MyMz

Ausstellungen

Die Blicke-Sammlerin in weiter Ferne

Die Regensburgerin Maria Maier stellt in Mark Rothkos Heimat aus. Im lettischen Daugavpils will sie auch arbeiten.
Von Helmut Hein, MZ

Maria Maier vor Arbeiten aus ihrem Zyklus „Blütezeit“: Die Regensburger Malerin stellt im lettischen Daugavpils aus.
Maria Maier vor Arbeiten aus ihrem Zyklus „Blütezeit“: Die Regensburger Malerin stellt im lettischen Daugavpils aus. Foto: Maier

Draugavpils.Daugavpils liegt nah an der Grenze zu Litauen und Russland und ist die zweitgrößte Stadt Lettlands: sehr grün und vital. Überall begegnet man aber auch den Spuren der Geschichte. Gesäumt von großen Fernstraßen befindet sich etwa mitten in Daugavpils ein gewaltiges Fort, das einst, zu Sowjetzeiten, 20 000 Soldaten Platz bot: eine Stadt in der Stadt, zum Großteil halb verfallen. Auf dem riesigen Gelände befinden sich lediglich eine Polizeistation, ein Krankenhaus und ein zweistöckiges Kunstmuseum.

Dieses monumentale Gebäude wurde aufwendig und stilsicher restauriert, vor allem mithilfe von EU-Geldern. Die Attraktion des Museums, die auch Besucher von weither anzieht, ist eine Dauerausstellung mit wichtigen Werken des größten Sohns der Stadt. Daneben werden in Wechselausstellungen stets ein halbes Dutzend Künstler aus ganz Europa präsentiert, die auch die Möglichkeit haben, für eine gewisse Zeit dort zu wohnen und in eigenen Ateliers zu arbeiten.

Wer dieser größte Sohn der Stadt ist? Kein Geringerer als Markuss Rotkovits, 1903 in Daugavpils geboren. Ein Jude im einst so kosmopolitischen Baltikum, dessen Familie sich angesichts der zunehmenden Judenpogrome an den Westgrenzen des Zarenreichs nicht mehr sicher fühlte und 1913 in die USA auswanderte. Aus Markuss Rotkovits wurde dort erst Mark Rotko, später dann Rothko, einer der bedeutendsten Künstler des letzten Jahrhunderts.

Rothko selbst ist nie nach Daugavpils zurückgekehrt. Aber immerhin einige seiner wichtigsten Werke, etwa „No. 7 (Orange and Chocolate)“ oder „No. 10 (Brown, Black, Siena on Dark Wine)“: unergründliche Farbflächen, die diffus ineinanderspielen.

Über die Kebbel-Villa nach Lettland

Maria Maier vor Arbeiten aus ihrem Zyklus „Blütezeit“: Die Regensburger Malerin stellt im lettischen Daugavpils aus.
Maria Maier vor Arbeiten aus ihrem Zyklus „Blütezeit“: Die Regensburger Malerin stellt im lettischen Daugavpils aus. Foto: Maier

Für unsere Region ist Daugavpils aber nicht (nur) wegen Rothko interessant, sondern auch und vor allem, weil dort in diesem Jahr gleich zweimal eine Künstlerin namens Marija Meijere ausstellte, in Regensburg und seiner Umgebung besser bekannt als Maria Maier. Wie kommt man an einen so entlegenen Ort, selbst wenn man umtriebig und neugierig ist? Das ist eine komplizierte Geschichte und sie sagt einiges über den Kulturaustausch in Europa und die Arbeitsbedingungen der Kunst.

Über die Schwandorfer Kebbel-Villa, schon seit längerem engagiert und versiert in Sachen Kulturaustausch, kam Maria Maier zunächst nach Görlitz an der polnischen Grenze, in eine Themenausstellung, in der es um Stadtansichten ging, Maria Maiers ureigenes Terrain. Seit den frühen 1990er Jahren fotografiert die Regensburgerin alte Städte und Gebäude, die Spuren des Lebens und der Zeit zeigen, und überarbeitet oder ergänzt sie mit malerischen Mitteln, immer wieder, mehrfach geschichtet, bis alles „stimmt“.

Diese Arbeiten wurden zum Passierschein nach Daugavpils. Man lud Maria Maier ein, wollte ihre Arbeiten im Museum zeigen, wollte aber auch, dass sie dort arbeitet. Mittlerweile hat die Künstlerin ihre Übermalungen, aber auch Teile ihrer großen Ausstellung in der Städtischen Galerie im Leeren Beutel mit Blumen- und Blütenbildern, gezeigt. Die Ausstellung „Blütezeit“ ist noch bis 30. August im Stadtmuseum Abensberg zu sehen.

Als Flaneurin und Archivarin unterwegs

Und: Sie hat getan, was sie immer tut, wenn sie irgendwo fremd ist. Sie erging sich in konzentrischen Kreisen, von innen nach außen, das Terrain, als gelassene Flaneurin und aufmerksame Streunerin, die dokumentiert, was sie sieht. Maria Maier ist gewissermaßen eine Archivarin. Nur, dass sie nicht Gegenstände sammelt, sondern Ansichten, Blicke. Das langsam verfallende Fort war für sie ein sehr ergiebiges Gelände.

Maria Maier mit Maris Cacka, dem Leiter des Museums in Daugavpils
Maria Maier mit Maris Cacka, dem Leiter des Museums in Daugavpils Foto: Maier

Aber was passiert eigentlich mit Fotografien, wenn man sie mit den Augen einer Malerin sieht? Natürlich bleiben die Spuren der Realität – und doch wird alles anders. Was Dokument sein könnte, wird zum ästhetischen Ereignis. Das beginnt schon mit der Wahl des Formats. Die Größe entscheidet, wie das, was man sieht, wirkt. Dann kommt der Malprozess. Erst rasch, flüchtig, hingetupft, meist noch „vor Ort“. Aber die entscheidende Arbeit, die entbergen soll, was sich nicht auf Anhieb zeigt, beginnt erst im heimischen Atelier.

Zweimal war Maria Maier in der Mark-Rothko-Stadt Daugavpils; einmal im Februar, bei minus 40 Grad; und dann im Sommer, bei plus 40 Grad. Extreme Verhältnisse, die aber vielleicht der Konzentration dienen. Die wesentlichen Dinge findet man ja in seinem eigenen Inneren.

Maria Maier will nach Daugavpils zurückkehren, als Stipendiatin, und dort arbeiten.

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht