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Die letzten Straßenfeger der ARD

Filmkritiker und Autor Matthias Dell spricht über den „Tatort“ – und mit MZ-Autor Fred Filkorn darüber, warum die Kommissare heutzutage so exzentrisch sind.

  • Josef Liefers als Prof. Börne (l.) und Axel Prahl als Thiel sind die mit Abstand kultigsten „Tatort“-Kommissare. Foto: dpa
  • Matthias Dell Foto: Seiffert

In Ihrem Buch „Herrlich inkorrekt“ beschäftigen Sie sich mit dem Ermittlerduo Thiel und Boerne. Warum ausgerechnet der Münsteraner „Tatort“?

Der Verlag hatte vorgeschlagen, sich mit einem Schauplatz zu beschäftigen. Weil der „Tatort“ aber eine Reihe ist und keine Serie, sind selbst die einzelnen Filme am gleichen Schauplatz sehr verschieden. Die 60 Münchner Folgen mit Batic und Leitmayr verbindet eigentlich nur, dass Batic und Leitmayr mitspielen. Darüber hinaus wird’s diffus. Das ist in Münster anders, weil dort relativ markant mit „Politischer Korrektheit/Inkorrektheit“ umgegangen wird. Und das ist was, was mich auch außerhalb vom Fernsehen interessiert. Ich halte den Begriff „politisch korrekt“ für untauglich, irgendwas zu beschreiben. Damit können Sie nur schimpfen auf alles, was Ihnen nicht passt, und der Vorteil ist, dass Sie sich dann als „Inkorrekter“ gut fühlen dürfen: Sie trauen sich noch, Klartext zu reden. Das ist schon eine faszinierende rhetorische Figur. Und mit der spielt Münster. Das wollte ich untersuchen.

Dann wird sich ihr Vortrag in Regensburg um die „Politische Inkorrektheit“ drehen?

Eher nicht. Die Diskussion ist relativ voraussetzungsreich und macht schlechte Laune. Das habe ich beim Schreiben gemerkt. Ich will da nicht kneifen, aber beim Vortragsabend geht es mir zuerst um Heiterkeit und Kritik. Ich werde an Ausschnitten aus allen möglichen „Tatort“-Folgen meine Wahrnehmung erklären.

Manche sehen den lustigen Münster-„Tatort“ als Blaupause für die Krimikomödienreihe „Heiter bis tödlich“, die im Vorabendprogramm der ARD läuft.

Das ist sicher richtig. Darin kann man eine gewisse Verzweiflung der ARD erkennen, die fest daran glaubt, mit dem sogenannten Vorabend ein Problem zu haben. Der Münster-„Tatort“ war die letzte erfolgreiche Neuerung in der „Tatort“-Reihe und wie das dann so ist bei verunsicherten Sendern: der Tatort ist das Aushängeschild, Münster beliebt, also wird das Rezept gnadenlos nachgekocht. Auch im „Tatort“ selbst. Das Vorbild Münster findet man auch in Devid Striesows total überdrehtem Ermittler im neuen Saarland-„Tatort“. Bei „Heiter bis tödlich“ gibt’s außerdem noch einen Personaltransfer, das ist so eine Art Nachwuchsabteilung, da dürfen die jüngeren Assistentinnen ran – Friederike Kempter aus dem Münster-„Tatort“ im „Hauptstadtrevier“ und Isabell Gerschke aus dem Halle-„Polizeiruf 110“ bei „Akte Ex“. Das ist als Geste auch unangenehm

Apropos Frauen. Entweder es ermittelt federführend eine Frau oder junge Kommissarinnen werden männlichen Ermittlern zur Seite gestellt. Ist das ein neuer Trend im „Tatort“?

Das ist eine natürliche Ausgleichsbewegung, würde ich sagen. Wenn man alte „Tatort“-Folgen schaut, dann laufen da nur Männer rum. Die erste weibliche Kommissarin gibt’s ab 1978 mit Nicole Heesters, und die muss sich dauernd erklären und dafür entschuldigen. So was finde ich interessant. Der „Polizeiruf“ war da weiter, da sind die Chefs zwar auch Männer, aber Leutnant Vera Arndt ist von Beginn dabei, also ab 1971. Für einen Trend sind mir die Frauenfiguren auch zu verschieden. Kempter in Münster und Gerschke in Halle müssen ja vor allem jung sein und gut aussehen, weil die beteiligten Männer das nicht leisten können. Die Rollen von Sibel Kekilli in Kiel und Nina Kunzendorf in Frankfurt sind dagegen viel interessanter, komplexer.

Es scheint die Ermittler werden immer exzentrischer und/oder problembeladener. Woran liegt das?

Das hat mit dem Denken in „korrekt“ und „inkorrekt“ zu tun. Norm und Differenz werden heute in diesen Schablonen gedacht, und deshalb sehen die „inkorrekten“ Abweichungen der „korrekten“ Norm so mickrig aus, so gewollt. Kommissar Faber in Dortmund ist eine einzige Übersprungshandlung. Der erzählt mir was über die Verunsicherung, die sein Drehbuchautor spürt.

Haben Sie persönliche Favoriten?

Sebastian Bootz im Stuttgart-„Tatort“ ist ein Darling, weil der als Familienvater die alltäglichen Probleme des modernen Mannes durchleben muss. Und bei Conny Mey in Frankfurt find ich gut, dass das so eine direkte, einfache Figur ist, die trotzdem nicht abgewertet wird. Der „Tatort“ ist ja total bürgerlich, und da passt dieser Stil mit Strass, Cowboystiefeln und engen Jeans eigentlich nicht rein.

Wie sehen Sie Til Schweigers Forderung, die „Tatort“-Titelmelodie abzuschaffen?

Das ist Humbug. Der bekannte Vorspann macht den Tatort doch erst zu dem, was er ist. Das kann man am „Polizeiruf 110“ sehen, der sich inhaltlich und formal mittlerweile nicht mehr vom „Tatort“ unterscheiden lässt. Der „Polizeiruf“ ist lediglich die schwächere Marke, auch weil er schon fünf oder sechs verschiedene Vorspänne hatte. Da stellt sich kein Wiedererkennungswert ein.

Warum ist bei der gleichen Tatort-Stammbesetzung die eine Folge großartig, die andere eher mau?

Regisseure und Drehbuchautoren wechseln, das heißt, die Verantwortung liegt vor allem bei den zuständigen Fernsehredakteuren. Die wechseln nicht so oft. Die einen lassen mehr Sorgfalt walten, die anderen weniger. SWR und MDR eher weniger.

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