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Blues

Der Vater der Rolling Stones


Von Helmut Hein, MZ

Ohne ihn hätte die Rock-Musik seit den frühen 60ern vermutlich eine andere Richtung genommen. Die Rolling Stones z. B. nannten sich so nach einem legendären Muddy-Waters-Song. Und ihre ersten Alben sind voller Cover-Versionen seiner Lieder. Was hat nicht nur die Stones, sondern auch viele andere, vor allem britische Musiker, von Alexis Korner bis Johnny Winter so an Muddy Waters fasziniert? Das, wofür später auch Bob Dylan gescholten wurde: dass er seine Gitarre unter Strom setzte, dass er in harten wiederkehrenden Riffs den Herzschlag, das vitalistische Pochen der populären Musik entdeckte. Und vermutlich auch eine bestimmte Form von Authentizität, von innerer Wahrheit, die sich einem harten Schicksal verdankt.

Die Kulturrevolutionäre der Sixties waren in vielen Fällen verwöhnte Kinder einer saturierten Mittelschicht, anintellektualisierte Arts-School-Studenten, die eine Mischung aus schlechtem Gewissen, Neugier und diffusen Sehnsüchten an die Ränder trieb, zu den „underdogs“, den Opfern der guten Gesellschaft. Als Muddy Waters in den frühen 60ern zusammen mit anderen durch Europa tourte, war das ein Akt der Verzweiflung. In Amerika hatte er seine beste, das heißt halbwegs erfolgreiche Zeit hinter sich. Er konnte dort, wie so viele Blues-, Folk- und Jazz-Heroen von seiner Kunst nicht leben. In Europa war das anders. Dort gab es Auftrittsmöglichkeiten, und eine junge Generation, die „schwarz“ sein wollte, orientierte sich an ihm, nicht nur, aber auch musikalisch.

Muddy Waters trieb dem weißen Pop den Kitsch, das Süßliche, das Sentiment aus. Seine krude Art, Akkorde zu ballen und in immer neuen Stößen zu treiben, machte die bis dahin harmlose Teenager-Musik wild, verwandelte sie in ein politisches und sexuelles Statement. Das typische Muddy-Waters-Riff klang stets nach: „Du musst dein Leben ändern.“

Paradoxerweise wurde das nirgends deutlicher als in einem halb vergessenen Paul-Schrader-Film aus den 70er Jahren: „Blue Collar“. Dort fand sich der Widerstandswille und die maßlose Lebensgier einer, wie sie selbst es empfand, „verdammten“, in einer lebenslangen Aussichtslosigkeit verschlossenen Arbeiterschicht exemplarisch in einem Muddy-Waters-Song: „I’m Your Hoochie Coochie Man“. 1954 entstanden stand dieser Song für die beste Zeit von Waters’ amerikanischen Karriere. Damals hatte er, ursprünglich wie so viele seiner Kollegen aus dem Mississippi-Delta stammend, die schwarze Trauer- und Tanz- und Protest-Musik elektrifiziert und urbanisiert: „Chicago Blues“ nannte man das.

Wer etwas über Muddy Waters’ frühe Zeit wissen möchte, ist in einer glücklichen Situation: 1941 hatten Musik-Ethnologen wie Alan Lomax und John Work im Auftrag der Library of Congress die Volksmusik der Südstaaten dokumentiert. Unter den Aufnahmen befand sich eine Reihe von Muddy-Waters-Nummern, die MCA Records postum veröffentlicht hatten. Die Biographie von Muddy Weaters liest sich wie ein Who’s Who des Blues. Früh arbeitete er schon mit Big Bill Broonzy und Sonny Boy Williamson zusammen. Am Beginn seiner komerziellen Karriere schrieb der legendäre Willie Dixon Songs für ihn. Später trat er, musikalisch ohne alle Berührungsängste, auf Jazz Festivals in Newport und Montreux auf und tourte ab 1963 mit dem American Folk Blues Festival durch Europa.

Er spielte mit Bo Diddley und Howlin‘ Wolf, aber auch mit „The Band“, die durch ihre Kooperation mit Dylan einige Berühmtheit erlangte. Und, auch das ein Zeichen von Demut wie von Geschäftssinn, er ließ sein 77er-Album „Hard Again“ von Johnny Winter produzieren, der weißen Crossover-Blues-Legende. Mit britischen Blues-Rockern wie Rory Gallagher oder Steve Winwood jammte er.

Und am Ende seines Lebens spielte er, gesundheitlich bereits schwer angeschlagen, 1981 mit den Stones in der Checkerboard Lounge in Chicago. Da schien es, als sei Muddy Waters nach einer langen Reise durch Stile, Genres und Kontinente zu den Wurzeln zurückgekehrt. Und die, die sich auch ein wenig schamlos bei ihm bedient hatten, erwiesen ihm zumindest einen Abend lang ihre Reverenz.

Infos

Der Musiker Muddy Waters wurde am 4. April 1913 als McKinley Morganfield in Rolling Fork in Mississippi geboren. Da er als Kind gerne in einem Nebenflusses des Mississippi spielte, bekam er von seiner Großmutter den Spitznamen Muddy Waters (schlammiges Wasser).

Waters war einer der einflussreichsten amerikanischen Bluesmusiker. Das Rolling Stone Magazine setzt ihn auf Platz 17 der 100 besten Sänger aller Zeiten.

Er starb am 30. April 1983 in Westmont, Illinois.

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