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Der schöne Schein ist aus Schaumstoff

Spiel mit Pappe und Prunk: Susu Gorths Wolkenkuckucksheim und andere Installationen im Kunst- und Gewerbeverein Regensburg.
Von Gabriele Mayer, MZ

Ein Wolkenkuckucksheim aus Schaumstoff und Goldlack: Susu Gorth verwandelt Nichtigkeiten in Bedeutungsvolles und lässt gleichzeitig hinter den schönen Schein schauen.
Ein Wolkenkuckucksheim aus Schaumstoff und Goldlack: Susu Gorth verwandelt Nichtigkeiten in Bedeutungsvolles und lässt gleichzeitig hinter den schönen Schein schauen. Foto: Wolfram Schmidt

Regensburg.Große, opulente Objekte in golden schillernden und glänzenden Farbtönen und mit eigentümlichen Formen. Sie stehen im Kontrast, bilden gerade deshalb aber auch eine Ergänzung zur kunstgewerblichen Ausstellung von Gebrauchsgegenständen mit eher sachlichen Formen, die derzeit in den vorderen Räumen des Kunst- und Gewerbevereins zu sehen ist. Und sie beziehen sich auf das Glitzernde der Weihnachtsmärkte und der feierlichen Dekorationen überall in der Innenstadt, und kontrastieren diese ebenfalls. Eine Kunst-Ausstellung steht nicht einfach nur für sich, sie ist bisweilen ein strategischer Ort, der mit der Luft auch das Leben von draußen hereinholt und die Werke ansprechend offeriert.

Die Künstlerin Susu Gorth, die die Ausstellung bestreitet, wurde 1974 in Kiel geboren, studiert hat sie an der Akademie in München, wo sie derzeit lebt und arbeitet. Ihre Materialien holt sie wohl hauptsächlich vom Baumarkt. Den großen Ausstellungs-Saal mit der Galerie nutzt sie elegant für ihre Zwecke. Auf die mehrere Meter hohe Installation in der Mitte des Raums lässt sich von unten hochschauen. Auf festen Holzplatten am Boden sind einige schmale Metallstangen in der Art von Fahnenstangen installiert und ragen nach oben. Auf ihrer Spitze thront von weißen Wolken umgeben eine goldene Stadt.

Gorth verweist auf Träume

Auf Augenhöhe sind wir mit dieser ungreifbaren, verschlossenen Stadt, diesem Wolkenkuckucksheim dann, wenn wir auf die Galerie hinaufsteigen. Das unbestimmt Mythische, das die Häuser wolkig umgibt, und auf die Kulturgeschichte, auf kollektive Träume und Ängste, auf den kulturellen Schatz von Märchen, Sagen und Utopien der Menschen verweist und damit spielt, hat bei Susu Gorth Methode. Aus Schaumstoff, aus Handtüchern oder aus Pappe ist ihre Kunst.

Das Material spielt eine wichtige Rolle, vor allem aber dessen Verwandlung zu etwas Bedeutungsvollem, zu etwas, das auf etwas anderes verweist. Das ist das Wesen der Kunst, nicht der Kunst allein freilich, aber der schöne Schein und die Imaginationen sind die wichtigsten Elemente der Kunst, und in den Werken dieser Schau tritt es besonders zutage.

Ein rätselhafter Schrein von Susu Gorth, zu sehen beim Kunst und Gewerbeverein Regensburg Foto: Wolfram Schmidt
Ein rätselhafter Schrein von Susu Gorth, zu sehen beim Kunst und Gewerbeverein Regensburg Foto: Wolfram Schmidt

In dieser Ausstellung darf man auch hinter den Schein blicken, man erfährt, woraus die Werke sind, und sieht es aus der Nähe ganz deutlich: er wird nicht versteckt, der Schaumstoff, diese Nichtigkeit. Die Künstlerin bildet nichts ab, sondern erzeugt mit ihrer Phantasie Neuartiges. Und reagiert damit auf soziale Phänomene. Das Fehlerhafte im System eines ursprünglichen Einfalls oder seiner Ausführung sind oft der Ausgangspunkt für die weiterführende Kreativität, sagt sie.

Die Objekte erinnern an Sakrales

Im unteren Teil des großen Saals befinden sich neben der Stangen-Stadt noch zwei weitere Objekte. Ins Auge springt sofort das etwa zwei Meter breite, goldene Wandobjekt, irgendwie ein riesiger, ausufernd schnörkeliger, deformierter Bilderrahmen, so assoziiert man jedenfalls. Aber wo ist das Bild? Ein Teil des Objekts scheint aufklappbar zu sein, ist es aber nicht. Das Objekt ist sich vielmehr selbst genug in seiner Kostbarkeit aus Kunststoffversatzstücken und besprühtem Gitterwerk. Es hat etwas nicht eindeutig Zuordenbares, etwas Unbestimmtes, aber Anspielungsreiches. Es erinnert diffus an etwas. An Sakrales, Verborgenes, an Monströses und Defektes.

Susu Gorth in Regensburg

  • Die Ausstellung

    Die Schau im Kunst- und Gewerbeverein dauert bis zum 6. Januar. (Di. bis So., 12 bis 18 Uhr). Kunst- und Gewerbeverein und VHS bieten am 10. Dezember (11 Uhr) eine Führung an.

  • Die Künstlerin:

    Die Münchner Künstlerin Susu Gorth wurde 1974 in Kiel geboren, absolvierte eine Holzbildhauerlehre in Bischofsheim und studierte an der Kunstakademie in München.

In einer Zeit, in der alle möglichen Zusammenhänge, Grundlagen, Traditionen, Codes und Zeichen drastisch ihre Bedeutung verlieren und verkürzen und Fluktuation und Flüchtigkeit die Hauptworte sind, wird der Wert, den Rückgriffe und Assoziationen bilden, bedeutender denn je. Doch: Es muss etwas da sein, zum Beispiel Erinnerung, die die Assoziationen überhaupt füllen kann, so dass sie, etwa durch Kunstwerke, in Gang gesetzt werden können.

Ein Werk aus der Serie „Rahmen“, in der Ausstellung von Susu Gorth beim Kunst und Gewerbeverein Regensburg. Foto: Wolfram Schmidt
Ein Werk aus der Serie „Rahmen“, in der Ausstellung von Susu Gorth beim Kunst und Gewerbeverein Regensburg. Foto: Wolfram Schmidt

„Rahmen“ lautet der Titel einer ganzen Werk-Serie, einige kleinere hängen auf der Galerie. Aber Rahmen wofür? Es sind eigentlich verschnörkelte Ecken, mit Fäden kunstvoll verspannt und vernetzt, und ein winziges Foto sitzt jeweils in der Mitte dieses überladenen zerfledderten Gebildes, ein Familienfoto, ein wertvolles Foto nur für den, den es betreffen mag.

Unten im Saal steht noch eine Art Betstuhl oder Schrein, auch in Gold gehalten, ein Hocker unter einem Kasten, der den Blick freigibt auf ein Bild, an den Ecken grobe Baumrinden, ein Ding wie ein Fetisch, aber es sind keine klaren rituellen Verknüpfungen vorhanden. Sind die Objekte schön, eindrucksvoll? Teils, teils. Man schaut hier sozusagen auch hinter etwas, und das hat auch etwas Zerrissenes, Nichtiges, Pompöses und Abstoßendes, das ist pure Absicht.

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