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Kultur
Freitag, 25. Mai 2018 24° 8

Porträt

Der Musiker mit dem falschen Instrument

Bei seiner Musik macht Sven Faller keine Kompromisse. Dabei hätten er und sein Kontrabass fast nicht zueinandergefunden.
von Michael Scheiner

Der Musiker mit dem falschen Instrument Foto: Michael Scheiner

Regensburg.Hier geht’s rein, hallo…“, kommt der Ruf vom Haus. Abgewohnt duckt es sich an der Straße und scheint leerzustehen. Eine Fehleinschätzung, wie sich herausstellt. In dem ehemaligen Einfamilienhaus hat der schlanke, hochgewachsene Musiker Sven Faller Proberäume, ein Aufnahmestudio und einfache Räume zum Aufenthalt eingerichtet. Es ist ein älteres Arbeiterhäuschen im Weinberg, einem etwas abgelegen wirkenden Stadtteil oberhalb des Regensburger Stadtzentrums. Schon die steile Anfahrt durch ein Wäldchen verlief wie ein Übergang in ein unbekanntes Reich, wie es Lewis Carrolls Alice erlebt haben muss, als sie durch den Gang in eine andere Welt gerät.

Sven Faller ist der Musik sehr verbunden. Foto: Schreiner

Ganz so verrückt und voller Absurditäten wie bei Alice entpuppt sich Sven Fallers Welt dann doch nicht. Viel Erstaunliches findet sich dennoch in der Geschichte des Bassisten – und kolossal sind die Entdeckungen, die man mit den Ohren machen und nur höchst unzulänglich beschreiben kann. Dazu gehört „Pure“, das mittlerweile vierte Album mit Stefanie Boltz, das die beiden als Duo „Le Bang Bang“ veröffentlicht haben. Auf der CD sind die zwei nackt abgebildet.

Er fühlt sich auf der Bühne nackt

Nun wäre es einigermaßen hoffnungslos zu erwarten, dass sich Jazzmusik – selbst wenn sie ansprechend und für eine breite Hörerschaft tauglich gemacht ist – mit „sex sells“ besser verkaufen ließe. Tatsächlich hat die Freizügigkeit einen ganz anderen Hintergrund. „Wir fühlen uns nackt, wenn wir auf die Bühne gehen“, erklärt Faller die bildhafte Darstellung eines Gefühlszustandes. „Die Musik ist nackt, die Musiker, die Sängerin, eigentlich alles.“ Im Duo gebe es „kein Verstecken“, da zähle eben „jeder Ton, jede Note“, die gespielt wird. Als Mitglied einer Band könne man sich mal eine Unaufmerksamkeit oder einen falschen Ton erlauben – „zu zweit geht das nicht“.

„Wir fühlen uns nackt, wenn wir auf die Bühne gehen.“

Sven Faller

Den hohen musikalisch-künstlerischen Anspruch hat der 48-jährige Musiker auch etliche Jahre erfolgreich im „Trio ELF“ und davor in den Bands von Barde Konstantin Wecker und bei Georg Ringsgwandl vertreten. „Egal was du künstlerisch machst“, lautet sein Credo, „es zählt das Niveau, auf dem du es machst!“ Der Münchner hat sich seine Klasse, die ihn überregional in die vordere Riege gebracht hat, über mehrere Etappen hart erarbeitet. In der rheinland-pfälzischen Kurstadt Bad Kreuznach geboren, wanderte er nach ihrer Scheidung mit der Mutter und seinen beiden Brüdern nach München aus.

Im Studio mit Charlie Mariano Foto: Faller

Während er den Umzug in die Großstadt begeistert begrüßte, waren die Brüder über die plötzlich beengten Verhältnisse in einer kleinen Wohnung ziemlich unglücklich. Im Gymnasium gründete Sven Faller mit Kumpels die erste Punkband, die sich wenig später unter Führung ihres Saxofonisten in eine Jazzband verwandelte.

Langeweile kennt der Perfektionist
seit 20 Jahren nicht mehr

Faller hörte bereits damals dauernd Musik, kaufte und tauschte Platten jeglicher Stilrichtung. Seine Sammlung steht heute noch sorgfältig gepflegt und gehütet in seinem Büro. Sogar zum Einschlafen brauchte er mindestens eine Schallplattenseite, hörte Debussy ebenso wie John Coltranes „Love Supreme“ und Pink Floyds „The Piper at the Gates of Dawn“. Mit dem Abitur in der Tasche, aber ohne familiären musikalischen Hintergrund, traute er sich zunächst nicht, seine eigenen Ambitionen auszuleben. Ohne rechte Idee, was er machen sollte, begann er, in Berlin Wirtschaftskommunikation zu studieren. Das war 1988 und das vorerst letzte Mal, dass ihm langweilig war. Nach einigen Wochen schmiss er hin, packte seinen E-Bass ein und ging nach Linz ans Brucknerkonservatorium. Hier begann er bei Adelhard Roidinger Musik und Bass zu studieren. „Unendlich dankbar“ ist Faller dem künstlerischen Freigeist, dass der ihm auf dem Kopf zusagte, das „falsche Instrument zu spielen“. Er müsse Kontrabass spielen, ermunterte der Lehrer Faller zum Umstieg auf ein akustisches Instrument. Mit Feuereifer holte der eine klassische Ausbildung nach und ging anschließend nach München an die Musikhochschule.

Mit seinem Schulfreund Guido May (drums) spielte er im Landes-Jugendjazzorchester bei Dusko Goykovich und nahm sonst jeden bezahlten Gig an, den er kriegen konnte. Auf diese Weise sparte er sich Geld zusammen, um ein Jahr später einen langgehegten Wunschtraum Wirklichkeit werden zu lassen. Mit 20000 D-Mark, in zwei Bündeln in den Schuhsohlen versteckt, flog er in die USA und schrieb sich in New York am Mannes College of Music ein. Aus diesem Musikkonservatorium sind schon Persönlichkeiten wie Burt Bacharach, die Pulitzer-Preis-Gewinnerin Shulamit Ran und der Jazzpianist Bill Evans hervorgegangen. „Weil ich alles begleiten konnte“, erzählt er über diese anstrengenden Jahre, „war ich ununterbrochen am Spielen“. Am letzten Tag fand er in seinem Fach eine Notiz seines Lehrers Jeff Carney, Bassist von Barbra Streisand. „Sven, you’`re not a bassist, you’re a musician!“, hatte ihm dieser geschrieben. „Du bist kein Bassist, du bist Musiker“. Ihm kamen fast die Tränen, als er das las. „Es war das größte Kompliment, das ich mir denken konnte“. Zum Abschlusskonzert, für das er Musik für verschiedene Besetzungen geschrieben hatte, kam auch ein Bekannter seiner damaligen Freundin, der bei einer der größten amerikanischen Werbefirmen für Fernsehwerbung arbeitete. Aus dieser zufälligen Begegnung ergab sich ein lukrativer Job als Komponist und Arrangeur für Werbejingles. In dieser Zeit arbeitet Faller mit Jane Monheit, Randy Brecker, Jay Berliner, John Patitucci, den Rolling Stones Horns und Mitgliedern der New York Philharmoniker, mehrfach erhielt er Auszeichnungen. Er habe „extrem viel gelernt“ in diesem Job, sowohl was das Handwerk im Studio – die Aufnahme, die Technik – angehe als auch in kreativer Hinsicht.

Dennoch spürte er irgendwann, dass es ihn „wieder zurück auf die Bühne zog“. Er wollte improvisieren, spielen, das eingeübte Handwerk einsetzen und mehr „mit Menschen zusammenarbeiten“. Sein Traum, nach Amerika zu gehen, war quasi „erfüllt“. „Zurück in München hatte ich schon nach wenigen Wochen das Gefühl, als hätten hier alle darauf gewartet, dass ich wieder da bin“. Von früheren Freunden und Schulkollegen, die auch im Musikgeschäft gelandet waren, kamen Auftrittsangebote und Aufträge.

Als Studiomusiker und mit
eigenen Projekten erfolgreich

Der Komponist und Musikprofessor Gerd Baumann, Produzent von Konstantin Wecker und Komponist für den Filmemacher Marcus H. Rosenmüller, holte ihn in die Wecker-Band und verschaffte ihm Kontakte ins Filmgeschäft. Faller komponierte Musik für Kinderlieder („Heute will ich Olchi sein“), und spielte als Studiomusiker für Pippo Polina und Mulo Francel. Zunehmend traten eigene Projekte in den Vordergrund. Im Trio Elf erforschte er mit Gerwin „Geff“ Eisenhauer (drums) und Walter Lang (piano) den Einsatz elektronischer Effekte. Vor einigen Jahren stieg er aus dem erfolgreichen Trio aus. Ihm ging es um andere Projekte, wie das Duo mit Boltz und darum, Neues auszuprobieren. Es entstand das Soloprojekt „Night Music“. Dabei kam es auch zu einer lang erhofften Zusammenarbeit mit dem 74-jährigen Pianisten Bob Degen, einem Weggefährten von Albert Mangelsdorff und Adelhard Roidinger, Fallers früherem Lehrer. Für das Projekt, festgehalten auf einer Doppel-CD, hat der Kreativbolzen auch Geschichten aus seinem ersten Buch eingelesen, das autobiografische Erlebnisse beinhaltet.

Im Duo „Le Bang Bang“ verwandelt Sven Faller „seinen Bass in ein Orchester“, wie eine Zeitung über sein Spiel schrieb. In Schwandorf, dorthin hat ihn die Liebe zu seiner Lebensgefährtin hingezogen, nimmt Faller befreundete Musiker und Bands im Studio auf und produziert deren Musik. Zudem gestaltet er seit zwei Jahren eine Reihe namens Live-Talk & Musik im Oberpfälzer Künstlerhaus Kebbel-Villa, wo er bereits den Schauspieler August Zirner, die Sopranistin Vivi de Farias und andere Größen zu Gast hatte.

Der Text ist eine Leseprobe aus der Sonntagszeitung, die die Mittelbayerische exklusiv für ePaper-Kunden auf den Markt gebracht hat. Ein Angebot für ein Testabo der Sonntagszeitung finden Sie in unserem Aboshop.

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