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Der Meister in Sachen Treue und Verrat

Leichen pflastern seinen Weg, aber auch Flops und Oscars: „New Hollywood“-Kinorevolutionär Martin Scorsese wird 75 Jahre alt.
Von Helmut Hein, MZ

Regisseur, Drehbuchautor und Filmproduzent: Martin Scorsese Fotos: dpa
Regisseur, Drehbuchautor und Filmproduzent: Martin Scorsese Fotos: dpa

Regensburg.Der Weg in den Ruin führt über die Ambition: Zu viel und dann auch noch das Falsche wollen, das kann tödlich sein. Das war auch bei Martin Scorsese (fast) so. Nach seinen großen Anfangserfolgen arbeitete er mehr als zwei Jahre lang an „New York, New York“. Es war sein Versuch, eine große amerikanische Tradition, – die des Musicals–, filmisch wiederzubeleben. Auch Superstars wie Liza Minelli oder Robert De Niro halfen nicht. Der Film floppte. Die Kritik fand ihn furchtbar, das Publikum wollte ihn nicht. Danach galt Scorsese jahrelang als „Kassengift“, obwohl er in dieser Zeit Meisterwerke wie „Raging Bull“ („Wie ein wilder Stier“) schuf.

Scorsese hat Gott sei Dank diese Zeit der Krisen – zu allem Überfluss bekam er auch noch ein „Drogenproblem“ – überwunden. Heute gilt er, neben Francis Ford Coppola, als der wichtigste Regisseur von New Hollywood. Er hat Oscars bekommen und natürlich seinen Stern auf dem „Hollywood Walk of Fame“. Seine Filme tauchen so oft und in so großer Zahl in diversen Kritikerlisten auf, wie das kein anderer Regisseur von sich behaupten kann. Kein Zufall ist es, dass Scorsese wie Coppola und der oft unterschätzte Abel Ferrara italienische Vorfahren haben – und enge, wenn auch schwierige Bezüge zur katholischen Kirche. Scorsese verdankt seiner Herkunft die Intensität seiner Plots und seine großen Themen: den Widerstreit von Vernunft und Gefühl und, vor allem, von Loyalität und Verrat.

Durchbruch dank Travis Bickle

Mafiafilme fallen einem zuerst bei Scorsese ein. Mit „Hexenkessel“ schaffte er 1973 seinen Durchbruch – und mit ihm übrigens auch Robert De Niro, der in vielen seiner Filme auftaucht. In „Hexenkessel“ geht es um Themen, die zur selben Zeit auch Coppola in seinem „Paten“ abhandelte: Dass alte Strukturen, auch mafiöse, zerbrechen, weil sich die junge Generation, sich nicht mehr fügt – und eigene Wege geht. Aber nicht nur die Revolution frisst ihre Kinder, auch die Gewalt tut das.

Mit „Taxi Driver“, für den er 1976 in Cannes die Goldene Palme erhielt, wurde Scorsese endgültig, spätere Flops hin oder her, weltweit zum Star. In „Taxi Driver“ spielt Robert De Niro einen verlorenen Ex-GI, der jetzt nachts Taxi in der schmutzigen Metropole New York fährt, alles falsch versteht und mit der Zeit eine hasserfüllte Paranoia entwickelt, die ihn schließlich zum Killer macht. Nur dass für seinen Travis Bickle, und darin zeigt sich die besondere Bosheit Scorseses, am Ende alles anders kommt. Travis ist ein „guter Junge“, der auf Abwege gerät. Seine Traumfrau führt er beim ersten Date ausgerechnet in ein Porno-Kino, weil er nichts anderes kennt. Nach der großen Abfuhr verfolgt er nur noch zwei Pläne: Einen korrupten Politiker erschießen – und eine ,minderjährige Prostituierte (eindrucksvoll die 13-jährige Jodie Foster in ihrer ersten großen Rolle).

Werde der, den du darstellst

Martin Scorsese 1993 hinter einer Filmkamera Foto: dpa
Martin Scorsese 1993 hinter einer Filmkamera Foto: dpa

De Niro zuzuschauen, war damals für viele eine neue Erfahrung, denn er glaubte fest ans „method acting“. Was so viel hieß wie: Werde der, den du darstellst. In dieser Zeit hieß es im Abspann der Filme plötzlich auch nicht mehr: „Robert De Niro spielt“..., sondern „Robert De Niro“ ist... zum Beispiel Jake LaMotta, der Mittelgewichtsweltmeister, der vor kurzem erst im Alter von 95 Jahren starb. De Niro lernte für diesen Film Boxen, so wie er für „New York, New York“ Saxofonspielen gelernt hatte, und er fraß sich vor allem heroisch mehrere Dutzend Kilo Gewicht an, weil er in einer kurzen Schlussszene den alternden, fett gewordenen Jake LaMotta darstellen sollte und dabei nicht „faken“, sondern authentisch sein wollte.

Missverständnisse? Vermutlich. So wie man sich ja auch die Frage stellen kann, ob Scorsese und Coppola, allen Gewaltorgien zum Trotz, das Mafia-Milieu nicht allzu sehr romantisieren und heroisieren. Das sind berechtigte, aber moralisch-pädagogische Fragen. Ästhetisch und zur Verfeinerung unserer Kenntnisse der Anthropologie sind die Mafia-Plots hervorragend geeignet. Man kann, verdichtet und auf engstem Raum und in einer gewissermaßen exterritorialen Intensität alle Fragen durchdiskutieren, die uns seit Jahrtausenden beschäftigen. Scorsese tut das – auf eine Weise, wie keiner vor ihm. In „GoodFellas“ und „Departed“, mit denen er seine Mafia-Trilogie komplettierte, die mit „Hexenkessel“ begann, zeigt er, dass Identität prekär ist und Vertrauen ohnehin Glückssache. Selbst der, der das Spiel des Verrats virtuos beherrscht, kann nicht sicher sein, dass er am Ende nicht selbst auf der Strecke bleibt, weil ein anderer noch gewiefter ist.

Stationen und Pläne

  • Die Kindheit

    Martin Scorsese, Sohn von Textilarbeitern, war ein einsames Kind. Er litt unter schwerem Asthma und verbrachte einen Großteil seiner Freizeit allein zu Hause – oder im Kino. Er wollte katholischer Priester werden, doch aus dem Priesterseminar wurde er wegen mangelnder Leistung herausgeworfen.

  • Die Ausbildung

    Er studierte an der Filmschule der New York University und landete 1967 mit „Wer klopft denn da an meine Tür?“, einer in Little Italy angesiedelten Milieustudie, einen ersten Achtungserfolg. Mit „Hexenkessel“ (1973) gelang ihm dann der Durchbruch.

  • Moderne Formate

    Zur Vielfalt Scorseses gehört, dass er sich auch auf moderne Formate und Plattformen eingelassen hat. Auf den Boom der anspruchsvollen TV-Serie reagierte er, indem er an der Gangster-Serie „Boardwalk Empire“ mitwirkte, „The Irishman“ dreht er für Netflix.

  • Eine neue Berufung

    Der dreifache Vater, der 1999 zum fünften Mal heiratete, folgt mit 75 Jahren noch einer neuen Berufung. Anfang 2018 will er als Lehrer seine Filmerfahrungen teilen. Wie das Start-up „MasterClass“ kürzlich mitteilte, hält Scorsese damit sein erstes Online-Seminar mit Tipps zum Geschichten erzählen.

Gefährliche Generationenkonflikte

Martin Scorsese mit seiner Frau Helen Morris Foto: Brakemeier/ dpa
Martin Scorsese mit seiner Frau Helen Morris Foto: Brakemeier/ dpa

Scorsese hat keineswegs nur Mafia-Filme gedreht – selbst wenn in seinen „anderen“ Filmen die vertrauten Themen und Motive wiederkehren. Auch in „Alice lebt hier nicht mehr“, einem Ehescheidungs- und Alleinerziehenden-Drama mit Happy End, das Ellen Burstyn einen Oscar einbrachte und das darüber hinaus die im Vergleich zu „Taxi Driver“ noch jüngere, aber schon sehr abgefeimte Jodie Foster und Kris Kristofferson als Retter zeigt. Es geht hier um die richtige Wahl, um Illusionen und (Selbst-)Täuschungen.

„Die Farbe des Geldes“ ist das beeindruckende Remake eines Billard-Dramas, das zeigt, was passieren kann, wenn zwei Generationen und ihre jeweiligen Kompetenzen aufeinandertreffen. Ein Schauspielerfilm im besten Sinn mit dem alten Paul Newman und dem jungen Tom Cruise. Der Fieseste aller Scorsese-Filme ist vielleicht ein weiteres Remake: „Cape Fear“. Der Film handelt von den Kosten bürgerlicher Moral, also Verlogenheit und der Kunst der Verführung, die sich bekanntlich an keine Regeln hält.

Scorsese, der fünfmal verheiratet war, unter anderem mit Isabella Rossellini, hat aber nicht nur große Fiction verantwortet, sondern auch bemerkenswerte Dokumentationen gedreht und/oder montiert; etwa das Abschiedskonzert von „The Band“, wo alle auftraten, die eine Rollen spielen (wollten), oder die Bob Dylan-Doku „No Direction Home“. Selbst das legendäre Musik-Video zu Michael Jacksons „Bad“ stammt aus Scorseses Hexenküche. Am 17. November wird er 75.

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