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Filmfest

Die Außenseiter im Zentrum


Von Helmut Hein, MZ

Außenseiter stehen im Zentrum des Heimspiel-Filmfests. In Fritz Langs frühem Tonfilm-Klassiker „M“ aus dem Jahr 1931 geht es nicht nur um eine Mörderjagd am Vorabend des Dritten Reichs, die von der Unterwelt mit mehr Engagement betrieben wird als von der Polizei. Wichtiger als der Kriminal-Plot ist bei Lang die Auflösung einer humanen Ordnung in kollektive Hysterie und Paranoia. Wer so radikal anders, so unnennbar „böse“ ist wie der Kinderschänder, der seinem Trieb folgt, kann nicht Teil der Volksgemeinschaft sein. Er muss ausgelöscht werden. Denn er stört nicht nur das gesunde Empfinden, sondern auch die Geschäfte.

Betörend zurückhaltend und auf eine selbstverständliche, alltägliche Weise poetisch ist die Radikalität von Helmut Käutners „Unter den Brücken“. Eine Dreiecks-Geschichte im Schleppkahn-Milieu, die – man glaubt es kaum – mitten im totalen Krieg und im sich zuspitzenden Terror 1944 gedreht wurde. Privatheit als Widerstand. Scheue Liebe als Ausweg aus der Katastrophen-Geschichte.

Ein Faible für die „Freaks“

Der Regisseur Werner Herzog hatte ein Faible für „Freaks“. Wobei sie freilich immer nur „Freaks“ in den Augen der „Normalen“ sind, die ihre Identität in der Abgrenzung gegen die Anderen behaupten (müssen). „Land des Schweigens und der Dunkelheit“ (1971) ist ein Dokumentarfilm, der auf irritierende Weise Grenzen durchlässig macht; auch die zwischen Faktizität und Fiktion. Herzog, der Maniac, stellt paradoxe Fragen: Was sieht der, der blind ist; was hört der, der taub ist? Wie kommuniziert der, dessen Welt in Dunkelheit und Schweigen untergeht? Herzog tröstet nicht, aber er zeigt Möglichkeiten. Und er lässt sich, hier wie in seinen anderen Dokumentationen, von den Rändern des Menschlichen, von Extrem und Exzess faszinieren; und von einem Reichtum, der ein Produkt des Mangels ist.

Es gibt Außenseiter, die nicht anders (sein) können, wie der pädophile Mörder in „M“, wie die taubstumme Fini Straubinger bei Herzog. Manchmal zermalmt die Geschichte die privaten Geschichten; und nur der Listigste entkommt ihr (wie bei Käutner). Wenn aber Josef Bierbichler geschlagen und gezeichnet ist, dann von seiner eigenen Passion, von einer Lust am ureigenen Leben und an der ureigenen Kunst, der er nicht entkommt. Bierbichler ist Autodidakt: als Autor (von Suhrkamp nobilitiert), als Schauspieler und in vielen anderen Aktivitäten.

Er spielte nicht, er zeigte sich

Autodidakt heißt: Man hat ihm nichts beigebracht. Er durfte er selbst bleiben und musste mit sich zurechtkommen. Bierbichler findet für alles eine Lösung, die verblüfft. Oder jedenfalls lange verblüffte. Mittlerweile ist man – paradoxerweise – von ihm nichts anderes gewöhnt als das Überraschende. Er hat angefangen bei Achternbusch: erst im Film, dann auf dem Theater. Sollte man sein frühes Spiel charakterisieren, fiele einem nur ein Wort ein: physisch. Bierbichler wirkte, jedenfalls auf den ersten Blick, durch seine körperliche Präsenz. Er spielte nicht, er zeigte (sich). Erstaunlicherweise funktionierte das auch, wenn er mit eigenwilligen Regisseuren wie Christoph Marthaler zusammenarbeitete oder mit einem Mal Goethes „Faust“ sein sollte. Ein anderer Faust freilich, als man ihn kannte. Wenn es ein Kompliment für einen Schauspieler gibt, dann das: Er findet bei ganz verschiedenen Regisseuren seinen Platz. Wenn er für Haneke spielt (in „Code Inconnu“), dann ist er ein Haneke-Schauspieler – und doch unverwechselbar, Bierbichler.

In der kleinen „Heimspiel“-Hommage sieht man ihn in zwei ganz verschiedenen Rollen, die aber nichts an seiner „Unverkennbarkeit“ ändern. In Ina Weisses „Architekt“ spielt er die Titelrolle: einen nicht mehr ganz jungen Mann, den das Leben im Lauf der Zeit schlecht gelaunt gemacht hat; und der sich in den Verhältnissen, die er doch selbst mit herbeigeführt hat, zunehmend nicht mehr zurechtfindet. Die tote Mutter setzt ihm (nicht nur mit ihrem Testament) genauso zu wie die frigide Frau und die nähesüchtige Tochter. Und zwischen Vater und Sohn findet das übliche Drama statt, das seinen Grund darin hat, dass der Sohn ein anderer und nicht noch einmal der Vater sein will.

Eine scheinbare Nebenrolle

In „Der Knochenmann“ spielt Bierbichler (scheinbar) nur eine Nebenrolle – einen Wirt, und er kommt doch aus einer Wirtsfamilie –, aber es kommt zu einem faszinierenden Showdown mit Josef Hader, der den Ex-Polizisten Brenner spielt und der, was vielleicht wichtiger ist, Bierbichler in vielem ähnelt.

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