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Die Aufbrüche der 70er

Der Musikjournalist und Autor Ernst Hofacker bilanziert kenntnisreich die Sounds und Stories eines aufregenden Jahrzehnts.
Von Helmut Hein

David Crosby (links), Stephen Stills und Graham Nash (rechts) posieren 1983 in Hamburg mit „Goldenen Schallplatten. Ihre größten Erfolge feierten sie in den 70ern. Foto: Werner Baum/picture alliance/dpa
David Crosby (links), Stephen Stills und Graham Nash (rechts) posieren 1983 in Hamburg mit „Goldenen Schallplatten. Ihre größten Erfolge feierten sie in den 70ern. Foto: Werner Baum/picture alliance/dpa Foto: Werner Baum/picture alliance / Werner Baum/d

Stuttgart.Wer erinnert sich noch an den Sound der Seventies? Natürlich alle, die damals live dabei waren, die mit dieser Musik ihre (sexuelle) Initiation, die Zeit ihres wildesten Lebens und den schwierigen Übergang ins Erwachsenen-Dasein verbinden. Aber auch die Nachgeborenen, die ihn nur aus der Heavy Rotation diverser Rundfunkanstalten kennen, für die sich aber viele dieser Songs im Nachhinein zu einem Lebensgefühl, ja, zu einem Mythos verdichten.

In einem „70er Wochenende“ vom 6. bis 8. September 2019 spielte der WDR 708 Hits 72 Stunden lang nonstop. Aber eben nur Hits, chartstaugliches Material, wie Ernst Hofacker moniert. Vieles kam da überhaupt nicht vor. Er selbst will in seinem Buch ein breiteres Panorama entwerfen, mit einer Fülle an Stilen, zahlreichen Sub-Kulturen, Experimenten nicht nur in der Musik, sondern auch im Leben und dem für ein Verständnis dieser Zeit notwendigen politischen und sozialen Kontext.

Ernst Hofacker lässt die 70er in deren Musik und Geschichten Revue passieren. Sein Buch ist im Reclam-Verlag erschienen.
Ernst Hofacker lässt die 70er in deren Musik und Geschichten Revue passieren. Sein Buch ist im Reclam-Verlag erschienen. Foto: Reclam-Verlag

Hofacker will ein durchaus kritischer Chronist sein, aber die weltbewegende Geschichte setzt sich bei ihm aus zahlreichen kleinen und kleinsten Geschichten zusammen; manchmal auch nur aus Anekdoten, die aber verblüffend aufklärerisch wirken. Nur ein Beispiel: Anfang Mai 1970 marschieren die Amerikaner, die in Vietnam schon längst mit dem Rücken zur Wand stehen, völkerrechtswidrig in Kambodscha ein, um die Nachschublinien des Vietcong, den legendären Ho-Chi-Minh-Pfad, zu unterbrechen. Es kommt sofort zu heftigen (Studenten-) Protesten.

Das Land hat angefangen, auf seine eigenen Kinder zu schießen.“

Graham Nash

Am 4. Mai eröffnet die Nationalgarde in der Kent State University das Feuer; vier junge Menschen sterben, zahlreiche werden verletzt. Ein Zeitenbruch! Neil Young, der neuerdings zur Hippie-Supergroup Crosby, Stills & Nash gehört, erfährt davon durch Zufall in der halben Wildnis von Pescadero, wohin er sich mit David Crosby zurückgezogen hat, um Kraft für die bevorstehende Tournee zu tanken und ein paar fette Joints zu rauchen. Er geht daraufhin mit seiner Gitarre in den Wald und kommt nach einer halben Stunde mit einem Song zurück, der längst ein Mythos ist und den Anfang vom Ende der Nixon-Ära markiert: „Ohio“. Graham Nash fasst das Geschehen im Rückblick so zusammen: „Das Land hat angefangen, auf seine eigenen Kinder zu schießen.“

Dekade der Katastrophen

Überhaupt sind diese 70er (nicht nur) bei Hofacker eine Dekade der Toten; angefangen vom frühen erbärmlichen Sterben der Charismatiker Jimi Hendrix, Janis Joplin und Jim Morrison bis hin zu den tödlichen Schüssen auf John Lennon ein Jahrzehnt später. Die Stars der neuen Musik starben aber nicht nur an Drogen, Schlafmitteln und Alkohol, sondern auch an Autounfällen, Flugzeugabstürzen oder durch Stromschläge nicht geerdeter Instrumente. Andere, wie Patti Smith, fielen nur von der Bühne, brachen sich Kopf und Kragen (und ein paar Rippen), überlebten aber.

Dieses Jahrzehnt, von dem Hofacker in zehn Kapiteln berichtet, ist eins der Katastrophen, der dunklen Enden, aber auch eins der Aufbrüche und Experimente. Hofacker erzählt davon detailliert und kenntnisreich. Und wer meint, Identitäts- und Gender-Fragen seien der dernier cri des dekadenten Westens, der sollte sich den Kinks-Hit „Lola“ noch einmal genauer anhören: Darin heißt es, freilich nicht fundamentalistisch-fanatisch, sondern mit dem urbanen Witz, der Ray Davies zu eigen ist: „Girls will be boys and boys will be girls.“

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