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Kino

Der Kampf um die Bilder

Deutschstunde“: 1968 war der Roman ein Bestseller. Regisseur Christian Schwochow hat ihn unkritisch verfilmt.
Von Helmut Hein

Tobias Moretti (l.) als Maler Max Ludwig Nansen und Ulrich Noethen als Polizist Jens Ole Jepsen in „Deutschstunde“ Foto: WildBunch/dpa
Tobias Moretti (l.) als Maler Max Ludwig Nansen und Ulrich Noethen als Polizist Jens Ole Jepsen in „Deutschstunde“ Foto: WildBunch/dpa

Regensburg.Sind Bilder unschuldig? Offenbar nicht. Immerhin mussten in diesem Sommer mit einer entschiedenen Geste die Noldes aus dem Kanzleramt entfernt werden, nachdem, reichlich spät, öffentlich wurde, dass dieser Künstler ein ziemlich rabiater Antisemit war. Wohlgemerkt: Von Emil Nolde sind übel-hetzerische Äußerungen überliefert. Seine Bilder schwiegen dazu. Aber solche Unterscheidungen sorgen derzeit eher für Unmut.

Aber die Bilder schwiegen nicht nur – anders als etwa Wagners Musik, der die Kanzlerin unverbrüchlich die Treue hält –, sie verhalfen Nolde auch zu einer beeindruckenden Nachkriegs-Karriere. Der Führer, bekanntlich auch in Kunstdingen eine Art oberste und letzte „Autorität“, verabscheute nämlich den Expressionismus als Malweise. Nolde wurde auch damals abgehängt und als „entartet“ klassifiziert.

Da half es dem Künstler auch nichts, dass er, gewissermaßen nebenberuflich, an Vorschlägen zur Beseitigung der Juden – vorläufig nur aus dem öffentlichen Leben – arbeitete. Hitlers Abscheu half Nolde aber bei seiner dreisten Behauptung, er sei während der Nazi-Zeit im Widerstand gewesen und veritabel verfolgt worden, Malverbot inklusive. Der willigste Vollstrecker dieser dubiosen Mythenbildung war ausgerechnet der untadelige, aber politisch doch eher naive Romancier Siegfried Lenz, der in seinem 1968er-Bestseller „Deutschstunde“ vom schlimmen Schicksal des Malers Max Ludwig Nansen erzählte, für den Emil Nolde, der bürgerlich Hansen hieß, das Vorbild hergab. „Deutschstunde“ wurde nicht nur ein Verkaufserfolg, er wurde sofort auch zur Standard-Lektüre an deutschen Gymnasien, weil er sich scheinbar hervorragend für die moralische Verbesserung des Nachwuchses eignete.

Wunderbar gefilmt und erzählt

Und jetzt also der Film zur Debatte, von der allerdings Regisseur Christian Schwochow noch gar nichts wissen konnte, als er seine „Deutschstunden“-Version konzipierte und mit hervorragenden Schauspielern (Ulrich Noethen, Tobias Moretti, Johanna Wokalek) umsetzte. Ein Beispiel für die seismographische Hellsicht, die man Künstlern gern zuschreibt? Eher nicht. Denn an dem wunderbar fotografierten und langsam erzählten Film sind all die aufgeregten Debatten, die es auch schon vor dem Sommer 2019 gab, vollkommen vorbeigegangen. Er ist so gesehen also wirklich vollkommen unschuldig. Man könnte auch sagen: sinnlos.

Nolde/Nansen ist hier einfach ein Maler, der malen will und muss und sonst nichts, der aber dummerweise ins Räderwerk der totalitären Macht gerät, selbst in seiner provinziellen Abgeschiedenheit. Dummerweise, weil sich ausgerechnet ein früherer Freund, dem er einst sogar das Leben rettete, als bös-opportunistische Vollzugsinstanz hergibt. Aus voller Überzeugung. Nein, schlimmer noch, aus Pflichtgefühl. Über „Die Freuden der Pflicht“ muss folgerichtig Jahre später sein hin und hergerissener Sohn in einer Jugendbesserungsanstalt räsonieren. Räsonieren ist vielleicht ein bisschen viel gesagt. Denn bei Lenz und in der Folge auch bei Schwochow geht es eher holzschnittartig-schlicht zu, ohne allzuviel Gedanken, die ja die Lehre, die wir aus dem Geschehen ziehen sollen, nur stören würden.

Mutter Heidi schrieb Drehbuch

Und das bei einem Regisseur, der zweifellos zu den besten hierzulande zählt und eben noch mit „Bad Banks“ zeigte, wie ambivalent, tückisch und fallenreich man von der Politik des Finanzkapitals erzählen kann, mit lauter Charakteren, die in sich zerrissen sind.

In der „Deutschstunde“ dagegen ist zwar die Welt aus den Fugen geraten, aber sonst alles in Ordnung. Die Menschen stehen vor klaren Entscheidungen. Und wenn sie versagen, dann aus Charakterschwäche. Oder aufgrund von Kränkungen, die ihnen die Liebesunordnung, die es selbst auf dem Land gibt, zugefügt hat. Warum aber dieser Film zu dieser Zeit mit dieser Botschaft? Vielleicht hilft da wirklich nur eine Familienaufstellung weiter. Schwochows Mutter Heidi hat das Drehbuch verfasst. Es war für sie eine Herzenssache. Und der mutterliebende Sohn hat sich offenbar erbarmt. Koste es, was es wolle. Im schlimmsten Fall die eigene Reputation.

Der Romaninhalt

  • Erinnerungen:

    Er schreibt über seinen Vater Jens Jepsen, der als Polizist in Norddeutschland stets unerbittlich seine Pflicht erfüllte. Während der Nazi-Zeit überwachte er das Malverbot für den Künstler Max Ludwig Nansen.

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