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Persönlichkeit

Der Mann, der nie aufgibt: „Mut tut gut!“

Wie der Münchner Künstler Flatz einen lebensbedrohlichen Verkehrsunfall verarbeitet – und zum Vorbild wird.
VON MATTHIAS KAMPMANN, MZ

Flatz am 14.Juli in den Kammerspielen München anlässlich einer Podiumsdiskussion zum Thema „Kunst und Gewalt“ – das erste Mal, dass er nach dem Unfall die Klinik verlassen hat. Foto: Matthias Kampmann

München. Samstag morgen, 26. Mai, acht Uhr. Mein Mobiltelefon klingelt. Schlaftrunken hebe ich ab. Flatz ist am Apparat. Seine Stimme klingt seltsam matt. Ungewöhnlich für den sonst so agilen, 1952 geborenen Künstler. Er fragt, wie es mir geht, was heute anstehe. Von dem geplanten Besuch im Germanischen Nationalmuseum berichte ich. „Von solchen Aktionen werde ich wohl erst einmal Abstand nehmen müssen.“ So ganz begreife ich nicht, worauf der Wahlmünchner hinaus will. Dann der Hammer: Er erlitt einen lebensbedrohlichen Verkehrsunfall – ohne Schuld, so wie es aussieht.

Am 24. Mai, 18.52 Uhr, passierte das Unglück. Aus bislang noch ungeklärten Gründen raste ein Pkw direkt auf Flatz zu, der in unmittelbarer Nähe zu seinem Wohnatelier auf der Praterinsel bei grüner Ampel eine Straße überquerte. Beinahe 22 Meter weit schleuderte ihn das Fahrzeug durch die Luft. Die Polizei fand einen seiner Schuhe 48,5 Meter vom Ort des Aufpralls entfernt. Es ist wie eine Ironie des Schicksals, denn es sind Themen um den Körper oder die Gewalt, die sein Werk auszeichnen.

Flatz gebraucht seinen Körper wie andere Künstler Pinsel und Leinwand. Doch bei allen Aktionen bestimmte er selbst, was geschah. Ich erinnere mich mit einem Frösteln an seine Performance „schuldig – nicht schuldig“ im Kunstraum Innsbruck im Januar 2010. Dort inszenierte er eine Situation, bei der er an den vier Seiten des Raums entlangging, an jeder Ecke Halt machte und mit dem Kopf vor eine Stahlplatte hämmerte, bis der letzte Zuschauer den Ausstellungsraum verlassen hatte. Mit der Kunst parodiere er die Realität, sagt Flatz: „Doch auf der Straße war die Realität“, das sei der wesentliche Unterschied.

Er legt Aggressionen frei

Kein Zweifel, Flatz ist kein Kind von Traurigkeit. Er fühlt unserer Konsumgesellschaft mit ihren versteckten Komplexen auf den Zahn und legt beim Zuschauer unterdrückte Aggressionen frei – oft zum eigenen Schaden. Der Documenta 9- und 12-Teilnehmer setzte 1979 eine Belohnung von 500 D-Mark für denjenigen aus, der ihn mit einem Dartpfeil trifft, während er nackt versuchte, vor einer weißen Wand auszuweichen. Bei der „Demontage IX“ in Tiflis fungierte er als Glockenklöppel – bis zur Ohnmacht. Das gefällt nicht jedem.

Auch der Kunstbetrieb goutiert nicht, dass es ihm immer wieder gelingt, seine Arbeiten außerhalb, im profanen Mediengeschehen zu platzieren. Mehr als einmal hat er es etwa in die Motorradpresse geschafft. „Mir ist ein Titel auf der ,Bild-Zeitung‘ lieber als ein dicker Essay in einer Fachzeitschrift“, sagte er mir 1998, als wir uns im Rahmen der Ausstellung „Reservate der Sehnsucht“ im Dortmunder „U“ kennenlernten.

Und jetzt dieser Unfall. Flatz hatte Glück im Unglück. Ein Krankenwagen kam zufällig vorbei, so dass der Künstler umgehend notversorgt werden konnte. „Niemals werde ich das Bild vergessen. Nachdem ich kurze Zeit ohne Bewusstsein war, sah ich den riesigen Kühlergrill und ganz weit hinten einen meiner Schuhe.“ Leben oder Sterben? „Mein Bub! Ich will leben“, beschreibt er diesen unglaublichen Moment, als er wieder zu Bewusstsein kam und seinen Achtjährigen vor Augen hatte.

Nur wenige Tage nach dem Ereignis begann Flatz sich mit dem Unfall künstlerisch auseinanderzusetzen. Bis zum Ende seines Aufenthalts in München auf der Intensivstation sowie in der Reha sammelte er alles Material, von der Spritze bis zu Röntgenaufnahmen. Selbst seine mit Blut vollgesogene Kleidung hat er aufbewahrt. Das wird Kunst, da bin ich mir ganz sicher.

30 Knochenbrüche

Verliert Flatz jetzt die Grundlage für seine Arbeitsfähigkeit? Zukünftig muss er vielleicht mit Einschränkungen leben. Schaue ich zurück, erlebe ich die eindrucksvolle Geschichte eines großen Willens. Wenige Tage nach dem ersten Telefonat sprechen wir über einen Besuchstermin. Der Tonfall zeugt schon wieder von seinem bekannten Aktivismus und Optimismus: „Ich bin doch nicht krank, ich bin verletzt.“ Er berichtet Details. Dass es etwa schwierig sei, ihn wegen der Schwellungen zu operieren. Dennoch: Wie durch ein Wunder sind innere Verletzungen ausgeblieben. Sein Kopf, Rückgrat: alles zum Glück heil.

30 Knochenbrüche, und schon keimen in ihm erste Pläne, Kunst zu machen – noch auf der Intensivstation vollendet er ganz neue Werke, plant eine Ausstellung durch.

Es ist nicht der erste Unfall von Flatz. In den 1990ern drängte ihn ein Autofahrer von der Straße, weil er auf einer modifzierten Yamaha FJ 1200, genannt „Black Beauty“, eine „Physical Sculpture“ aus der Serie „Lost Generation“ von 1993, offenkundig den „guten Geschmack“ irritierte. Die Maschine korrumpiert das Fetischobjekt. Heute steht das apokalyptisch anmutende Bike im FLATZmuseum der Stadt Dornbirn, dem Geburtsort des Künstlers. Schuldig machte er sich 1972, als er selbst einen schweren Unfall verursachte. 1975 gedachte er an der Unfallstelle in Form einer Performance. Mit der Folge, dass die österreichischen Ordnungshüter ihn in der Psychiatrie ablieferten.

Enorme mentale Stärke

Zwischen Leben und Tod. „Herr Flatz hat eine weit überdurchschnittliche mentale Stärke, ohne die er es nicht geschafft hätte“, schildert Chefarzt Stephan Schill von der Simsee-Klinik in Bad Endorf, wo Flatz drei Wochen nach dem Unfall die Reha-Maßnahmen in Angriff nimmt. Als ich ihn dort das erste Mal besuche, erzählt er lebhaft von seiner Arbeit. Seine Ungeduld ist greifbar. Er setzt Schmerzmittel so weit ab, dass er kontrollieren kann, welche Belastungen seinem Körper zuzumuten sind. Er könne bereits eine halbe Stunde im Rollstuhl sitzen, sagt er zu mir.

Keine Woche später treffe ich ihn in München in den Kammerspielen zu einer Podiumsdiskussion über das Verhältnis von Kunst und Gewalt. Den ganzen Abend sitzt er im Rollstuhl – keine Spur von Erschöpfung. Es ist dieser unglaubliche Wille, der ihn auszeichnet. Der einem Mut macht und Hoffnung gibt. „Mut tut gut“, lautet auch eins von Flatz’ Lieblingsmottos.

Ende August ist Flatz aus der Reha entlassen – ein Vierteljahr nach solch einem schweren Unfall. Kurz zuvor bin ich noch einmal in Bad Endorf. Er kommt mir auf einem Bein hüpfend entgegen. Ich traue meinen Augen kaum. „Es ist interessant. Ich habe mich verändert und bemerke, dass ich mich selbst mit mehr Humor betrachten kann.“ Er denke darüber nach, ob er nun, wenn er es denn überhaupt noch kann, Angst bei seinen härteren Performances bekommen wird.

Sein Telefon klingelt dauernd. Klar, viele seiner Projekte dulden keinen Aufschub. „Ich bin ein glücklicher Mensch, weil ich es will und kann“, vertraute er dem Fragebogen einer Tageszeitung an. In dieser Hinsicht ist er, der die Vorstellung von Helden kritisiert und an Vorbildern kratzt, selbst eines. Diese Lebensbejahung macht Mut und tut gut. Heute, nachdem er das erste Wochenende wieder zuhause verbracht, mailt er mir: „Es wird länger dauern... bis ich wieder so mobil bin wie zuvor... man ist ein anderer als der, der man war..., aber ich denke es wäre nicht normal, wäre man derselbe wie zuvor... We will see... wohin die Reise geht...“

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