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Literatur

Der wunderbare Kauz wäre 100 Jahre alt

2014 steht im Zeichen des großen Haide-Dichters Arno Schmidt (1914-1979). Sein Werk wirkt jünger und frischer denn je.
Von Thomas Dietz, MZ

Arno Schmidt (ca. 1970)Foto: Arno Schmidt-Stiftung, Bargfeld

Bargfeld. Am Samstag wäre „Er“ 100 Jahre alt geworden – meine Damen und Herren, wir erheben uns von den Plätzen! Arno Schmidt wurde am 18. Januar 1914 geboren. Am 3. Juni jährt sich der Tod des Dichters zum 35. Male: 2014, ein Arno-Schmidt-Jahr.

In der deutschen Literatur nach 1945 steht Schmidt, der alte Kauz, einzigartig da und kann mit nichts und niemandem verglichen werden. Er hat uns ein ungeheures, sprachmächtiges Œuvre hinterlassen, das die Lust am Schmökern auf das Vorzüglichste bedient. Allerdings ist man danach für die meisten anderen Schriftsteller der Gegenwart verloren: Schmidts Texte in ihrer Wucht nehmen sich aus wie eine dampfende Mokkatasse vor einer kalten Kanne mit Blümchenkaffee. „Neben Schmidt wirken andere deutsche Autoren wie Schüler“, schrieb sein Dichterkollege Christoph Hein.

Schmidt ist der Einzige, über dessen Lektüre ich einmal (mit 17) vier Bus-Stationen zu weit fuhr. Einer aus der Parallelklasse erzählte, sie würden ein Buch lesen, „Schwarze Spiegel“, in dem der Held, nach einem Atomkrieg ganz alleine auf der Welt, durch menschenleere Städte streift, Türen eintritt, Geschäfte und Bibliotheken plündert. Und dann requiriert er keine leerstehende Villa mit intakten Öfen, nein, er baut sich alleine, mühsam und ungeübt ein eigenes Holzhaus.

„Da war ich hin und weg“

Das ärgerte mich maßlos. Solch ein Buch hätte ich a) selber gern geschrieben, b) lasen wir in unserer Klasse leider nur Wallraff und Erika Runge und c) war der Informant ein ziemlicher Blödi. Sofort nach der Schule eilte ich in die „Frankfurter Bücherstube Schumann & Cobet“, wo man Schmidts Bücher vorrätig hielt, und kaufte vom Taschengeld die Trilogie „Nobodaddy’s Kinder“. Verspätung zum Mittagessen: 35 Minuten. „Da war ich hin und weg“ heißt auch der Sammelband „Arno Schmidt als prägendes Leseerlebnis“.

Als Studenten planten wir in Kneipenlaune sogar einen Kinofilm über Schmidts Leben: „Er“ sollte von Patrick Macnee („John Steed“), seine Frau Alice von Diana Rigg („Mrs. Peel“) verkörpert werden. Wir trauten uns damals aber nicht, das gewiss großartige Konzept abzuschicken.

Leider wissen einige Leute immer noch ganz genau, dass Arno Schmidt unlesbar sei und hauchen bedeutungsschwer „Zettel’s Traum“ (erschienen 1970) als Prima-facie-Beweis, es gar nicht erst versuchen zu müssen. Dabei kann man alle Schmidt-Bücher mit größtem Spaß direkt und unmittelbar lesen. Jüngere Leser haben da geringere Schwierigkeiten und kommen heute mit den grandiosen Wortschöpfungen und der phantastischen Interpunktion viel besser zurecht.

In den prüden fünfziger Jahren war Schmidt oft genug nur „shocking“: Karl Korn empörte sich 1957 in der FAZ über „Abfallhalden der Sprache“, auf denen Schmidt frech „neue Worte erfindet“. Eine Figur namens Hans Habe redete von „wirrem, eklem Gestammel, pathologischem Gekritzel und Irrenhauskunst“. Die Erzdiözese Köln initiierte ein Verfahren wegen „Gotteslästerung und Pornografie“, und auch der jüngst verstorbene Marcel Reich-Ranicki hat ausgerechnet bei Arno Schmidt wortreich krachend versagt.

„Zuerst denkt man: Blödsinn“

Die meisten Kritiker und Kollegen konnten damals zugeben, dass man es mit einem großen Manne zu hat. Walter Jens z. B.: „Ein toller Knabe. Zuerst denkt man: Blödsinn. Dann ärgert man sich. Man liest weiter. Man ist entzückt, man ist ergriffen.“ Walter Kempowski: „In allem, was er schrieb, wirkte er unglaublich jung und frisch.“ Allein für den Einfall am Aller-Ufer: „– – – (Von Zeit zu Zeit kam der Name des Flüßchens in Holzbuchstaben vorbeigeschwommen; sicher die Aufmerksamkeit eines fernen Bürgermeister am Oberlauf – – –). –“, hätte Schmidt einen Nobelpreis verdient.

Als der Setzer Friedrich Forssman, Bernd Rauschenbach und Susanne Fischer von der Arno-Schmidt-Stiftung in Bargfeld 2011 in der ausverkauften Regensburger Buchhandlung Dombrowsky mehrstimmig Passagen aus dem Riesenbuch „Zettel’s Traum“ vortrugen, gluckste und quietschte das Publikum, dass es eine Freude war – und bewies wieder mal, dass sich Arno Schmidt zu Lebzeiten nicht nur für einen „Haide-Dichter“ (immer mit ,ai‘!) und „an der Schreibmaschine ergrauten Wortmetz“, sondern auch zu Recht für einen großen Humoristen hielt.

Schmidts Bücher sind in den fünfziger Jahren politisch und sexuell „entschärft“ worden. Längst sind sie ungekürzt in der vorbildlich edierten Bargfelder Ausgabe und in Einzelausgaben im Suhrkamp-Verlag erhältlich. Die Taschenbücher des S. Fischer-Verlages enthalten die damaligen Druckfassungen, ausgenommen „Das große Lesebuch“ (erschienen im Dezember 2013).

Jedes Jahr reisen Hunderte von Arno-Schmidt-Lesern aus der ganzen Welt ins Haidedorf Bargfeld (Eldingen, Landkreis Celle), um Spuren dieses Schriftstellers zu suchen und zu fotografieren, die Flüsschen Lutter und Schmalwasser zu sehen oder das Schauerfeld mit seinen „Nebeln schelmenzünftich“ zu betreten, den Stacheldraht mit dem berühmten Sound „– : king!“ vibrieren zu lassen und den Rindviechern beim „: ›Anna Muh=Muh!‹ –“ zuzuhören. Das Wohnhaus kann (nach Anmeldung bei der Arno-Schmidt-Stiftung) besichtigt werden.

Arno Schmidt wird neuerdings in Spanien, Südamerika und den USA verstärkt wahrgenommen. Sein genialer Übersetzer John E. Woods (der auch Thomas Mann ins Englische übertragen hat) arbeitet an einer US-Ausgabe von „Zettel’s Traum“ – „Bottom’s Dream“ – eine Titanenaufgabe. Aber er soll schon ziemlich weit sein.

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