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Kunst

Die Frau mit dem Wasseramulett

Sie sind dem Geheimnis der Dinge auf der Spur: Ruth Le Gear und Anton Kirchmair zeigen neue Arbeiten in der Kebbelvilla.
von Helmut Hein

Ruth Le Gear und Anton Kirchmair stellen in der Schwandorfer Kebbelvilla aus, im Hintergrund Arbeiten von Le Gear. Foto: Oberpfälzer Künstlerhaus Schwandorf
Ruth Le Gear und Anton Kirchmair stellen in der Schwandorfer Kebbelvilla aus, im Hintergrund Arbeiten von Le Gear. Foto: Oberpfälzer Künstlerhaus Schwandorf

Schwandorf.Sie liebt das Wasser. Die irische See. Das arktische Meer, das so klar und rein ist wie kein anderes. Darin lebt das älteste tierische Lebewesen dieses Planeten, ein fünfhundert Jahre alter Hai, in dessen verwitterter Haut ein Speer steckt, der die Altersbestimmung erleichtert. Und die Naab, die sie sofort zu untersuchen begann, als sie vor einem Jahr über den Künstleraustausch in die Oberpfalz kam.

Von Ruth Le Gear gibt es Fotos, Videos, Filme. Sie ist Stammgast auf internationalen Festivals und wer ihr in die Augen schaut, begegnet einer Zauberin, manche würden sogar sagen: einer Hexe. Freilich einer wohlwollenden Hexe, die an die Kraft der Verwandlung glaubt. Wer ihr zuschaut, glaubt zunächst, eine Wissenschaftlerin am Werk zu sehen, so bestimmt, methodisch, prüfend geht sie vor. Aber es ist eine Wissenschaft jenseits der vertrauten Fakultäten; und dass sie dazu kam, hat mit ihrer Krankheit zu tun. Nach einer Impfung, die etwas in ihr auslöste, das so nicht vorgesehen war, fiel sie zwei Jahre lang in einen tiefen Schlaf. Auch jetzt noch kennt sie die Müdigkeit wie nur wenige andere: „Ich muss zehn, besser zwölf Stunden schlafen.“

Die Zauberwelt der Naab

Was sie damals halbwegs wach werden ließ, war die Homöopathie. Es gibt Dinge, meint sie, die kann man wissen, wie sie jeder andere weiß und andere Dinge, die kann man nur erfahren. Und glauben. Zum Beispiel, dass ausgerechnet die allerkleinste Ursache die allergrößte Wirkung erzielt. Wenn man sie darauf festzulegen versucht, dass sie doch eher eine Wissenschaftlerin sei, wehrt sie ab, als würde sie die Falle spüren. Nein, sie ist eine Künstlerin. Eine, die Rimbaud zitieren könnte: „Man muss vor allem absolut modern sein“, also in allen gerade akuten Medien und Genres versiert. Und die dann doch darauf besteht: „Die Schönheit ist der Weg zur Wahrheit.“

In der Tradition Ovids könnte man das, was sie unternimmt, Metamorphose nennen. Sie selbst spricht lieber von Transformation und Translation, also Übersetzung. Wenn sie zum Beispiel in der Naab taucht und Dinge sieht, die sonst keiner wahrnimmt. Die Zauberwelt der Algen etwa, wie sie unter dem Mikroskop erscheint. „Von außen“, sagt sie, „wenn man sich nicht darauf einlässt, sieht es aus wie Dreck oder Schmutz oder Brühe.“ Aber unter ihren technoiden Augen blühen vielfältige Formen und Symmetrien auf. „Man darf nicht immer an der Oberfläche bleiben. Manchmal muss man eintauchen.“

Auf einem Video sieht man sie als Tauchende. Ist das Slow Motion? Nein, sie, blutjung, erinnert an den uralten Hai, der vielleicht so alt wurde, weil er sich nur wenige Meter in der Stunde bewegt. Blutjung? Sie ist immerhin 33 Jahre alt, wirkt aber viel jünger. „Wahrscheinlich, weil ich soviel schlafen musste in meinem Leben.“ Um ihren Hals trägt sie ein Amulett, das mit Wasser gefüllt ist, vielmehr: mit der Essenz des Wassers. Wasser versteht sie als „Erinnerungsträger und kraftvolles, interaktives Element“. Interaktion ist ein Stichwort. Mal schauen, was mit den Betrachtern geschieht, die sich der Schönheit dieser Bilder und Videos aussetzen. Manche Expeditionen führen an Orte, von denen man höchstens verändert zurückkehrt.

Ausstellung im Oberpfälzer Künstlerhaus

  • Laufzeit:

    Die wunderbare Doppel-Ausstellung, in der man viel entdecken kann, ist bis 21. Oktober im Oberpfälzer Künstlerhaus in der Schwandorfer Kebbelvilla, Fronberger Str. 31 in Schwandorf, zu sehen.

  • Ausdrucksformen:

    Die Ausstellung umfasst Video, Installation, Fotografie und Zeichnung von Ruth Le Gear und Anton Kirchmair. Sie ist mittwochs und donnerstags von 12 bis 18 Uhr geöffnet, sonntags von 11 bis 17 Uhr.

Davon könnte auch Anton Kirchmair ein Lied singen. Er ist in vielem das bodenständige Gegenteil der nomadischen Nymphe Ruth Le Gear. Aber dann doch wieder mit ihr eins. Auch für ihn war Wasser einst das Element, das ihn trug. Das ist fast sechzig Jahre her. Er war achtzehn und suchte das Weite. Er schipperte an der Levante herum und mit einem Bananenfrachter in die Karibik und wieder zurück. „Das dauerte nur ein Jahr. Aber für einen so jungen Mann sind zwölf Monate die Unendlichkeit.“ Später sah er sich eher als Bergsteiger. Extrembergsteiger, verbessert er. Er hat viele Wände bezwungen, in die sich nur die Wenigsten hineintrauen. Aber dem Wasser blieb er treu. Er, der sich, wenn man ihn fragt, was er jetzt seit langem ist, einfach nur sagt, „Künstler“, schreibt auch. Und zu einer Lesung kommt er auf Wegen, die sich andere nicht zutrauen. „Einmal bin ich zu einer Lesung fünfundzwanzig Kilometer geschwommen.“ Er sagt das ruhig, ganz selbstverständlich, er macht kein Aufhebens darum.

Und noch in einem ähnelt er, 75 Jahre alt, der 33-jährigen, aber soviel jünger aussehenden Ruth Le Gear aus Irland. Er entwickelt seine Ausstellung aus dem, was er an seinem Ausstellungsort vorfindet. Auf dem Boden im Untergeschoss des Künstlerhauses befindet sich eine Art Installation aus schwarzem Sand. Die hat er aus der Guss-Fabrik, deren Besitzer einst die Kebbelvilla erbauen ließ. Hier wird der schwarze Sand zu Kunst. Und sonst? Anton Kirchmair sagt: „Werkzeuge. Maschinen.“ Er selbst machte, als ganz junger Mann, bevor er zur See fuhr, eine Lehre als Werkzeugmacher. Aus dieser Zeit ist ihm eine gewisse Treue zum Material, eine Demut vor den Dingen geblieben. Er tut sich nicht hervor. Nicht das Subjekt, das „Genie“ ist entscheidend, sondern das, was aus den Dingen, die gerade vor ihm liegen, entsteht. Die Dinge haben ja ihre eigene Form, ihren eigenen Willen. Man muss sie nur zur Geltung bringen.

Bildhauer? Da wird er fuchtig

Man sagt ja gern, von den Bildhauern stammten die schönsten und besten Zeichnungen. In der Kebbelvilla kann man, vor den Blättern Anton Kirchmairs, erfahren, was das heißt. Obwohl er gleich ein wenig fuchtig wird und sagt, er sei kein Bildhauer.

Dafür sind auch die Objekte, die er gerade aus dünnem, biegsamem Holz baut, zu luftig und fragil. Aber später deutet er, in anderem Zusammenhang, auf Gegenstände in einem Bild, die man nicht sofort erkennt, und sagt: „Das waren Verpackungen für meine Skulpturen.“ Also doch! Aber er fühlt sich gar nicht ertappt, sondern schmunzelt eher in sich hinein. So sind das Leben und die Kunst. Man darf nicht alles ganz ernst nehmen.

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