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Literatur

Dichter und Rebell

50 Jahre nach dem Tod von Georg Britting widmen sich zahlreiche Veranstaltungen einem Dichter, um den es ansonsten recht still geworden ist.
Von Ulrich Kelber, MZ

  • Georg Britting führte ein trinkfreudiges Wirtshausleben. Die Natur und die Donau wurden zu immer wiederkehrenden Schauplätzen und Themen in seinen Texten. Foto: Arthur Schnabl
  • Die Sichel im Türstock: Ein Foto aus dem Redaktionsraum der expressionistischen Zeitschrift „Die Sichel“, am Königshof 2, zeigt in der Mitte Georg Britting. Foto: MZ-Archiv
  • Georg Britting Foto: MZ-Archiv
  • Ein Gemälde von Josef Achmann zeigt Georg Britting vor der Donaulandschaft, 1927 Foto: M. Preischl, Museen der Stadt Regensburg
  • Von Josef Achmann: ein Doppelbildnis Achmann-Britting, 1919Foto: J. Dendorfer, Museen der Stadt Regensburg

Regensburg.Die FAZ stellte 2013 in ihrer Reihe „Frankfurter Anthologie“ Georg Brittings Gedicht „Was hat, Achill“ vor. „Jeder Vers ist schlackenlos präzise und bildkräftig“, befand die FAZ, und: „Ein lyrisches Wunderwerk, das ist auf Anhieb deutlich, und es wird deutlicher, je länger man sich damit beschäftigt. Warum ist dieser Dichter, warum ist Georg Britting vergessen?“ Ja, es ist still geworden um das Werk dieses eigenwilligen Dichters, der 1891 in Regensburg geboren wurde und vor 50 Jahren, am 27. April 1964, in München gestorben ist.

Das langsame Verschwinden aus dem Literaturkanon: Das betrifft nicht nur Britting, sondern auch viele andere Autoren seiner Generation. Wer liest noch Jakob Wassermann, wer Ernst Wiechert, wer Hans Carossa, wer Siegfried Vegesack oder Ernst Penzoldt? Allzu zu selten kommt es vor, dass eine wunderbare Wiederentdeckung gefeiert wird – wie soeben mit dem Roman „Schlump“ von Hans Herbert Grimm geschehen. Und es bleibt die Ausnahme, dass sich ein Verlag findet, der ein lange verschollenes Werk wieder zugänglich macht.

Bei Georg Britting gab es eigentlich eine glückliche Konstellation: Er hatte 1938 eine ganz junge Frau kennengelernt und 1946 geheiratet, die Schauspielerin Ingeborg Fröhlich. Sie kümmerte sich nach dem Tod des Dichters intensiv um den literarischen Nachlass und sorgte für die Herausgabe von noch unveröffentlichten Werken, die unter den Titeln „Der unverstörte Kalender“ und „Anfang und Ende“ erschienen. Das von ihr edierte „Das große Georg-Britting-Buch“ war recht erfolgreich. Schließlich veröffentlichte sie die Theaterkritiken, die Britting seit 1912 verfasst hatte, und schrieb ein eigenes Erinnerungsbuch „Sankt-Anna-Platz 10“. Als zu Brittings 100. Geburtstag zunächst im Süddeutschen Verlag und dann im List Verlag die sechsbändige Werkausgabe herauskam, wirkte sie tatkräftig bei der Herausgabe mit. Vor ihrem Tod 2011 musste Ingeborg Schuldt-Britting allerdings erleben, dass die Restexemplare verramscht wurden.

In der „Sichel“ aufbegehrt

Brittings Witwe konnte noch eine Vorsorge treffen: Mit ihrem zweiten Ehemann Hans-Joachim Schuldt gründete sie die Georg-Britting-Stiftung. Die Stiftung – der Geschäftsführer ist heute Prof. Dr. Sigmund Bonk, der Leiter der Bildungsstätte Schloss Spindlhof in Regenstauf – gab eine 23 Bände umfassende Taschenbuchausgabe heraus. Die Texte sind im Internet sogar kostenfrei zugänglich (www.britting.com). Auf rund 300 Klicks kommt die Internet-Seite im Monat.

Ganz vergessen ist Britting also doch nicht. Und zumindest in Regensburg ist er, wie jetzt die Veranstaltungen zum 50. Todestag beweisen, immer noch gut präsent – auch wenn die Institution, die wohl die größte Öffentlichkeitswirkung erzielen könnte, nämlich das Stadttheater, nicht mitmacht. Dabei wäre es lohnend, eines der Britting-Dramen wieder auf die Bühne zu bringen. Zumindest ein Lesungs-Programm hätte sich ohne großen Aufwand auf die Beine stellen lassen.

Wenn Brittings Dichtung beschrieben wurde, tauchten Begriffe wie „barocke, bayerische Lebensart“, „Zeitferne“, „klassische Naturlyrik“ oder „ein an der Antike geschultes Formgefühl“ auf. Auch in die konservative Ecke wurde er gedrängt, wohl bedingt durch seine Freundschaft mit Paul Alverdes und durch die Mitarbeit an dessen Zeitschrift „Das innere Reich“, die in der Nazi-Zeit zwar Freiräume auszuloten suchte, aber nicht wirklich regimekritisch war.

Geprägt vom Expressionismus

Dabei hatte Britting ganz anders begonnen: aufmüpfig und rebellisch, geprägt vom Expressionismus. Seine Kindheit und Jugend in Regensburg war nicht so glatt und problemlos verlaufen, wie er später vorgab. Er musste erleben, dass sein Vater, ein kleiner städtischer Beamter, seinen Posten verlor und sozial deklassiert wurde. Der Schulbesuch muss für den Jungen quälend gewesen sein; er ging mit dem „Einjährigen“ ab, also ohne Abitur.

1911 druckte der „Deutsche Hausschatz“, die katholische Zeitschrift aus dem Pustet-Verlag, als Brittings erste Veröffentlichung das Gedicht „Der Winter“ ab; es deutete schon den Weg zur stimmungsvollen Naturlyrik an. Britting wurde im gleichen Jahr Mitarbeiter der liberalen Zeitung „Regensburger Neueste Nachrichten“, wo er Theaterkritiken und feuilletonistische Miniaturen schrieb. Im März 1913 wurde im Regensburger Theater ein Einakter-Zyklus aus der Feder Brittings uraufgeführt. Der „Regensburger Anzeiger“ bemängelte an den Stücken, dass sie im „unerfreulich herabgekommenen Milieu“ des „modernen Lustspiels“ angesiedelt seien, das nur ein Sujet kenne: „die Erotik“.

An der Front verwundet

Dann kam in Brittings Leben eine überraschende Wende: 1913 begann er ein Studium an der „Königlich Bayerischen Akademie für Landwirtschaft und Brauwesen“ in Weihenstephan; bald wechselte er an die landwirtschaftliche Fakultät der Technischen Hochschule in München. Im August 1914 meldete sich Britting als Kriegsfreiwilliger. Er brachte es sogar zum Leutnant und Kompanieführer und führte später sein „Eisernes Kreuz 1. Klasse“ voller Stolz vor – auch noch 1961 bei der Zeremonie zur Verleihung des Bundesverdienstkreuzes.

Britting laborierte ein Leben lang an den Folgen einer Verwundung, die er im März 1918 an der Front in Nordfrankreich erlitt. Die Bewegungsfähigkeit seines rechten Oberarms blieb eingeschränkt, was zu einer auffallenden Gestik führte. Seine mit Schreibmaschine getippten Manuskripte verwenden meist nur Kleinbuchstaben, weil er Schwierigkeiten mit der Umschalttaste hatte.

Nach dem 1. Weltkrieg war – wie Britting – auch der Maler Josef Achmann in seine Heimatstadt Regensburg zurückgekehrt. Beide sollten dafür sorgen, dass die Stadt für kurze Zeit zu einem Zentrum des deutschen Expressionismus wurde. Der Dichter und der Maler gründeten 1919 die Zeitschrift „Die Sichel“. Vermutlich hatte Achmanns Mäzenin, die Mannheimer Fabrikantengattin Martha Reuther, das Geld zur Verfügung gestellt. Aufbegehrend, drastisch, hart und spröde wirken viele Geschichten, die Britting in der „Sichel“ veröffentlicht hat. Brutalität, animalische Sexualität („Marion“), Gewalt, Erniedrigung und Tod („Der Selbstmörder“, „Das Kind“) spielen eine dominierende Rolle.

„Blühender Blödsinn“

Um die Zeitschrift scharte sich bald ein großer Mitarbeiterkreis, darunter die Maler Conrad Felixmüller und Georg Schrimpf und der Schriftsteller Oskar Maria Graf. Die „Sichel“ half Britting andererseits, in Kontakt zu ähnlich ausgerichteten Zeitschriften zu kommen. „Die rote Erde“ und „Die Aktion“ druckten einige seiner Texte ab.

Die ersten Hefte der „Sichel“ hatten noch einen Umfang von 16 bis 20 Seiten, schrumpften aber bald auf lediglich vier Seiten. Nach einem „Interimsbuch“ 1921 war das Ende besiegelt. Die „Sichel“ war ein anspruchsvolles, spannendes Experiment, das in Regensburg allerdings nicht auf viel Verständnis stieß. Das legt jedenfalls ein Text im „Regensburger Anzeiger“ nahe, der über die Zeitschrift urteilte: „Blühender Blödsinn“, der „bis in die Vorgärten von Karthaus“ reiche, also bis in die damals noch Irrenanstalt genannte psychiatrische Klinik.

Achmann hielt es nicht lange in Regensburg. Wohl durch Britting hatte er die aus einer alten bayerischen Adelsfamilie stammende Schauspielerin Magda Lena von Perfall kennen gelernt, die am Regensburger Theater ihr Debüt gefeiert hatte und nun am Münchner Residenztheater engagiert war. Achmann und Magda Lena heirateten 1920 und bezogen eine großbürgerlichen Wohnung in Bogenhausen (nebst familiärer Sommervilla am Schliersee). Ein Jahr später zog auch Britting nach München, freilich unter ganz anderen Verhältnissen. 30 Jahre lang blieb er ein „möblierter Herr“ und wohnte in Untermiete. Erst 1951 bezog er mit seiner Frau, die Schauspielschülerin bei Magda Lena von Perfall gewesen war, die kleine Wohnung am Sankt-Anna-Platz.

Trinkfreudiges Wirtshausleben

Britting führte ein trinkfreudiges Wirtshausleben. Nicht umsonst heißt einer seiner Gedichtbände „Lob des Weines“. Legendär wurde sein Stammtisch „Unter den Fischen“ in der Schönfeldstube. (Curt Hohoff hat ihn in seinem gleichnamigen Erinnerungsbuch beschrieben.) Ziemlich machohaft muss sich Britting gegeben haben, obwohl er beileibe kein Weiberfeind war. Aber wenn Frauen sich in Männergespräche einmischten, mochte er das gar nicht. Nur Magda Lena war der Zutritt zu dem Stammtisch gestattet. Überrascht erfährt man bei Hohoff, dass Britting gern in einen Studenten-Jargon verfiel und Offiziersgehabe herauskehrte: „Sein größtes Erlebnis war der 1. Weltkrieg.“ Britting umgab sich mit einer bürgerlich-konservativen Aura, aber mit den Nazis – das betont Werk-Herausgeber Walter Schmitz – sympathisierte er keinesfalls. Sein Freund Achmann war 1935 mit einem Ausstellungsverbot belegt worden.

In den ersten Münchner Jahren hoffte Britting, als Dramatiker Fuß fassen zu können. Die leicht absurde Komödie „Die Stubenfliege“ wurde 1923 im Residenztheater mit Magda Lena und Otto Wernicke in den Hauptrollen uraufgeführt. Das Stück „Paula und Bianca“ (1921), eine ziemlich böse Dreiecksgeschichte, kam 1928 in Dresden und dann auch in Regensburg auf die Bühne. Aber der Durchbruch blieb aus.

Mit „Der verlachte Hiob“ und „Michael und das Fräulein“ erschienen in dieser Zeit auch die ersten Prosabände. Doch wichtigste Einnahmequelle für Britting blieben zeitlebens Zeitschriften- und Zeitungsveröffentlichungen, später auch Rundfunksendungen. Der „Simplicissimus“ veröffentlichte rund 100 Gedichte und satirisch angehauchte Prosa-Texte. Britting schickte seine Gedichte und Kurzgeschichten an Feuilleton-Redaktionen in ganz Deutschland. Bei der Frankfurter Zeitung und bei der Vossischen Zeitung war er damit besonders erfolgreich, bei der „Berliner Illustrirten“ erhielt er 1928 bei einem Geschichtenwettbewerb neben Bert Brecht und Arnold Zweig den mit je 3000 Mark dotierten Hauptpreis. Da hatte sich Brittings Stil schon deutlich gewandelt.

Das Leben als Existenzkampf

Die Abkehr vom Expressionismus erfolgte bei Britting und Achmann fast parallel. Achmann, der die Abstrakten ablehnte, wandte sich der Neuen Sachlichkeit zu. Der Dichter beschrieb das so: „Seine letzten Bilder sind von stärkster Geschlossenheit. Die Farbe ist ruhig, verhalten, schön und innig. Das Neue ist noch da. Aber es nicht mehr freche Freude an sich aufbäumenden Gesten. Es ist eine innere Kraft, durch einen Brennspiegel sammelnd, raffend, konzentrierend.“ Mit genau diesen Worten könnte man auch die literarischen Werke aus Brittings nachexpressionistischer Zeit charakterisieren.

Einen einzigen Roman hat Britting geschrieben, den „Lebenslauf eines dicken Mannes, der Hamlet hieß“, ein dämonisches, düsteres, ja fatalistisches Buch voller Grausamkeit, in dem sich das Tragische mit dem Komischen vermengt. Das Essen wird zum Instrument für Hamlets tödliche Rache. Aber auch der Titelheld endet schließlich verfettet, gelähmt und resigniert in einer Klosterzelle. Selbst in seiner Lyrik, die so bilderreich und sprachgewaltig von Blumen, Bäumen, Tieren, Wetter und Jahreszeiten erzählt, gibt es keine falsche Idylle. Die Natur ist bedrohlich, das Leben ein ständiger Existenzkampf.

Wirklich populär unter Brittings Büchern wurde nur der dünne Erzählungsband „Die kleine Welt am Strom“. Auch hier ist die Stimmung oft unbarmherzig, wie in der schaurigen Geschichte vom „Brudermord im Altwasser“, die lange Zeit als Schullektüre beliebt war. Aber gerade diese Geschichte zeigt auch, wie eng verbunden Britting zeitlebens der Donau und seiner Geburtsstadt Regensburg verbunden blieb.

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