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Kunst

Die Farbe und der Exzess der Normalität

Die Galerie Dr. Erdel zeigt Bilder von Heiner Riepl. Zur Vernissage gab es ein paar Performances.
Von Helmut Hein, MZ

Kilta Rainprechter tanzt in der Ausstellung Heiner Riepls. Foto: altrofoto.de

Regensburg. . Ein großer Abend! Komponiert wie ein Bild von Heiner Riepl. Manchmal, nein meistens ist es ja so, dass man bei Vernissagen auch singen, lesen oder tanzen lässt, weil man meint, seinem Publikum etwas bieten zu müssen. Aber die Darbietungen sind zufällig, willkürlich, beliebig; sie könnten genauso an einem anderen Tag anderswo stattfinden. Nicht so an diesem Abend in der Galerie Dr. Erdel. Die Musik- und Tanzperformances ergänzten, kommentierten, „erleuchteten“ die Bilder – und wurden selbst klarer und intensiver in diesem Raum.

Es war überhaupt nicht nur ein großer Abend, es ist auch ein großes Jahr für die Galerie Dr. Erdel. Wolf Erdel widmet sich neuerdings wieder der puren Malerei, ihren Mitteln, Medien und Materialien, von der gestischen über die konkrete bis, jetzt, zur abstrakten Kunst. Wie und woraus entsteht Kunst? Was ist das Geheimnis ihrer Wirkung – auf unsere Sinne, unser Gedächtnis, auf Verstand und Fantasie. Kunst, die unterwegs ist, „am Werk“, suchend und experimentierend, ist immer beides: Erfahrung und Konstruktion. Das gilt nicht nur für den Maler und Zeichner, sondern auch für die Tänzerin und Klang-Künstlerin (was es besser trifft als das doch recht allgemeine: Musikerin oder Komponistin).

Die Amerikanerin Cheryl E. Leonard vollendete 2010 eine Auftragskomposition für das längst legendäre Kronos Quartet. Und sie kommt eben von einer fünfwöchigen Forschungsreise als „embedded artist“ in die Arktis zurück. Dort konnte sie ihrer Leidenschaft frönen: den Klang der Dinge, hier vor allem des nicht mehr ganz so ewigen Eises zu untersuchen. In der Galerie liegen vor ihr verschiedene Gläser, ein Behälter mit einer undefinierbaren Masse, diverse Steine, trockene Ahornblätter, Tannenzapfen etc. Daraus wird in der Folge eine Mixtur aus fast schon klassischen Tönen, wenn diese Gegenstände, elektrifiziert, mit einer Saite bestrichen werden, und eine „musique concrète“-nahe Sound-Revue, mal meditativ, mal exzessiv und fast schon bruitistisch-lärmend.

Das ist der Soundtrack bzw. der Boden für die Performance Kilta Rainprechters, die schmiegsam und beunruhigend zugleich die körperhaften Elemente des Tanzes vorführt. So in etwa wie Heiner Riepl in seiner betörenden Körperformenlehre sich auflösende und verschiebende Umrisse und Farben zur frappierenden Erscheinung bringt. Und die Stimmkünstlerin Anka Dragulaitis singt dazu. Oder sie entfesselt gefährliche Klanggewitter auf einem Saiteninstrument, das sie mit allerlei Objekten traktiert. Und am Ende erzeugt sie allein durch das Spiel ihrer Lippen einen Sound-Sturm im Wasserglas.

Über allem aber leuchten, man kann es nicht anders sagen, die Bilder Riepls. Man konnte, solange man sie sich nur vorstellte, ein wenig zweifeln, ob sein über viele Jahre entwickeltes und bewährtes Verfahren diese Helligkeit, diese ungenierte Farbfreude verträgt. Jetzt zeigt sich: Diese Bilder sind ein einziges Fest. So etwas Paradoxes wie ein dionysisches Pandämonium ohne alle Bosheit und Grausamkeit – und überdies, wenn man den innig-ironischen Titel ernst nimmt, ur-bajuwarisch. „...Und erhalte dir die Farben“, das ist aus unserer, der Bayernhymne.

Bei Riepl und seinen Performance-Mitstreiterinnen wird die Lust und Leidenschaft der Abstraktion, also das Suchen der Ur- oder Grund-Form hinter den Erscheinungen, sehr sinnlich und präsent, reinster Sensualismus, der sich aber nicht dumm stellt. Es gibt, schrieb Benn, als er die „Fressen der Cäsaren“, also der Nazis nicht mehr ertrug, die Welt, die wir teilen. Und erleiden, wenn sie wieder einmal zu banal oder gewalttätig wird.

Und es gibt die Ausdruckswelt. Das, was Künstler schaffen. Das, was bleibt. Und sei es, wenn es sich nur für den Augenblick präsentiert, in der Erinnerung. Also, wie Benn über Kleists „Penthesilea“ sagte, als „versgewordene reine Orgie der Erregung“. Oder eben, in der Galerie Dr. Erdel, nicht vers-, sondern tanz-, musik- und vor allem bildgewordener „Exzess“, der uns aus der Normalität herausführt und immer auch ein wenig, selbst wenn wir es kaum bemerken, „rettet“.

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