MyMz

„Der Karl Sladek ist nicht tot – Er ist nur gestorben“

Eine Theaterlegende lebt in den Erinnerungen des Publikums weiter

  • Karl Sladek mit seinem großen Kollegen Beppo Brem auf der Luisenburg
  • Als Naturbursche 1913 im Berliner Wintergarten.
  • Karl Sladek bei seinem Bühnenabschied als Pater Ignatius – mit Oberbürgermeister Friedrich Viehbacher (links) und Intendant Horst Alexander Stelter.

Von Harald Raab, MZ

REGENSBURG. In dem großen Jahrhundertwende-Haus an der Wittelsbacherstraße, unmittelbar am Dörnbergpark, im 3. Stockwerk, ist er noch sehr gegenwärtig. Zwischen zwei Fenstern mit Blick auf die mächtigen Kronen von Lindenbäumen hängt ein Porträt von ihm. Freundlich lächelt er darauf bei der Regie-Arbeit. Hier, keine fünf Gehminuten vom Regensburger Theater entfernt, wohnte Karl Sladek, für ältere Regensburger der Inbegriff eines Schauspielers, eines Erzkomödianten.

„Karl Sladek ist nicht tot, er ist nur gestorben, von uns gegangen. In der Erinnerung vieler Regensburgerinnen und Regensburger ist er noch sehr lebendig.“ So Kordula Lange, die 82-jährige Tochter des alten Mimen. Die agile Dame mit der jugendlichen Frisur, die selbstverständlich auch einmal Schauspielerin war, sitzt am Sofa und erzählt mit lebhaften Gesten von der Sladek-Zeit in Regensburg. 1979 ging sie für den 80-jährigen, nur 1,62 Meter großen Altmeister des Theaterzaubers in der Rolle des Paters Ignatius in der Operette „Die gold’ne Meisterin“ zuende. Danach 45 Minuten Schluss-Applaus. Oberbürgermeister Friedrich Viehbacher und Intendant Horst Alexander Stelter gratulierten stellfertretend für ein dankbares Publikum, dem Sladek in Regensburg 50 Jahre die Treue gehalten hat, trotz mehrfacher Angebote vom Film.

25. Todestag im September

Ohne Theater, ohne sein Publikum konnte Karl Saldek jedoch nicht leben. Er verabschiedete sich am 11.September 1982 in den Komödiantenhimmel. Dort auf Wolke Sieben kann er weiter spielen, nicht nur mit seinen Regensburger Kollegen und Kolleginnen wie Willi Graf, Hans Schrade, Dolf Tippmann oder Charlotte Seel. Ja, selbst Marlene Dietrich wird dabei sein. Mit ihr hat er in Karlsbad gespielt. Aber auch mit Max Pallenberg, Richard Tauber, Leo Slezak, Fritzi Massary oder Alexander Moissi und Paul Wegener stand er auf der Bühne. Nicht zu vergessen Beppo Brem, der als Anfänger am Regensburger Theater 140 Reichsmark verdiente und Karl Sladek wegen seiner 50 Mark höheren Gage beneidet hat.

Über 500 Rollen

An der linken Wand über einer Kommode Bilder und Urkunden. Karl Sladek wie er leibt und lebt in einigen seiner über 500 Prachtrollen: als Frosch in der Fledermaus, als Boandlkramer im Brandnerkaspar, als Jupiter in der schönen Helena, als Totengräber im Hamlet, als Striese im Raub der Sabinerinnen, als Zirkusdirektor in Katharina Knie und und und ...

Die Rolle des Charakterkomikers war ihm auf den Leib geschrieben. Kunststück, konnte er doch seinen Stammbaum bis auf den 30-jährigen Krieg zurückverfolgen. Sein Ahnherr verlor als Soldat einen Fuß. Der Kriegskrüppel konnte zwischen einer Lizenz zum Betteln und der Arbeit als Komödiant für die Truppe wählen. Er entschied sich für die Bühne. Seitdem zogen die Sladeks mit einem Theaterkarren durch die Welt, zuletzt in Böhmen. Dort, im Theatersaal des Erzgebirg-Ortes Neudeck, kam Karl, den später seine Freunde Karl den Großen nannten, 1899 auf der Bühne zur Welt. Seine Mutter spielte gerade eine Bittstellerin in dem Ritterstück „König Allgold“. Der gar schröckliche Herrscher warf das Weib zum Kulissenfenster hinaus. Danach ein Schrei der Malträtierten und dann noch ein klägliches, aber kräftiges Geplärr eines Babys. Karl Sladek war auf den Brettern, die die für ihn das Leben bedeuten sollten, mitten in einer Vorstellung zur Welt gekommen. Weil in so einer Theaterfamilie jeder mitspielen musste, lag der kleine Karl bald als Christkindl beim Weihnachtsmärchen in der Krippe.

Karl Sladek sollte etwas Ordentliches lernen. Sein Vater gab ihn bei einem Photographen in die Lehre. Viel wurde aber nicht daraus. Er hatte es satt, immer nur Leichen auf dem Totenbett zu fotografieren. Zurück bei der väterlichen Wanderbühne, wurde er von einem Impresario entdeckt und nach Berlin in den renommierten „Wintergarten“ vermittelt. Protegiert von dem großen Komiker Otto Reutter machte der 14-Jährige als „Natursänger und Humorist“ auf sich aufmerksam.

Mit dieser frühen Karriere als Nachweis seiner komödiantischen Qualität zog es ihn aber wieder zurück nach Böhmen und Mähren.

Tochter Kordula blättert in einem dicken, mit grüner Jute eingebundenen Fotoalbum. Auf einer Doppelseite sind Postkarten aller Theater, in denen Karl Sladek gespielt und auch seine später weltberühmten Kollegen kennengelernt hat. Das Prager Ständetheater ist genauso dabei wie die Stadttheater von Mährisch Ostrau, Troppau, Aussig oder Teplitz-Schönau.

Lorbeerkranz für den Geliebten

In Eger verliebte sich der fesche Karl in die Gastwirtstochter Anna. Im Restaurant ihres Vaters servierte sie dem Schauspieler stets das Essen und umkränzte den Teller mit Lorbeerblättern. Vom sparsamen Papa setzte es dafür Ohrfeigen. Karl Sladek deutete es jedoch richtig, nämlich als echten Liebesbeweis, und griff zu. Seine Anntschi wurde ihm zur getreuesten, aber auch kritischsten Zuschauerin und Lebensgefährtin.

Mit zwei Koffern machte sich das Paar in den 20er Jahren auf nach Ingolstadt ins Engagement. Von dort kam Sladek 1930 nach Regensburg. Erst gab es nur für sieben, dann für neun Monate Gage. Nur so lange dauerte eine Theatersaison. Kein Wunder, dass Karl Sladek zur Aufbesserung der schmalen Familienkasse seine Talente auch anderweitig unter die Leute bringen musste. Er war charmanter Conférencier beim Tanztee im Hotel Maximilian. Er mischte bei der Narragonia mit, gab Bunte Abende und spielte mit selbstgefertigten Kasperlepuppen für Kinder.

Bald gehörte Karl Saldek zum Stamm-Ensemble der Luisenburg-Festspiele. Unvergessliche Rollen auch hier: im Gwissenswurm, im Bauer als Millionär, im Jedermann, im Lumpazivagabundus, in der Widerspenstigen Zähmung, in Romeo und Julia. Für die Luisenburg hat Sladek auch eine eigene Fassung des Märchens Hänsel und Gretel geschrieben. Überhaupt die Märchen. Sladek der alle seine Rollen nicht spielte, sondern regelrecht verkörperte, war der Liebling der Kinder. Und er liebte sie.

Elf Intendanten überlebt

Unter elf Intendanten hat Saldek in Regensburg gespielt. Er gehörte schon zum unverzichtbaren Bestandteil des Musentempels. Zahlreich sind auch die alten Theatergeschichten, die so manche Regensburger Bühnen-Insider noch in Erinnerung haben. Dem jähzornigen Prinzipal Dr. Herbert Decker, einem Brocken von einem Mannsbild, sprang der schmächtige Sladek von erhöhter Position aus ins Genick, als der gefürchtete Theater-Zeus wieder einmal wütete.

Gemeinsam mit Willi Graf, Dolf Tippmann, Wendel Sorgend und Tochter Kordula spielte er bei einer Aufführung des Bettelstudenten dem hypochondrischen Hans Schrade einen Streich. Sie gossen ihm heimlich aus ihren Gläsern lauwarmen Bühnensekt in die Stulpenstiefel. Scharade wurde bleich und flüsterte: „Ich verblute, ich verblute!“ Er meinte nichts anderes, als dass seine Krampfadern geplatzt wären. „Halt durch, Hans!“ wurde zurück gewispert. Sie stützten den Mimen, der sich kaum noch auf den Beinen halten konnte. Nach dem Abgang zogen die Kollegen dem Gefoppten die Stiefel aus. Scharade wurde gewahr, dass man ihn genarrt hatte und schmollte noch lange.

Sein ganzes Theaterleben hat Karl Sladek gewissenhaft ein Tagebuch in Stichworten geführt. Mehrere Bände davon hat Kordula Lange in einem Schrank aufbewahrt. Eine wahre Fundgrube für Regensburger Theatergeschichte, mit Programmheften, Zeitungskritiken und Manuskripten.

Der letzte Eintrag im Tagebuch ist datiert mit dem allerletzten Spieltag. Er lautet: „Lebe wohl, mein geliebtes Tagebuch!“

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht