MyMz

Bühne

Der Müll, der Mensch und der Tod

Konstantin Küsperts „pest“ am Theater Regensburg: Das Stück lässt das Dasein in Teilchen zerfallen. Erklären kann es nichts.
Von Claudia Bockholt, MZ

Apokalypse von Menschenhand: Jakob Keller (hinten) und Patrick O. Beck in „pest“
Apokalypse von Menschenhand: Jakob Keller (hinten) und Patrick O. Beck in „pest“ Foto: Jochen Quast

Regensburg.Die Pest des 21. Jahrhunderts, das sind Ströme von Plastik, die unsere Erde, die Wüsten und Ozeane, fluten. Sie schwellen unaufhaltsam an. Auf der der Bühne des Theaters am Haidplatz begraben sie schon die Menschen unter sich. Ein griffiges Bild für die Apokalypse von Menschenhand: Die Kreatur erstickt unter Folienfetzen, verendet von Söldnerkugeln getroffen, zersetzt sich im Sperrfeuer radioaktiver Strahlung. Leid tut sie uns dabei nicht. Zwischen Not und Elend ist sogar ein Kichern möglich.

Die Schauspieler (v.l. Jakob Keller, Patrick O. Beck, Ulrike Requadt) agieren wie ins Spiel versunkene Kinder. Es macht Spaß, sie dabei zu beobachten.
Die Schauspieler (v.l. Jakob Keller, Patrick O. Beck, Ulrike Requadt) agieren wie ins Spiel versunkene Kinder. Es macht Spaß, sie dabei zu beobachten. Foto: Jochen Quast

Katrin Plötner ist seit „Romeo und Julia“ und „Woyzeck“ in Regensburg bekannt als Regisseurin, die für ihre starken, unter die Haut gehenden Bilder auch zu dicken Pinseln greift. Sie holt aus Konstantin Küsperts am Haidplatz uraufgeführtem Theatertext „pest“ an Empathie für die Figuren raus, was nur irgendwie zu holen ist. Trotzdem bleiben sie uns fern. Sie sind ja auch keine Charaktere, sondern nur Teilchen, mit denen sich interessante quantenmechanische Experimente anstellen lassen. Die Protagonisten sind austauschbare Figuren. Wer gerade welche Rolle spielt, sehen wir an der Farbe des Trikots, das er trägt (Kostüme: Lili Wanner).

Ein Münzwurf entscheidet alles und nichts

Der in Regensburg aufgewachsene Dramatiker Konstantin Küspert, dessen „mensch maschine“ 2013 an selber Stelle uraufgeführt wurde, betreibt in „pest“ wieder naturwissenschaftliche Feldforschung. Jedes Leben ist gemäß der Viele-Welten-Theorie nur eines von unendlich vielen möglichen. „jedes Universum ein klein bisschen anders, keine zwei identisch“, heißt es im Prolog. „jede möglichkeit existiert. also schafft jede entscheidung neue welten. jede geworfene münze spaltet ein universum ab, nämlich das, in dem die münze anders landet. und das, in dem die münze auf die kante fällt. und das, in dem die münze in der luft hängen bleibt. und das, in dem der münzwurf einen atomkrieg auslöst.“

Theaterstück "pest" entführt ins Multiversum

Dieser Münzwurf ist der Handlauf von Katrin Plötners Inszenierung: Gutgelaunte Kommentatoren in giftgrünen Satinsakkos stehen am Spielfeldrand und schnipsen den imaginierten Euro in der Luft. Drei Mal wird er emporgeworfen, zweimal erfahren wir, was danach geschieht. Im Mittelpunkt des Spiels steht das hoffnungsvolle Fußballtalent Georgios, das von seinem Vater Angus zum Erfolg gepeitscht wird. Einmal ergibt sich der Sohn - und wird zum depressiven, alkoholkranken Mörder. Einmal wehrt er sich, wird erfolgreicher Physiker - und löst ebenfalls eine Katastrophe aus. Als die Münze ein drittes Mal fällt, beendet Plötner das Stück abrupt. Soll sich jeder selbst überlegen, wie es diesmal weitergehen könnte.

Kalkuliert gewalttätig

Zwei gleichzeitig existierende Welten auf die Bühne zu bringen, ist ein Kunststück, das Anneliese Neudecker mit einer verschiebbaren Zwischenwand gelingt. Das wandernde Bühnenbild macht die Abweichungen und auch die Parallelitäten der beiden Welten sichtbar. Überhaupt greift die Inszenierung ganz tief in die große, wunderbare Trickkiste des Theaters, um den sehr kalkulierten, sehr kühlen, mitunter gewalttätigen Text mit Leben zu erfüllen. Die Schauspieler agieren über Strecken wie Kinder, die mit einem Fetzchen Stoff und einem Holzstecken unter Gebrüll in den Kampf ziehen. Es macht Spaß, sie dabei zu beobachten. Markus Steinkellners Musik verstärkt die endzeitliche Szenerie mit zersplitternden Sounds und dumpfen Einschlägen. Die launigen, „Ole, Ole“-Schlachtgesänge intonierenden, mit vollen Händen Plastik wie Konfetti werfenden Showmoderatoren verleihen dem bösen Spiel Komik, Absurdität und Monstrosität.

Launige Beobachter kommentieren das böse Spiel vom Rand aus (v.l. Patrick O. Beck, Sina Reiß, Michael Haake)
Launige Beobachter kommentieren das böse Spiel vom Rand aus (v.l. Patrick O. Beck, Sina Reiß, Michael Haake) Foto: Jochen Quast

Die Schiebewand räumt Leichen so rücksichtslos beiseite, dass man sich als Zuschauer ums die Unversehrtheit der Schauspieler sorgt. Selbstverbrennung, Strahlentote, ein erschossenes Kind - und die Regie und die Dramaturgie haben den Text sogar noch um einige weitaus brutalere Stellen gekürzt. Sie haben ihm allerdings auch das einzige Fünkchen Hoffnung geraubt. In Küsperts Text ist eigentlich eine weitere Welt vorgesehen, in der sich alles in einem geradezu kitschig versöhnlichen Happy End auflöst.

Auch das Atom bleibt ein Rätsel

Katrin Plötner hat einen schwer zu greifenden Text in ein ansehnliches Bühnenstück verwandelt, das Dank komischer Momente Unerträgliches - gleichwohl Dinge, die mittlerweile unseren Alltag prägen - erträglich macht. Sie hat ihn jedoch auch an beiden Enden gekappt, die potentielle Bombe entschärft. Nach 75 Minuten gibt es viel Applaus. Einen nachhaltigen Eindruck hinterlässt „pest“ nicht. Ob es in einer anderen, radikaleren Inszenierung mehr Überzeugungskraft entwickeln kann, wird sich zeigen. Vielleicht kommt man dem Rätsel Mensch aber auch einfach nicht näher, indem man ihn atomisiert.

Weitere Aufführungstermine und Karten unter www.theater-regensburg.de

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht