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Poetry Slam

Der Mützenmann aus Bochum gewinnt

Jason Bartsch ist der neue „Master of the Uni-Vers“. 1400 Freunde des gepflegten Wortsports erleben vergnügliche Duelle.
Von Michael Scheiner, MZ

Jason Bartsch, amtierender Poetry-Slam-Meister von Nordrhein-Westfalen, siegte beim „Master of the Uni-Vers“ im Audimax.
Jason Bartsch, amtierender Poetry-Slam-Meister von Nordrhein-Westfalen, siegte beim „Master of the Uni-Vers“ im Audimax. Foto: Scheiner

Regensburg.„Bestimmt wird es ein Verriss“, mutmaßte Thomas Spitzer am Dienstagabend, bei „Master of the Uni-Vers“ im Audimax. Einen Verriss würde er begrüßen, grinste er vor rund 1400 Zuschauern. So einfach soll es dem Veranstalter, der selbst ein bekannter Slammer und Autor ist, nicht gemacht werden. Seine Moderation blieb zwar floskelhaft und lau, aber der Abend hatte deutlich attraktivere und spannendere Eindrücke zu bieten. Routiniert und professionell agierte Co-Moderator Ko Bylansky.

In der vierten Runde des größten Poetry-Slams in Bayern lieferten sich acht Kandidaten Wort-Duelle, darunter drei aus der Region. Den Anfang bestritt Annie Hengst mit einem gewitzten Text über alles, was sie hasst. Sie unterhielt das überwiegend studentische Publikum bestens. Als Lernaufgabe zeigte die angehende Pädagogin eine Geste, die in der Gebärdensprache Schildkröte bedeutet. Das machte Eindruck: In der Pause übten Zuhörer grüppchenweise mit den Händen kreisförmige Laufbewegungen.

Spottdrossel Eckhardt im Finale

Die Regensburgerin unterlag Kaleb Erdmann, der mit einem etwas sauertöpfischen Text übers „Aufrechnen menschlichen Leids“ punktete. Wütend kotzte er sich über Facebook-Nörgler und überhebliche „Kleingeister“ aus, die glauben, weltweit Opferzahlen und Leid gegeneinander aufrechnen zu müssen. „Ich betreibe keine Trauerökonomie“, empörte sich Kaleb Erdmann – und qualifizierte sich fürs Halbfinale nach der Pause.

Bis in die Endrunde schaffte es die top gestylte Berlinerin Lisa Eckhardt. In genüsslich ausgekosteten Schüttelreimen zog sie gegen bürgerlichen Anstand, Doppelmoral und Gesundheitsapostel zu Feld. Die preisgekrönte Wortschmiedin schlug im Halbfinale Kabal Erdmann mit einer schimmel- und fäkalglitzernden Homestory über „mein versautes Zuhause“. Als „Schmutzfink cum laude“ entlarvte sie modernes Recycling als „Apartheid der Grünen“. Damit stellt sich die Slammerin, die an der Spree lebt, aber aus der Steiermark stammt, in beste österreichische Qualtinger-Tradition.

Lisa Eckhardt musste sich am Ende gegen den NRW-Poetry-Slam-Meister Jason Bartsch geschlagen geben – zugegeben mit ihrem schlechtesten Beitrag des Abends. Der Prosatext über „den anständigen Österreicher“, der im Pariser Louvre seine Seele baumeln lässt („ich geh’ dazu auf den Speicher und such’ mir dafür den stärksten Balken aus“) klang reichlich bemüht.

Zahnlose „Raubtiere“

Bartschs gefühlvoller Text über „einen alten Greis“, der hilflos seiner verkrebsten Frau beim Sterben beisteht, wirkte bewegend auf die Zuhörer – obwohl der Text die ziemlich unoriginelle Nacherzählung von Hanekes Film „Liebe“ war. Beim „Master of the Uni-Vers“-Turnier reichte die gut verpackte und performte Story des Bochumers für den donnernden Siegesapplaus.

Zwei andere Kandidaten hätten einen Platz im Finale ebenfalls verdient. Das originelle Team Interrobang aus der Schweiz konnte sich aber in der ersten Runde mit dem vergnüglichen Vortrag über „Raubtiere im Großstadtdschungel“ nicht gegen Jason Bartsch durchsetzen.

Andy Strauß schaffte es immerhin ins Halbfinale. Der bundesweit erfolgreiche Slammer aus Münster überrundete die Regensburgerin Sheila Glück, die einen schrägen Veganer-Text ablieferte. Andy Strauß gerierte sich als hochgradig durchgeknallter Künstler. Im weiten Sakko, mit Henri-Quatre-Bart, jagte er mit überschnappender Stimme durch depressive und manische Stimmungen. Im zweiten Duell des Halbfinales setzte sich Jason Bartsch souverän gegen ihn durch, mit einem mäßig witzigen, aber wunderbar an Klischees anknüpfenden Text über „Humor in Deutschland“.

„Masters of the Uni-Vers“ war ein witziger, unterhaltsamer Abend mit kleineren Durchhängern.

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