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Kultur
Sonntag, 24. Juni 2018 20° 5

Lesung

Der Mephisto der deutschen Pop-Kritik

Linus Volkmann reibt sich nicht nur permanent an Popgrößen, sondern führt auch die Grenzen des eigenen Tuns vor Augen.
Von Peter Geiger

Linus Volkmann war mit seiner multimedialen Lesung „Die Beatles sind Idioten – Radiohead auch“ zu Gast im Ostentorkino. Foto: Geiger
Linus Volkmann war mit seiner multimedialen Lesung „Die Beatles sind Idioten – Radiohead auch“ zu Gast im Ostentorkino. Foto: Geiger

Regensburg.Gott sei Dank gibt’s Pop. Seit Jahrzehnten ist das nämlich die Plattform für arme Jungs, die nicht wissen, was sie tun sollen. Und deshalb anheuern, als Sänger in einer Rock’n’Roll-Band. Und sollten die Gesetze des Marktes es irgendwann verlangen, so kann der Frontmann schließlich die Fronten wechseln und zum Chronisten des eigenen Genres mutieren – um Journalist zu werden. Der sich dann wiederum, nun schon gut geschult als Chamäleon, sich aus der sterbenden Papierbranche verabschiedet, sich dem digitalen Wandel anpasst und zum hochrisikobereiten Wanderzirkusbetreiber wird.

So in etwa ließe sich das Leben des Popjournalisten Linus Volkmann kurz zusammenfassen. 1973, als Neffe der großen Elisabeth Volkmann („Klimbim“) geboren, war er zunächst Sänger bei „Bum Kun Cha Youth“ in Köln. Später, nach erfolgreichem Seitenwechsel, stellvertretender Chefredakteur der Musikzeitschrift „Intro“. Heute schreibt er für Magazine, konzipiert TV-Beiträge für Jan Böhmermann und gibt nicht nur das Fanzine „Schinken Omi“ heraus, sondern hat mit seinem Journalistenkollegen Thomas Venker auch das Blog „Kaput – Magazin für Insolvenz und Pop“ gegründet.

Paket an Erfahrung

Nebenbei versucht er sich auch als Schriftsteller. Einem solchen Paket an Lebens- und Berufserfahrung also sitzt der Besucher im Ostentorkino gegenüber, wenn er die Lesung „Die Beatles sind Idioten – Radiohead auch“ besucht, in der der Protagonist des Abends vollmundig ankündigt, die Popkultur demolieren zu wollen.

Dass dem Popjournalismus vor Jahren schon das Totenlied gesungen wurde, hat vor allem mit der Digitalisierung zu tun: Hatte ein Redakteur einer Musikzeitschrift einst seinem Leser gegenüber das Privileg eines gewaltigen Informationsvorsprungs, so ist heute dieser Antagonismus aufgehoben. Es besteht Waffengleichheit. Jedermann kann im Web auf so ziemlich alles zugreifen. Und Streamingdienste eröffnen Interessierten den Zugang zu Archiven von einer Größe, die ansonsten nur Plattenfirmen oder Rundfunkanstalten zu bieten hatten.

Relevanzverlust der Popkritik

Für Linus Volkmann bedeutet dieser „Relevanzverlust der Popkritik“, dass er sein Habitat im gepflegten Zynismus sucht. Sein Serviceangebot an die Leser besteht nicht im Abdecken etwaiger Informationsdefizite, sondern im Aufdecken des falschen Bewusstseins – und liefert dementsprechend ironische Bastelanleitungen für die richtige Haltung. In seiner Videoserie „Kurzer Prozess“ präsentiert er sich als schlechtgekleideter, Unterhemden und viereckige Brillen tragender Verschrotter des Allzu-Gängigen.

Diese Haltung erinnert in ihrem fröhlichen Haudrauftum an das Kritikverständnis der „Neuen Frankfurter Schule“ (deren oberpfälzer Lokalmatador, der Amberger Schriftsteller Eckhard Henscheid, sich einst in einer Hymne übrigens ebenfalls der südkoreanischen Fußballlegende Bum Kun Cha näherte) und vermag dann am meisten zu überzeugen, wenn sie sich an doppelzüngigen Marketingstrategien juveniler Daueroptimisten wie den „Sportfreunde Stiller“ abarbeitet.

Und das ist dann nicht nur lustig, sondern auch geschmacksbildend. Weil Volkmann auf Widersprüche und Paradoxien verweist, zwischen der Verwurzelung der „Sporties“ in der Gegenkultur einerseits und deren unbedingten Willen, anzudocken an den Mainstream und doch irgendwie dazuzugehören, zum Massenphänomen Pop. Altbacken dagegen wirkt dieses Konzept, knöpft er sich die Sängerinnen Adele oder Rihanna vor: Denn was es hier zu entlarven gibt, ist in seiner Hohl- und Flachheit ohnehin evident. Sodass man nach eineinhalb Stunden Linus Volkmann-Lesung seinerseits zur Erkenntnis gelangt: Dieses Mephisto-Konzept des permanenten Meckerns und Durch-den-Kakaoziehens hat Grenzen und Schwächen. Und sollte deshalb konsequenterweise nicht auf ihn selbst angewendet werden.

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