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Kultur
Mittwoch, 18. Juli 2018 29° 6

Lesetipp

Der unrunde Ball

„Als der Ball noch rund war“ heißt das Buch der Stunde. Rainer Moritz beschreibt Furchtbares und Grandioses – wie tröstlich.
Von Angelika Sauerer

Die Schmach von Córdoba: Die Abwehr von Verteidiger Bernard Dietz, der hier über den am Boden liegenden Torhüter Sepp Maier fliegt, ist vergebens. Hans Krankl (9) hat bereits abgezogen und den Ball zum siegentscheidenden 3:2 für Österreich eingeschossen. Damit schied Deutschland bei der WM 1978 als amtierender Weltmeister aus. Foto: dpa
Die Schmach von Córdoba: Die Abwehr von Verteidiger Bernard Dietz, der hier über den am Boden liegenden Torhüter Sepp Maier fliegt, ist vergebens. Hans Krankl (9) hat bereits abgezogen und den Ball zum siegentscheidenden 3:2 für Österreich eingeschossen. Damit schied Deutschland bei der WM 1978 als amtierender Weltmeister aus. Foto: dpa

Schreckliche, unangenehme und grandiose Fußball-Erinnerungen“ – so lautet der Untertitel eines Buches, das Rainer Moritz in diesem Jahr veröffentlicht hat. Es scheint, er muss es in einer Neuauflage um ein aktuelles Kapitel ergänzen, wobei noch nicht ganz klar ist, ob das erste Ausscheiden einer deutschen Fußball-Nationalmannschaft bereits in der Gruppenphase einer Weltmeisterschaft nun eher zu den schrecklichen oder doch nur zu den unangenehmen Ereignissen zu zählen wäre.

„Als der Ball noch rund war“ von Rainer Moritz ist bei Atlantik Bücher/Hoffmann & Campe erschienen.
„Als der Ball noch rund war“ von Rainer Moritz ist bei Atlantik Bücher/Hoffmann & Campe erschienen.

Der Autor Rainer Moritz ist Hamburger, Literaturwissenschaftler – er leitet das Hamburger Literaturhaus – und Fan des TSV 1860 München. Eine etwas ungewöhnliche Konstellation, die aber erklärt, wie es ausgerechnet eine Regensburger Begebenheit neben der Schmach von Córdoba in die Reihe der schrecklichen Episoden geschafft hat: „Jahn Regensburg schickt die Münchner Löwen in die dritte, nein, in die vierte Liga“. Dem leidgeprüften Rainer Moritz „ist elend, sehr elend“, während „dieser lächerliche, sich immer lächerlicher machende, absurde, immer absurder werdende Hampelmannverein“ am 30. Mai 2017 in der Relegation gegen den Jahn den Kürzeren zieht. Daneben erscheint das vorzeitige Ausscheiden der Nationalelf fast wie ein Klacks.

Diese „Urangst, morgen werde es nicht mehr so schön sein, wie es gestern war“

Rainer Moritz, Autor

Freilich ist es ein subjektives Buch, etwas anderes wollte Rainer Moritz auch gar nicht. Er sagt: „So ein Buch schreibt man immer auch für sich selber.“ Aber freilich spielte daneben der Erinnerungsaspekt eine Rolle. „Ich wollte zusammenfassen, was sich in den letzten 100 Jahren ins kollektive Fußballgedächtnis eingegraben hat. Wembley-Tor, das 7:1 gegen Brasilien, das Wunder von Bern.“ Das Aufbewahren, das Immer-wieder-Erzählen solcher Erinnerungen sei für den Fußballfan unabdingbar. „Das können großartige, sensationelle Augenblicke, aber ebenso solche des intensiven Leidens und der deprimierenden Schicksalsschläge sein. Auch das gehört zum Fußballleben.“ Vermutlich ist genau jetzt der richtige Moment dafür, dieses Buch zur Hand zu nehmen.

Der Autor Rainer Moritz

  • Rainer Moritz,

    geboren 1958 in Heilbronn, leitet das Literaturhaus Hamburg. Er schreibt neben vielen anderen Themen auch über Fußball. „Abseits. Das letzte Geheimnis des Fußballs“ und „Vorne fallen die Tore“ kamen 2006 auf den Markt.

  • Als der Ball noch rund war

    erschien 2018 für 16 Euro. 272 Seiten; Atlantik Bücher bei Hoffmann & Campe.

Noch etwas bewegt den Autor und vermutlich alle, die den Fußball mögen: die „Urangst, morgen werde es nicht mehr so schön sein, wie es gestern war“. Rainer Moritz zitiert den ängstlichen Franz Kafka: „Vielleicht hört der Fußball jetzt überhaupt auf.“ Dem hält Moritz’ Buch die gute Nachricht entgegen: Egal, was befürchtet wurde, es ist immer weitergegangen. Vielleicht nicht ganz so schön, vielleicht mit neuen Vorzeichen, aber immerhin. Nicht nur der Fan hat ein Beharrungsvermögen, sondern auch das Spiel, für das er sich begeistert. Der Ball mag nicht mehr so rund sein wie früher, aber auch unrund läuft er noch ganz passabel.

Zum Lesevergnügen trägt nicht nur bei, wie Moritz auf persönliche und amüsante Weise die alten Geschichten neu erzählt. Es sind auch die von ihm gewählten Zitate, zum Beispiel das des Sportjournalisten Christoph Biermann: „Fußball leert den Kopf. Radikal und komplett. Nur im Fußball gehe ich verloren.“ Martin Walser würde antworten: „Sinnloser als Fußball ist nur noch eins: Nachdenken über Fußball.“ Insofern machen wir einfach einen Haken unter die Schande von Kasan.

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