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Kunst

Die Erinnerung als Erlösung

Barbara Guflers „RETRO“: Großartige Ausstellung der Regensburger Künstlerin mit Gemälden, Monotypien und Objektkästen in der Augenklinik Regensburg.
Von Helmut Hein, MZ

  • Objektkasten ohne Titel von Barbara Gufler Foto: altrofoto.de
  • Gemälde ohne Titel von Barbara Gufler Foto: altrofoto.de

Regensburg.„Retro“ bedeutet in diesem Fall mindestens zweierlei: dass diese schöne Ausstellung eine echte Werkschau ist, mit Serien aus all ihren Schaffensphasen; und dass Barbara Gufler in ihren neueren Objektkästen Erinnerungs-Arbeit leistet, sich der Geschichte und Vor-Geschichte, ihrer eigenen und der des Landes, archivierend und arrangierend widmet.

Zu den frühesten Bildern gehören die aus ihrer „Blauen Serie“, die Mitte der 90er Jahre während eines längeren Portugal-Aufenthalts entstanden sind. Was auf den ersten Blick harmlos klingt: „Mischtechnik auf Papier“, versammelt von den Verfahren und Motiven her schon viel von dem, was Barbara Gufler auszeichnet. Sie ist eine Künstlerin, die gern experimentiert. Oder vielleicht sollte es besser heißen: ausprobiert. Denn das produktive, assoziative Zentrum des ästhetischen Prozesses sind bei ihr oft die Hände. Sie plant nicht bis ins Detail, was geschieht, sondern ist eher Zeugin eines Vorgangs, der sie in den besseren Fällen selbst überrascht.

Kunst entsteht erst dann, wenn man das Reich der Kodes, der festen, tradierten Bedeutungen hinter sich gelassen hat. Was im Künstler unbewusst entsteht, lässt dem Betrachter die Freiheit des Blicks. „Schwer“ im engeren Sinn sind diese portugiesischen Bilder im übrigen nicht, obwohl doch der Materialcharakter, die „Roheit“ sich der Erde verdankt, die sich in alles mischt. Die Figuration ist hier wie eine ferne Erinnerung. Die Flächen dominieren, ein irritierendes Kolorit; und natürlich die Gravuren, die Reduktion der Gestalt auf das Zeichen.

Passantin der „SPUR“

Auch Barbara Gufler profitiert noch von den Erfindungen und Entdeckungen der „SPUR“, aber eher wie eine Passantin. Wichtiger war ihr stets das Eigene: vor allem die Monotypie. Bei diesen „Einmal-Drucken“, deren Anfänge sich bis ins 17. Jahrhundert zurückverfolgen lassen, handelt es sich um eine rare Technik, vor der die meisten zurückscheuen, weil sie riskant ist. Man braucht handwerkliches Geschick und Vorstellungskraft. Edgar Degas handhabte das Verfahren zart und souverän. Andy Warhol, der gelernte Werbegraphiker, brachte es in der Monotypie zu einiger Meisterschaft, machte sie zu seinem Markenzeichen.

Wo Warhol mythisiert, den Gestalten Glanz und Aura verleiht, da wird bei Gufler, die rund um die Monotypie eine ganz eigene Ästhetik entwickelt, alles märchenhaft. Sie trägt eine oder mehrere Farben auf einer Glasplatte auf, bearbeitet diesen ersten, rohen Zustand, solange noch alles feucht ist: Sie benutzt vorbereitete Schablonen, sie ritzt auch. Und sie akzeptiert, dass bei diesem Verfahren die Kontingenz, der Zufall, die schöne Überraschung eine gewisse Rolle spielen; dass die Fantasie gewissermaßen objektiv wird.

Die Flächen strahlen durchsichtig oder eher luzide. Es ergeben sich amorphe Strukturen. Und bekannte Motive aus früheren Werken kehren neu, anders wieder: die Hirschgeweihe etwa, die Vögel und „befußten“ Fische. Manches ist de-konstruiert, scheint sich im Zustand der Auflösung zu befinden. Eine Hose sucht ihren Ort, eine Figur, der König, seine Rolle oder Pose. Alles ist in einen Geheimniszustand erhoben, wie man ihn aus der Zeit kennt, als das Sehen noch ohne ein Wissen auskommen musste und das Wünschen noch geholfen hatte: aus der Kindheit also.

Archivarin der Existenz

Der sind ihre Objektkästen gewidmet, die in den letzten zwei Jahren entstanden. Barbara Gufler wird zur Sammlerin und Archivarin der (eigenen) Existenz. Der Rück-Blick setzt die unterschiedlichsten Emotionen frei: Euphorie und pures Glück, aber auch Panik und Entsetzen, Wehmut und Trauer.

Das Einst ist nur noch in Fetzen da; und es war vielleicht nie so heil, wie es das parteiische Gedächtnis suggeriert. Man bekommt Fotos zu sehen, die nicht zu privat wirken, obwohl sie es doch sind; und all den Plunder, dessen andere Seite die Kostbarkeit ist: die schon ein wenig verrotteten Spielsachen, die Puppen, die sich auflösen, die kleinen Figuren, Giraffen vor allem, aus Plastik und Stoff, die Schusser-Kugeln, Strohblumen-Reste usw. Bei Barbara Gufler koexistieren sie auf engstem Raum und sie verändern Farbe und Form. Barbara Gufler hat sie teilweise bearbeitet, um das darzustellen, was mit Erinnerungsstücken passiert, auch wenn wir es nicht wahrhaben wollen: Sie verändern sich. Sie zeigen sich so, wie sie jetzt erscheinen.

Das Sammeln ist eine Passion der Moderne: der Surrealist Breton streifte mit Vorliebe über die riesigen Pariser Flohmärkte und fand dort das Wunderbare, das keiner mehr beachtete. Walter Benjamin entdeckte in den kleinen, unscheinbaren Gegenständen die vergangenen Augenblicke, die man bewahren muss, wenn man die Möglichkeit des Glücks nicht endgültig verspielen will. Für Marcel Proust wurden bei seiner Recherche nach der verlorenen Zeit die minutiös erinnerten Dinge und Räume zu Depots der Psyche. Dort ruht, was unsere Seele bewegt. Guflers Schaukästen stehen in einer großen Tradition. Und sie halten ihr stand.

Service

Bis 28. März in der Augenklinik Regensburg im Krankenhaus der Barmherzigen Brüder, Prüfeninger Straße 86 in Regensburg. Geöffnet: Mo. bis Fr. 8 bis 12 Uhr und 14 bis 17 Uhr.

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