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Kultur
Sonntag, 24. Juni 2018 20° 4

Festival

Der Mensch in der Welt: ein Panoptikum

Verzaubernd und verstörend: Zum Abschluss der Tanztage zeigte das „Balé Teatro Guaíra“ Stücke deutscher Choreografen.
Von Michael Scheiner

„I Share“: Wir teilen – und nehmen dabei doch nur. Foto: Scheiner
„I Share“: Wir teilen – und nehmen dabei doch nur. Foto: Scheiner

Regensburg.Sie rempeln, treten, schlagen einander. Zwei Männer, Tänzer, boxen, knuffen, umkreisen sich wie Jungs, die nur im spielerischen Ernst – hier dem Tanz – zugeben können, dass sie sich hingezogen fühlen zueinander, vielleicht sogar insgeheim verliebt sind. Es ist der Charme, der die Attraktivität eines Menschen ausmacht. Ihm erliegen wir alle – außer vielleicht auf ausgesprochene Misanthropen. Beim letzten Abend der 20. Regensburger Tanztage mit dem brasilianischen Ensemble „Balé Teatro Guaíra“ macht die Choreografie des Ulmers Roberto Scafati deutlich, welche Kraft und emotionale Intelligenz diesem Phänomen innewohnt.

„Charme“ ist während eines künstlerischen Austauschs drei deutscher Choreografen mit der Tanztruppe im brasilianischen Curitiba entstanden. Neben Scafati waren daran Katja Wachter aus München mit „I Share“ und der Berliner Christoph Winkler mit dem programmatischen Stück „Lost My Choreographer on My Way to the Dressing Room“ („Auf dem Weg zum Umkleideraum bin ich meines Choreografen verlustig gegangen“) beteiligt. Daraus ist der Tanzabend „Balé Teatro Guaíra tanzt Wachter – Winkler – Scafati“ entstanden, mit dem das Ensemble erstmals tourt. Ihr Auftritt im voll besetzten Uni-Theater war ein letzter Höhepunkt des Tanz-Festivals.

Ein tapsiger Tango

Der dicke Nebel, der die Bühne anfänglich einhüllt und eher uncharmant an London mit seinen gruseligen Ripper-Mythen erinnert, verzieht sich wie die Tänzer, die scheinbar planlos aneinander vorbeihasten. Angelockt von unwiderstehlicher Anziehung, dem Charme Einzelner, treten dann Tänzer mal als Paar auf, wo sich ein spröder Teil eher widersetzt, nachgibt und wieder verhärtet. Bei einem anderen wird charmant antichambriert, ein Charmebolzen gewinnt die Herzen mit strahlendem Leuchten, und eine Männergruppe zelebriert die Verehrung einer Diva in einem zeremoniellen Ritual. Auch wunderbar komische Situationen leuchtet ein Paar beim Tango aus, wenn „seine“ tapsigen Annäherungsversuche von „ihr“ brüsk abgewehrt werden. Insgesamt etwas langatmig, überzeugte „Charme“ mit raumgreifendem Ensembletanz, Duetten und Kleingruppen. Ausdrucksstark und mit emotionaler Vehemenz getanzt, strotzt es einmal von kraftsprühender Energie, um dann wieder in eine ironisch-distanzierte Leichtigkeit zu wechseln.

Das waren die Tanztage 2018:

21. Tanztage im November 2018

  • Alle acht Vorstellungen

    der diesjährigen Jubiläumsausgabe der 20. Regensburger Tanztage waren komplett ausverkauft.

  • Höhepunkt

    war das Gastspiel von Wim Vandekeybus/ Ultima Vez mit „In Spite of Wishing and Wanting“ im ausverkauften Velodrom.

  • In den letzten 20 Jahren

    waren über 200 Vorstellungen mit Künstlern aus 40 Ländern zu erleben.

  • Die Regensburger Tanztage 2018

    werden voraussichtlich im Zeitraum zwischen 9. und 25. November stattfinden. Die Sommertanztage sind für Juli 2018 in Planung.

Teilen bis zur Ausbeutung

Einem bitterbösen Kommentar übers „Teilen“ im digitalen Zeitalter gleicht Wachters manchmal etwas plakative Tanzerzählung „I share“. Geteilt wird heute vieles. Manchen Anhängern gilt „sharing“ als Heilsversprechen. Auf Facebook im Netz und anderen Plattformen geteiltwerden Gefühle und Klamotten. Meist ist es kein Teilen wie von Graswurzelbewegungen propagiert, sondern es stecken neue Formen der Ausbeutung und Ausnutzung dahinter.

Sie führen zu zwanghaftem Verhalten und einem Verlust an Individualität, wunderbar dargestellt durch kollektives Daumen rauf, Daumen runter. Tänzer hängen mit Klebeband aneinander fest – und wer vom Teilen mit anderen genug hat, wird mit zunehmender Gewalt gefüttert oder bedrängt. Diese ambivalente gesellschaftliche Entwicklung wird über elektronischer Musik und düsteren Sounds mit deftigem Witz in Szene gesetzt und tänzerisch mitreißend erzählt.

Spürbar abstrakter entfaltet sich anschließend Winklers Choreografie, die „von der veränderten Beziehung zwischen Tänzern und Choreografen handelt“, wie nachzulesen ist. Über brachialen basslastigen Klängen, welche die Lautsprecher und manche Zuhörer an ihre Grenzen bringen, entwickeln fünf Tänzer skulpturale Figurationen und surreal anmutende Abläufe. Von spröden insektenhaften Formen zu kühlen Begegnungen, bis hin zu improvisiert wirkenden Tanzbildern entsteht ein eigenartiges, beziehungsloses Panoptikum. Es ist ein kalter und vielfach auch ratloser Blick, der auf die Protagonisten gerichtet ist und zaudernd um Verständnis ringt – so wie die Tänzer um Verständigung.

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