MyMz

Theater

Die Hosen runter – und Hut ab!

Altes Eisen, zum Sixpack umgeschmiedet: Die „Ladies Night“ am Bismarckplatz ist eine heiße Nummer.
Von Claudia Bockholt, MZ

„Drop Kick – Drop Kick – und jetzt in die Freistoßmauer…“: Mit Fußballbegriffen lernen die Desperate Housemen ihre Choreografie. Die Besetzung mit Paul Kaiser, Thomas Birnstiel, Markus Hamele, Hubert Schedlbauer, Jan-Hinnerk Arnke und Michael Heuberger (v.l.) ist ein Volltreffer. Foto: Zitzlsperger

Regensburg. Tun sie’s – oder tun sie’s nicht? Bevor diese essenzielle Frage beantwortet wird, müssen auch die Damen (und versprengten Herren) Theaterbesucher sich zweieinhalb Stunden gedulden. Dem Spannungsbogen zuliebe halten wir es ebenso: Das Beste (Stück) kommt zum Schluss.

Ohnehin geht es ja in „Ladies Night“ um weit mehr als die Aktivierung des weiblichen Kreisch-Gens. Der populäre Theaterstoff aus dem Jahr 1987, der zehn Jahre später durch den preisgekrönten Kinofilm „Ganz oder gar nicht“ endgültig berühmt wurde, hat einen düsteren Hintergrund. Die sechs ehemaligen englischen Stahlarbeiter, die verzweifelt nach einem Job suchen und schließlich als Chippendales für Arme, als „Wilde Stiere“, an Kohle kommen wollen, entblößen sich in dieser Geschichte auf mehr als nur die eine Weise.

Karl-Heinz Steck hat die Bühne am Bismarckplatz in eine rostende Industrieruine verwandelt, in der nur noch jugendliche Graffitis von Leben zeugen. Ein hübscher Gag ist der Hinweis auf den scheidenden Intendanten: „Ernö Was Hier“. Das Programmheft verweist auf die Nähe der Maxhütte, in der vor bald zehn Jahren die Öfen endgültig ausgingen. Auffanggesellschaft, Übungsfirma, Jobcenter, Hartz-IV: Viele Männer in Sulzbach-Rosenberg mussten lernen, damit umzugehen. Und „Ladies Night“ fragt: Was geschieht in einem Mann, der seine Kumpels verliert und die Familie nicht mehr ernähren kann? Wieviel „Männlichkeit“ büßt er ein?

Haha! „Große Lümmelparade…“

Der brave, gemütvolle Barry (Michael Heuberger), der prollige Dave (Hubert Schedlbauer) und der linkische Norman (Thomas Birnstiel in einem sensationell scheußlichen Jogginganzug; Kostüme: Heide Schiffer-El Fouly) knabbern schwer daran, eigentlich zu nichts nütze zu sein. Dave, der überall Schulden hat, kommt auf die Idee, es den Chippendales gleichzutun und sich als laszive Tänzertruppe aus den Miesen herauszuarbeiten. Haha! „Große Lümmelparade, bringen Sie Ihr eigenes Mikroskop mit“, lästert Barry. Und doch machen sie zögerlich mit, trotz Barrys wenig bühnenreifer Love handles an der Taille und der Prüderie Normans, der sich gerne die Hose bis unter die Achseln hochzieht.

Wirklich komisch und vom Publikum mit anfeuerndem Klatschen begleitet, sind ihre ersten Versuche als grobmotorische Ladykiller: Norman pult sich zu „Je t‘aime…moi non plus“ verträumt im Nabel herum, Barry verheddert sich zu „Born to be wild“ im Hosenbein, nur das Raubein, mit Kippe im Mund, kriegt zu „Hold on, I‘m coming“ einen Hauch Machotum auf die Reihe. Ja, auch Dave verbirgt etwas hinter seinem Gepoltere: Die Angst, seinen Sohn zu verlieren, für den er keinen Unterhalt mehr zahlen kann.

Das Trio heuert Graham (Jan-Hinnerk Arnke), der der Gattin die schmachvolle Arbeitslosigkeit verschwiegen hat, als Choreografen an. Der hibbelige Gutmensch Gavin (Paul Kaiser), der nicht tanzen kann, aber dafür prächtig bestückt ist, und der verschlossene Wesley (Markus Hamele) stoßen dazu. Fertig ist das rattenscharfe Sixpack.

Fast. Noch müssen reichlich Hemmungen abgebaut werden. Wesley sorgt sich, weil „seiner“ zu klein ist und auch die Penispumpe nicht hilft. Graham hat Angst, dass seine Frau ihm auf die Schliche kommt. Gavin und Norman müssen sich als Paar finden – in einer fast rührenden homoerotischen Szene, die Kaiser und Birnstiel ohne Peinlichkeit bewältigen… Irgendwann haben alle begriffen: Das Projekt „Wilde Stiere“ ist eine Riesenchance – um an Geld zu kommen und sich dem Leben neu zu stellen.

Regisseur Michael Lerchenberg, bekannt nicht zuletzt vom Nockherberg, bewies eine sichere Hand bei der Rollenverteilung und schaffte es, einige neue Facetten auch bei vertrauten Schauspielern zum Funkeln zu bringen. Die Inszenierung stellt das Bühnengeschehen immer wieder auf eine Meta-Ebene. Die Schauspieler geben Regieanweisungen „Lass’ mal das Handy klingeln“ und erläutern die von einer Werksirene eingeläuteten Szenenwechsel („Das ist jetzt bei Dave im Wohnzimmer“). Sie spielen Klingeltöne und die Dame im Callcenter. Das verleiht der Handlung, die kleinere Längen hat, immer wieder Tempo.

Man zieht den Hut vor ihrem Mut

Zum Fressen sind diese Stiere, die ihre Ängste niederkämpfen. Und zum Niederknien ist ihr großes, samtrot unterlegtes Cop- und Bauarbeiter-Finale unter kreisendem Disko-Stroboskop. „I want some Hot Stuff, Baby, this evening“, singt Donna Summer. Und nun johlen sie endlich, die Damen im ehrwürdigen Theaterbau. Und die Männer zeigen, was sie haben. In rotem Lackleder-Tanga, dann nur noch von der Mütze bedeckt. Hut ab, meine Herren! Und das machen sie dann auch…

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht