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Ausstellung

Die Erinnerung bekommt eine Form

Martin Kargruber vergewissert sich der Heimat in Schnitzereien. Die Regensburger Galerie konstantin b. zeigt seine Arbeiten.
Von Gabriele Mayer, MZ

Martin Kargrubers Skulptur „Jägerstand“, zu sehen in der Ausstellung „davor und dahinter“ der Galerie konstantin b.
Martin Kargrubers Skulptur „Jägerstand“, zu sehen in der Ausstellung „davor und dahinter“ der Galerie konstantin b. Foto: altrofoto.de

Regensburg.Die Sommerausstellung bei konstantin b. lässt an Urlaub denken. Kleinformatige Holzschnitzereien, aus einem Stück gearbeitet, Holzhäuser in einem Architekturstil, wie man ihn in Südtirol antrifft – aber heutzutage immer seltener findet.

Der in Südtirol aufgewachsene Martin Kargruber lebt in München und unterrichtet an einer Schule für das Holzbildhauerhandwerk. Als Kind war er Hirtenjunge auf der Alm, das war in den 1970er Jahren, als noch nichts touristisch erschlossen war. Es war nicht angenehm, erzählt er, sondern arbeitsam, karg, langweilig und einsam. Doch diese Zeit und Erfahrung hat, im nachhinein betrachtet, sein ästhetischen Empfinden geformt und den Gradmesser dafür ausgebildet, was er als schön empfindet, sagt er. Es sind einfache, geradlinige Formen. Zugespitzt möchte man sie nennen. Reduziert und zugleich verdichtet, weil jede Reduzierung, die von Wert ist, eine Verdichtung und Konzentration enthält.

Anmutige Bleistift-Zeichnungen

In den Touristenorten der Alpen findet man Volkskunst-Schnitzereien, die es zu kaufen gibt: kleine Tiere, Häuser, alles quasi realistisch und ansprechend gemacht. Kargrubers Arbeiten erinnern daran. Aber sie unterschieden sich auch davon. Der anekdotische Realismus ist zurückgenommen, Kargrubers Hütten, Stadel und Häuser haben zum Beispiel keine Fensteröffnungen, stattdessen sind mit Bleistift Konstruktionslinien eingezeichnet.

Schöne, kleinformatige Bleistift-Zeichnungen begleiten die Schnitzereien. In ihrer Reduziertheit und Angedeutetheit wirken sie sehr anmutig. Und ihre detaillierte Ausführung an manchen Stellen, bevor es auch hier wieder konstruktiver und reduzierter wird, ist wie ein Schattenwurf des Realen, das genau erinnert wird, ehe es in die Abstraktion übergeht oder aber sich am Bildrand verläuft. Manche Zeichnungen bevorzugen die Strichelung, andere das Linienknäuel und wieder andere die durchgängige Linie.

Die Arbeiten strahlen etwas Elementares aus

Martin Kargruber vor „Vaterhaus I“, in Holz geschnitzt: zu sehen bei konstantin b.
Martin Kargruber vor „Vaterhaus I“, in Holz geschnitzt: zu sehen bei konstantin b. Foto: altrofoto.de

Die Zeichnungen entstehen parallel zur Schnitzerei, um sich zu vergegenwärtigen und zu vergewissern, was er schnitzen will, sagt der Künstler. Denn nichts ist im Vorhinein genau festgelegt. Alles Schnitzen entsteht aus der Erinnerung, für die es eine Form zu finden gilt. Er greift nicht etwa auf Fotos zurück, sondern transformiert die Dinge so, wie er sie ins Gedächtnis aufgenommen hat: als ästhetische und zugleich als existenzielle Form. Und dieser Zusammenklang ist das Entscheidende, was man den Arbeiten in dem Elementaren, das sie ausstrahlen, auch anzumerken meint.

Doch dann gibt es das Beiwerk im Schnitzwerk, auch wenn dies alles aus einem Stück gemacht ist: der Vogel auf dem Dach, die windgebogenen Bäume neben dem Haus, die kleine menschliche Figur davor. Da wird die Abstraktion auf einmal wieder zurückgenommen und alles wirkt plötzlich wieder kunsthandwerklicher und weniger stilisiert und kondensiert. Und die einzelnen Formen scheinen plötzlich nicht mehr zueinander zu passen. Da, meint man, könnte noch mehr an Reduzierung oder aber eine deutlichere gestalterische Individualität und Eigenwilligkeit umgesetzt werden, die wiederum Zuspitzung erzeugen und die Erinnerung Kargrubers als eigenständige Form zur Geltung bringen könnte.

Die Ausstellung „davon und dahinter“ ist bis zum 6. September in der Galerie konstantin b. (Am Brixener Hof) zu sehen: immer Freitag, 16 bis 21 Uhr.

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