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Indiepop

Der Überlebenskünstler

Die neun Songs auf Robert Forsters neuem Album „Inferno“ gehören zum Besten, was Pop derzeit zu bieten hat.
Von Helmut Hein

Seine Songs müssen haltbar sein, sagt Robert Forster. Und sie sind es. Foto: Bleddyn Butcher/Tapete Records/dpa
Seine Songs müssen haltbar sein, sagt Robert Forster. Und sie sind es. Foto: Bleddyn Butcher/Tapete Records/dpa

Hamburg.Robert Forster schreibt Lieder für die Ewigkeit. Und er weiß das. In den 1990er Jahren, als er in der Nähe von Regensburg lebte – in einem „german farmhouse“ –, fragte ich ihn bei einem unserer Gespräche, was er denn so treibe. Robert Forster, vollkommen ernst: „Songs schreiben.“ Viele Songs? Ein, zwei im Jahr, erwiderte er. Und, als er mein Staunen spürt: „Das reicht. Sie müssen haltbar sein.“ Kein Wegwerf-Pop, sondern Meisterwerke, an denen sich noch künftige Generationen erfreuen sollen.

Man kannte Robert Forster als Flaneur, der durch die Regensburger Altstadt und die Donau entlang „schritt“ – unwillkürlich fällt einem John Lennons „watching the river flow“ ein – und als Bohémien, der gern die Dandy-Maske aufsetzte: stets sorgfältig gekleidet, geschmackvoll in allen Lebenslagen, mit einem hintersinnigen Humor begabt. Oft wurde das Songwriter-Duo Robert Forster/Grant McLennan in den 1980er Jahren mit Lennon/McCartney verglichen. Die „Go-Betweens“, ihr Projekt, waren damals die Band, auf die sich alle Kollegen einigen konnten. „Musician’s musician“ nennt man das. Jeder, der etwas von Musik verstand, liebte Robert Forster.

Robert Forster live

  • Tour:

    Ende April spielt der Singer-Songwriter Robert Forster einige Konzerte in Deutschland. Unter anderem tritt er am 9. Mai im Münchner Feierwerk auf.

  • Album:

    „Inferno“ ist sein erstes Soloalbum seit vier Jahren. Es ist für ca. 17 Euro (CD) bei Tapete/Indigo erschienen.

„Inferno“ von Robert Forster Foto: Tapete Records/dpa
„Inferno“ von Robert Forster Foto: Tapete Records/dpa

Das hat sich seit Grant McLennans frühem, plötzlichem Tod kaum geändert. Nur dass sich eben Robert Forster noch mehr Zeit lässt. Gerade einmal zwei Alben sind in einem Dutzend Jahren erschienen; das aktuelle, „Inferno“, ist sein bisher bestes. Es handelt von den ewigen Robert-Forster-Themen: Du musst dein Leben ändern! Weil es dir sonst so geht wie deinen Eltern, bei denen jedes Wochenende so aussah wie das vorhergehende und das kommende. Es sind Ausbruchsgeschichten, die er erzählt. Jack Kerouacs „On the road“ hat ihn geprägt und immer wieder auch musikalisch beschäftigt. Also das Unterwegssein als Prinzip, die ewige Suche nach Intensität. Wobei der jedes Wort, jeden Ton sorgfältig setzende Forster auf Reduktion und Schönheit setzt und nicht auf eine authentizistische Maßlosigkeit, den „großen Flow“, wie einst die Beatniks. „The Magic Five“ nennt Forster seine Band, zu der wieder seine Frau Karin Bäumler zählt, außerdem Earl Havion, der schon für die Tindersticks und Mary J. Blige trommelte, und der Keyboarder Michael Mühlfeld, den man von Blumfeld und Kante kennt.

Forster schafft es, mit ein paar Gitarrentönen eine ganze Welt zu entwerfen.

„The Magic Five“? Ja, Forster schafft es, mit ein paar Gitarrentönen im Intro eines Stücks eine Szenerie, eine ganze Welt zu entwerfen. Die neun Songs auf „Inferno“ wären als Instrumentals außerordentlich. Aber hinzu kommt dann noch das Entscheidende: Robert Forsters Lyrics – und sein Gesang, der noch nie so zugleich subtil und kraftvoll war wie jetzt mit 60 Jahren.

Apropos Alter. Das beschäftigt Forster, der nicht nur ein Schönheits-, sondern auch ein Existenz-Junkie ist, unüberhörbar immer mehr. Wenn er in dem vielleicht schönsten Song des Albums, „Morning“, den Morgen als Freund begrüßt, dann auch, weil er es ein weiteres Mal durch die dunkle Nacht geschafft hat. Robert Forster, der leicht hypochondrische Überlebenskünstler, der zu wissen meint, dass sich diese dem Verfall preisgegebene Welt nur als „ästhetisches Phänomen“, wie es einst bei Nietzsche hieß, also durch Kunst retten lässt. Außerordentliches Album!

Wie es sich anhört? Zum Beispiel so – der Song „Inferno (Brisbane in Summer)“:

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