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Kultur
Samstag, 22. September 2018 19° 4

Auftritt

Der komische Kauz am Klavier

Helge Schneider mäanderte durch ein Chinarestaurant, das 72er Berlin und Casablanca alias Regensburg.
Von Michael Scheiner

Absurde Geschichten, komische Grimassen – das ist Helge Schneider live. Foto: Scheiner
Absurde Geschichten, komische Grimassen – das ist Helge Schneider live. Foto: Scheiner

Regensburg.Wie Rumpelstilzchen kauert er hinterm aufgestellten Deckel des Flügels, sodass manchmal nur noch sein wuschelig-grauer Schopf zu sehen ist. Wobei – bei allem was man weiß – trug das seltsame cholerische Männlein weder blaue Stiefeletten und spielte auch nicht Klavier, wie Helge Schneider. Es wollte auch weniger zur Unterhaltung, zum „Amüsemeng“ der bunt durchmischten Zuhörerschar im vollbesetzten Audimax beitragen. Für den Mühlheimer Musiker, Filmemacher, Autor und Albernheiten absondernden Bühnenarbeiter dagegen war das der Hauptzweck des Abends in Regensburg. Das verwechselte er gleich mal mit Rendsburg in Schleswig-Holstein, um Unterhaltungskapital daraus zu schlagen. Es gelang!

Wobei man der Ehrlichkeit halber sagen muss, es gelingt Helge Schneider heutzutage so gut wie immer. Irgendwann erwischt er auch den trockensten Humorfeind auf dem falschen Fuß und entlockt ihm ein herzhaftes Lachen oder wenigstens ein gequältes Lächeln. Im Allgemeinen aber muss der kalauernde Schnauzbartträger nur am Ende eines swingenden Jazzstandards eine rot lackierte Maracas, bei Kindern sagt man Rassel, schütteln und schon überschüttet ihn das vergnügt johlende Publikum mit Beifall.

Nichts ist zu 100 Prozent sicher

Das Bewusstsein wird eben nicht nur alleine durch das Sein bestimmt, sondern umgekehrt trägt das Bewusstsein eines erwartungsfroh auf Lachen gestimmten Auditoriums eindeutig zum Sein bei. Wobei – selbst das ist bei einem anarchistischen Komödianten wie Helge Schneider niemals 100 Prozent sicher. Vielleicht hat er uns alle manipuliert? Durch Helge-Schneider-Vergnügungssucht-Strahlen laufen lassen und vorprogrammiert? Oder er hat sich fest vorgenommen, im Regensburger Audimax ein ernsthaftes Jazzprogramm zu spielen, finstere Mächte haben seine Pläne durchkreuzt und jeden Versuch nach wenigen Takten torpediert, auf dass Schneider doch wieder absurde Geschichten erzählen und komische Grimassen schneiden musste.

Wie auch immer! Fakt bleibt, der komische Kauz unterhielt mit seinen Partnern und musikalischen Freunden Rudi Olbrich am Kontrabass und Peter Thomas am Schlagzeug die vielhundertköpfige Anhängerschaft im anheimelnden Betonrund aufs Beste.

Partner mit unendlicher Geduld

Und das, obwohl er vom berühmten „Katzenklo“ bis zum Nummer-eins-Hit „Sommer, Sonne, Kaktus“ auf seine bekanntesten Absurditäten und schrägen Unsinnslieder fast ganz verzichtete. Ganz Gentleman, wandte er sich danach seinen Musikern zu, traktierte sie mit Fragen und machte sich schamlos, wie es schien, über sie lustig. Zu bewundern sind die beiden für eine unendliche Geduld. Stoisch hinter ihren Instrumenten stehend, warten sie ab, bis ihr „ich bin der Boss hier“, breit grinsend, endlich seine Unsinnsgeschichte über eine Nicht-Begegnung mit Duke Ellington – „einer meiner größten Favoriten“ – in Berlin 1972 beim Jazzfest auserzählt hat. Eine andere über einen Hund, den er im Chinarestaurant als lebendes Gericht vorgesetzt bekommt, endet mit lakonischer Grausamkeit im Magen eines anderen Hundes. „Dann hätte ich ihn gleich selber essen können“, lautete der trockene Kommentar.

Das ist Helge Schneider

  • Multitalent:

    Helge Schneider ist ein Multitalent – er spielt diverse Instrumente, hat bis heute sechs eigene Filme gemacht und in knapp zwei Dutzend Filmen mitgespielt.

  • Bücher:

    Er schrieb und veröffentlichte insgesamt sechs Krimis und diverse andere Bücher, darunter den feministischen Roman „Eiersalat – eine Frau geht seinen Weg“.

  • Preise:

    Zu seinem Gesamtkunstwerk zählen auch Theaterproduktionen. Unter diversen Preisen und Auszeichnungen ist auch eine „Goldene Schallplatte“.

Neben dem Klavier glänzte der Meister des Absurd-Komischen an Vibraphon, Cello, Gitarre und bei „As Times Goes By“ als beachtlicher Panflötist. „Casablanca“, sinnierte Schneider, „hätte man doch auch in Regensburg drehen können“ – oder?

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