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Musik

Der Mann auf dem Mond

Die Welt ist aus den Fugen. Die Arctic Monkeys ziehen alle Register, um sie wieder in Form zu bringen.
Von Helmut Hein

Alex Turner (2. v. l.) und die Arctic Monkeys Foto: Zackery Michael
Alex Turner (2. v. l.) und die Arctic Monkeys Foto: Zackery Michael

Die Arctic Monkeys aus der britischen Stahl-Metropole Sheffield waren einmal die Band, auf die sich alle einigen konnten. Die ersten fünf Alben, die zwischen 2006 und 2013 entstanden, schossen sofort auf Platz 1 der UK-Charts. Das bisher letzte („AM“) hielt sich in den USA zweieinhalb Jahre in den Top 100. Und hierzulande konnte man längere Zeit keine Studenten-WG betreten, ohne dass einem beispielsweise „Don’t Sit Down ‚Cause I’ve Moved Your Chair“ entgegenschallte. Sehr witzig!

Beim neuen Album ist alles anders. Das fängt schon damit an, dass Alex Turner die Songs am Klavier komponierte.

Noch heute verzeichnen ihre Songs auf You Tube ohne Weiteres mehr als 600 Millionen Aufrufe. Noch zwei Dinge fallen einem auf: dass sich die Auguren der Pop-Kritik nie so recht einig werden konnten, worum es sich bei den Arctic Monkeys eigentlich handele: Indie-Rock? Post-Punk? Garagen-Rock? Am Ende gar Trip Hop? Dabei waren sie doch lange Zeit eine schlichte Gitarrenband mit Sinn für klar strukturierte Beats und eingängige Gesangsmelodien. Und, ebenfalls erstaunlich bei einer Band, die doch Indie oder Post-Punk sein soll oder will: ein gewisses Faible für „fette“ Symbolik. Da schreitet dann Sänger Alex Turner in einem Video durch Post-Histoire-Zimmerfluchten, während sich draußen vor den Fenstern ein Pferd – oder ist es gar ein Einhorn? – aufbäumt. Ein Stil-Mix, der einen schon irritieren kann.

Tranquility Base Hotel & Casino von den Arctic Monkeys ist bei Domino Records (Goodtogo) erschienen.
Tranquility Base Hotel & Casino von den Arctic Monkeys ist bei Domino Records (Goodtogo) erschienen.

Beim neuen Album „Tranquility Base Hotel & Casino“, dem ersten seit fünf Jahren, ist alles anders. Das fängt schon damit an, dass Alex Turner die Songs am Klavier komponierte – von wegen Gitarrenband! Und dass dann seine Acht-Spur-Aufnahmen, an denen er das Unverstellt-Authentische rühmt, in den legendären La Frette-Studios nahe Paris – die auch schon für den sehr speziellen Sound von Nick Cave oder Feist sorgten – nachbearbeitet wurden. Das Wort „nachbearbeitet“ weckt vielleicht falsche Erwartungen. Denn die anderen Monkeys und viele Gastmusiker fügten unter der Regie des All-Zeit-Produzenten James Ford viele eigene Einfälle hinzu. Ist „Tranquility Base“ also überladen? Das nicht unbedingt, aber zumindest sehr „dicht“, vielschichtig. Jeder Song wird zu einer kleinen Mini-Oper, nicht frei von Pathos, oder einer verdichteten Klein-Sinfonie mit wiederkehrenden Elementen: einer schwer-bassigen Rhythmus-Sektion, klirrenden Piano-Akkorden, einer Stimme, die mit ekstatischen Ausdrucksformen spielt, ja, und vielen Gimmicks eben.

Arctic Monkeys

  • Besetzung:

    Alex Turner (Leadstimme, Rhythmusgitarre, Keyboard); Jamie Cook (Lead-Gitarre, Rhythmusgitarre, Piano); Matt Helders (Schlagzeug, Percussion, Gesang); Nick O’Malley (E-Bass, Gesang)

  • Tranquility Base Hotel & Casino

    , erschienen bei Domino Records (Goodtogo) für ca. 10 Euro (MP3) und 14 Euro (CD)

Und wovon erzählt Alex Turner? Von einer Welt, die aus den Fugen ist. Und die auch ansonsten nicht mehr sehr an die vertraute erinnert. „Augmented Reality“ hieß das Stichwort auf vielen Technologiemessen der letzten Zeit, soll heißen: Das, was es gibt, wird ergänzt und verändert durch das, was sich nur einer wüsten Maschinen-Logik verdankt. Und zwar so, dass das Subjekt mit der Brille auf der Nase nicht mehr unterscheiden kann, was im altmodischen Sinn „wirklich“ ist und was nur ein Produkt einer kollektiven Fantasie, der wir uns willig, vielleicht sogar wollüstig überlassen. Auch Alex Turner verrückt die Perspektiven: Sein Heim-Studio in Los Angeles platziert er kurzerhand auf dem Mond – was nicht so überraschend ist, wenn man bedenkt, dass viele Amerikaner bis heute der Überzeugung sind, die Mondlandung anno 1969 verdanke sich in Wahrheit den Inszenierungskünsten von Stanley Kubrick. Und unbedingt einleuchtend, wenn man bedenkt, dass schließlich auch Donald Trump Präsident wurde. Ein Trump, der durch die Arctic Monkeys-Songs geistert: „Der Führer der freien Welt erinnert dich an einen Wrestler“, heißt es da. Ja dann.

Hier das Video zum Song „Four Out Of Five“ aus dem neuen Album der Arctic Monkeys „Tranquility Base Hotel & Casino“:

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