MyMz

Oper

Die Giftmörderin als Opfer rehabilitiert

Roland Schwab gelingt Donizettis Belcante-Oper „Lucrezia Borgia“ als spannender Krimi einer Amüsiergesellschaft.
Von Michaela Schabel

Die Oper „Lucrezia Borgia“ feierte in Landshut Premier. Foto: Peter Litvai
Die Oper „Lucrezia Borgia“ feierte in Landshut Premier. Foto: Peter Litvai

Landshut.Lucrezia Borgia gilt als die große intrigante Giftmischerin des mächtigen Borgia-Clans. Die historische Realität ist eine andere. Gerade sie war die Ausnahme in der Borgia-Sippe und zog sich immer wieder in ein Kloster zurück, um die Schicksalsschläge, die man ihr als Giftmörderin unterschob, zu verarbeiten.

Hier setzt Regisseur Roland Schwab an. Er entdeckt in der Mörderin „Lucrezia Borgia“ das Opfer einer lustorientierten, sinnentleerten Gesellschaft. Entsprechend generalisiert er seine Inszenierung auf überall und jederzeit möglich und ermöglicht durch einen gigantischen Deckenspiegel raffiniert zwei extrem unterschiedliche Perspektiven, die gewohnte Ansicht und die distanzierte Draufsicht. Die leichten Verzerrungen an den Spiegelkanten lassen eine Treppe Richtung Machtthron assoziieren und zerstückeln später auf der Festtafel die Giftleichen horrormäßig. Nachtschwarz ist die Bühne. Ein Wasserbecken steht für die Lagune Venedigs und die Extravaganz reicher Partyszenerie. Statt Blumenbouquets verwandeln Lichtgestecke die Party in eine Palast-Lounge. Im schwarz punkigen Partydress outen sich die Partyboys immer intensiver zwischen Suff und Sadismus. Nur Orsinos rote Punkfrisur leuchtet heraus, er ist der liebenswerte Unterhalter, und Lucrezias blonde Perücke (Bühne, Kostüme: Christl Wein). Das wirkt rasant, heutig, intensiviert den Belcanto durch fulminante Szenen.

Opfer der Gesellschaft

Als Lucrezia Borgia ihren einzigen Sohn im Karneval von Venedig findet, wird sie von dessen Freunden mit Messern malträtiert, jede Attacke von einem anderen jungen Verwandten eines ihrer Giftopfer, also ganz im Sinne des tradierten Meinungsbildes. Als düsteres Video dieses Exzesses in Großaufnahme im zweiten Akt eingespielt wird Lucrezia als Spielball sexueller Gier und Zielscheibe männlichen Urinierens zum Opfer einer Amüsiergesellschaft. Dazu zählt auch ihr sadistischer Ehemann, der vorgibt sie zu rächen, sie doch nur quälen will, weil ihre Qual ihm Macht und sexuelle Lust verschafft.

Roland Schwab entwickelt einen spannenden Opernkrimi der Extraklasse, in dem jedes Detail stimmt. Wenn der Vorhang die Bühne wie eine Mauer trennt, Bibelzitate projiziert werden, Chor und Sänger im Stil einer Männershow agieren und posieren, der Tod mit Gasmaske den vergifteten Wein serviert, gleichzeitig Lucrezias Peiniger im Nebelgas zu ersticken scheinen, weiten sich die sozio-kulturellen Assoziationen.

Starke Besetzung

Die Rollenbesetzung ist grandios. Mit Yitian Luan, sie wurde 2012 als von der „Opernwelt“ als beste Nachwuchssängerin ausgezeichnet, oszilliert Lucrezia zwischen Vamp und Mutter, Rachsucht und Liebe. Nicht minder stimmgewaltig sind Victor Campos Leal (Gennaro), Kyung Chun Kim (Alfonso) und Sabine Noack (Orsino). Basil H. E. Coleman dirigiert die Niederbayerische Philharmonie sehr subtil und dynamisch, immer mit Blick auf die Sänger.

Weitere Berichte aus dem Bereich Kultur finden Sie hier.

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht