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Premiere

Die Eins mit Stern nur knapp verfehlt

Mozarts „Così fan tutte“ am Theater Regensburg ist Frontalunterricht mit zauberhaften Regieeinfällen und schönen Stimmen.
Von Claudia Böckel, MZ

Züchtiger Schulmädchenreport: Anna Pisareva und Yinjia Gong (l.), Vera Semieniuk und Matthias Wölbitsch in der Mozart-Oper „Cosí fan tutte“, die am Samstag in Regensburg Premiere hatte.
Züchtiger Schulmädchenreport: Anna Pisareva und Yinjia Gong (l.), Vera Semieniuk und Matthias Wölbitsch in der Mozart-Oper „Cosí fan tutte“, die am Samstag in Regensburg Premiere hatte. Fotos: Martin Sigmund

Regensburg.Eine ganze Schulklasse sitzt schon da: in Schottenrock, Clubjacke und grauen Kniestrümpfen die Mädchen, in grauen Hosen und Clubjacke die Jungs, den Rücken zum Publikum, den Blick zur Tafel. Die Tafel ist riesig, voller Diagramme, an zentraler Stelle das Assoziativgesetz: (A+B) + (C+D) = (A+D) + (C+B), bekannt aus der Mathematik und den „Wahlverwandtschaften“. Goethe spielte in seinem Eheroman mit diesem Modell, um das Bäumchen-wechsel-dich-Spiel in den Paarkonstellationen zu veranschaulichen. Regisseur Andreas Baesler kommt es gerade recht, um Mozarts und da Pontes Oper „Così fan tutte“ quasi auf einen Nenner zu bringen.

Mario Klein als Don Alfonso, Spielleiter der musikalischen Versuchsvorführung
Mario Klein als Don Alfonso, Spielleiter der musikalischen Versuchsvorführung

Ein Schulversuch wird gestartet. In der letzten Bank finden sich nämlich zwei Liebespaare, die miteinander tändeln, nachdem die Klassenarbeit eingesammelt ist. Lehrer Don Alfonso in braunem Cordanzug zeigt den Jungs Guglielmo und Fernando einen Phoenix, der für die Treue der Frauen steht: „Es gibt ihn, doch wo er ist, weiß keiner“. Er fordert sie zu einer Wette auf die Treue ihrer Geliebten heraus, sie schlagen ein, man singt zusammen eine „schöne Serenade“ zur Luftgitarre.

Das Tableau entfaltet sich, die Tafel geht auf und gibt den Blick frei auf eine Schultheaterbühne, auf der verschiedene Konstellationen durchgespielt werden, ähnlich einer Familienaufstellung. Buttons werden vergeben, A, B, C und D steht drauf, rote und grüne Herzen werden verschenkt, in rote und grüne Masken geschlüpft: das Psychodrama als Therapieform. Den Spielleiter gibt der Aufklärer Don Alfonso (Mario Klein), er kuriert die Jugend von Herzenswut und Tollwurm.

Am Ende: Alles auf Anfang

24 Stunden dauert dieser Schulversuch. Im Grunde wissen alle, dass nicht wirklich etwas passieren kann, höchstens Schäferstündchen mit anderen Partnern. Und wenn? Am Ende steht alles wieder auf Anfang. Dazwischen: Szenen und Szenenwechsel, Rollentausch, Verdoppelung bei der Arie der Fiordiligi. Sie agiert und singt, ihre Schwester Dorabella macht ihre Bewegungen gegengleich nach. Hier gab es die ersten Bravo-Rufe für Fiordiligi Anna Pisareva, aber auch für das Orchester, das des Sturms Gefahren so plastisch macht.

Martina Fender, die neue Soubrette des Theaters Regensburg, stimmlich präsent und ein Blickfang
Martina Fender, die neue Soubrette des Theaters Regensburg, stimmlich präsent und ein Blickfang Foto: Sigmund

Die Regieeinfälle sind zauberhaft: Die Harmoniemusik auf der Bühne besorgt der Pedell mit einem alten Tonband, den Chor auf das Soldatenleben studiert man in der Singstunde ein, während in der Guckkastenbühne Ferrando und Guglielmo mit Barett und Seesack Abschied nehmen. Verwandlung gibt es durch Öffnen und Schließen der Tafel. Die freche Göre Despina mit den blonden Zöpfen (Martina Fender, die neue Soubrette des Theaters, stimmlich präsent und süß zum Anschauen) raucht, räsoniert über die Austauschbarkeit der Männer, tut sich mit Don Alfonso zusammen, zum Ränkeschmieden und zum Tändeln.

Anna Pisareva erzeugt Gänsehaut

Derweil hasst Dorabella mit dem Pferdeschwanz (Vera Semieniuk) den Tag und das Licht, singt ihre erste Arie bravourös, komponiert vom genialen Wolfgang Amadeus wie eine Wahnsinnsarie aus der Opera seria, mit Sonnenbrille, in ihrer Verzweiflung aufs Beste unterstützt von der Sextolenbewegung der Violinen. Ferrandos (Yinjia Gong) schlichte da-capo-Arie, wo es um amore geht – um was sonst? –, hatte einen larmoyanten Einschlag und verfehlte den Affekt. In den Ensembles konnte Gong sich aber durchaus behaupten.

Überhaupt ist die Così ja eine Ensembleoper. Die sechs Protagonisten treffen immer wieder zusammen, in den Finali alle, sonst in Quartetten oder Quintetten. Die gesanglichen Leistungen sind enorm. Dennoch ist die prima inter pares doch Anna Pisareva, die einem mit ihrem Rondo „Per pietà“ Gänsehaut über den Rücken jagt. Als Heroine bezwingt sie ihre Selbstzweifel und widersprüchlichen Gefühle durch überwältigende Musik, grandios gesungen. Über die durchaus konstitutionelle Hornpartie darunter hörte man besser weg.

Guglielmo Matthias Wölbitsch bestach besonders in seiner Arie über die Frauen im 2. Akt, zeigte alles von leisem Wohllaut bis zu ärgster Aggression, ohne wirklich forcieren zu müssen. Mario Klein als Don Alfonso agierte stimmlich eher im Hintergrund – gar kein schlechter Ansatz für seine Rolle als Strippenzieher.

Der Chor als Schulklasse vor einer fast furchterregend großen Tafel
Der Chor als Schulklasse vor einer fast furchterregend großen Tafel Foto: Sigmund

GMD Tetsuro Ban hielt ebenso wie Don Alfonso alle Fäden zusammen, gab den Sängern Raum, dem Orchester Kontur. Nicht nur für das intime Liebesduett Fiordiligi-Ferrando, sehr schön gesungen, fand Hartmut Schörgkofer (Bühne und Kostüme) ein bestechendes Bild, hier in Rot und Gold, romantisch trotz der Laborumgebung. Und am Schluss war auch die Schulklasse (der bestens disponierte Chor) wieder da, die Tafel ging zu. „Nicht für die Schule, fürs Leben lernen wir“ steht da. Der Hausmeister bringt blaue Talare und Collegehüte für die zwei Paare. Don Alonso reicht jedem die Hand, sie haben ihr Examen bestanden. Und er? Fängt sich eine schallende Ohrfeige von seiner Despina ein.

Die Termine aller weiteren Vorstellungen und Karten gibt es hier

Videoeindrücke von Mozarts „Così fan tutte“ am Theater Regensburg Video: D&G Media

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