dass sie sich zum ersten Mal trauen zu spielen, weil eben keine Jungs dabei sind, die ihnen was Blödes erzählen.“

Eine Frau am Schlagzeug - wie ungewöhnlich!

Und dann ist da die Behauptung, man habe den Gig, den Preis, die Presse nur bekommen, weil man eine Frau sei. Viele Jazzmusikerinnen kennen solche Aussagen, die fehlende fachliche Kompetenz unterstellen, sagt Klesse. Auch sie hörte nach ihrer Berufung solche Töne – neben zahlreichen Glückwünschen. Sie findet das absurd: „Ich bin ehrlich gesagt sehr optimistisch, dass die Hochschule – schon aus eigenem Interesse – ausgesucht hat, wen sie für fachlich am qualifiziertesten hielt.“

Auch bei Konzerten wird das Thema an sie herangetragen: „Nach jedem Auftritt habe ich ein Gespräch darüber, ob das nicht ungewöhnlich sei, dass ich als Frau Schlagzeug spiele. Das ist eine Frage, die ich gar nicht beantworten kann, für mich war das ja nie ungewöhnlich.“

Einen Mangel an Vorbildern macht Klesse als eine Ursache für die geringe Zahl der Instrumentalistinnen aus. An der Hochschule ist sie nur Vorbild für junge Männer – sie unterrichtet aktuell keine einzige Frau.

Klesse und Effenberg beim Jazzweekend

  • Eva Klesse:

    Sie studierte u.a. an der New York University. Dort traf sie ihre heutigen Bandkollegen von Trillmann. Das Publikum dürfe beim Konzert „eine ordentliche Portion Energie“ erwarten, sagt Klesse.

  • Izabella Effenberg:

    Sie konzertiert, komponiert und organisiert in Nürnberg das Festival „Vibraphonissiomo“, das das Vibraphon in allen Facetten zeigt – nicht nur im Jazz, sondern auch im Klassikbereich.

  • Jazzweekend:

    Klesse spielt mit ihrer Formation Trillmann am Sa., 21. Juli, 18 Uhr, im Thon-Dittmer-Palais. Effenberg ist mit ihrem Trio am So., 22. Juli, 11.30 Uhr, auf dem Bismarckplatz zu hören. (kk)

Bei vielen Musikerinnen käme auch die Familiengründung erschwerend in Hinsicht auf die Profi-Karriere hinzu, sagt Klesse aus Erfahrung: „Ich kenne sehr wenige Jazz-Musikerinnen in Deutschland, die Kinder haben und weiterhin aktiv Konzerte spielen. Man braucht schon einen sehr emanzipierten Partner, um weiter auf Tour gehen zu können.“

Einen solchen Partner hat die Nürnberger Vibraphonistin Izabella Effenberg. Sie ist seit einem Jahr Mutter und versucht zusammen mit ihrem Mann, Kind und Karriere zu vereinbaren. Effenberg nennt die Elterngeldregelung als Herausforderung: Weil sie im Jahr vor der Geburt viel investiert habe und die Leistung sich am Einkommen des Vorjahres orientiert, sei ihr Anspruch vergleichsweise niedrig angesetzt worden. Jedes Mal, wenn sie während der Elternzeit ein Konzert spiele, werde ihr die Gage davon abgezogen.

„Man braucht Extra-Disziplin“

„Als Künstlerin kann ich nicht sagen: Okay, ich mache gar nichts, denn wie soll ich sonst nach einem Jahr wieder reinkommen? Das wäre total schwer“, sagt Effenberg im Gespräch mit der Mittelbayerischen. Neue Projekte und Ideen entwickeln und Kontakte pflegen – das ist für sie selbstverständlich. Auch während der Elternzeit habe sie gespielt, um Musikerkollegen und Veranstaltern „zu zeigen, dass ich am Ball geblieben bin“. Mit Kind brauche man Extra-Disziplin, um weiterzumachen, sagt Effenberg, die auch das Fehlen von Künstlerinnenstipendien für Mütter beklagt: „Die geltenden Regelungen binden einem wirklich die Hände.“ Für Künstlerinnen seien sie unausgegoren.

Die Männer haben ihre eigenen Netzwerke. Das ist sehr schwer, da reinzukommen.

Izabella Effenberg, Vibraphonistin und Mutter

Effenberg, die in Polen aufwuchs und zum Musikstudium nach Nürnberg kam, ist gut vernetzt. Sie hat die Erfahrung gemacht, dass man als Musikerin „selten angerufen wird, falls ein Ersatzinstrument gebraucht wird. Die Männer haben ihre eigenen Netzwerke. Das ist sehr schwer, da reinzukommen. Das hat nichts damit zu tun, wie jemand spielt.“

Heute spielt sie u.a. in der Frauenband „Sisters in Jazz“: Hier zeigen sieben Musikerinnen aus sechs Ländern, wie vielseitig weiblicher Jazz klingt. Mit der Initiative etablieren die Frauen ein eigenes Netzwerk, um sich gegenseitig Auftritte zu verschaffen und eine Anlaufstelle für Fragen zu bieten.

Da sei zum Beispiel das Problem der Selbstvermarktung, sagt Effenberg: „Solches Wissen kriegt man nicht von der Hochschule, da muss man selber schauen.“ Wie Klesse liegt ihr am Herzen, Mädchen früh zu bestärken: „Ich habe gemerkt, dass Frauen manchmal schüchtern sind, eigene Projekte zu leiten. Diese Schüchternheit muss man überwinden. Wenn andere sehen, dass Du für Deine Ziele kämpfst, dann haben sie Dich auf dem Schirm.“

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