mz_logo

Kultur
Samstag, 21. April 2018 28° 2

Kino

Die Liebe ist schon ein seltsames Spiel

Griechische Tragödie im Rummelplatz-Format: In Woody Allens „Wonder Wheel“ glänzt vor allem das Ensemble.
Von Helmut Hein

Juno Temple sorgt als Carolina für Wirbel auf dem Rummelplatz, auf dem sie vor der Mafia Schutz sucht. Fotos: Warner Bros Pictures/dpa

Regensburg.Es gibt mindestens drei Woody Allens: den Komödianten, dessen Humor mit den Jahren immer schwärzer und bitterer wurde; den Bergman-Verehrer, der den Meister schließlich in der Konsequenz und Brutalität, mit denen er das Innere seiner Personen und ihre Beziehungen sezierte, übertraf; und den Hitchcock-Fan, der zu wissen glaubt, dass Liebe und Begehren notwendigerweise fatal sind und den Mord als einzige oder zumindest beste Lösung geradezu erzwingen. Und dann ist da noch das ewige Kind, der alterslos-sentimentale Woody, der sich an Details und Stimmungen aus seiner Jugend erinnert, die er jetzt erst halbwegs begreift. Worum handelt es sich bei „Wonder Wheel“? Vielleicht um eine wüste Montage von allem; um ein griechisches Drama, das freilich in den 1950er Jahren auf Coney Island spielt.

Kate Winslet als Ginny und Justin Timberlake als Mickey in Wonder Wheel. Foto: Warner Bros Pictures/dpa

Die großen Gefühle und das existenzielle Pathos sind in diesem Rummelplatz-Milieu immer ein wenig „second hand“. Alles, was einst authentisch war, schmeckt jetzt nach Pappmaché und faulem Zauber. Und wie ein Symbol unseres Daseins dreht sich unaufhörlich im Hintergrund das Riesenrad – auf und ab, auf und ab.

Die Träume der Gestrandeten

Die Touristen und Ausflügler wollen sich amüsieren, auch wenn das Amüsement fad schmeckt. Die Leute aber, die hier arbeiten, sind durchweg Gestrandete, die verzweifelt an ihren Träumen von einst festhalten, auch wenn die Realität längst anders aussieht. Ginny (Kate Winslet) war in ihrer Jugend Schauspielerin oder wollte zumindest eine sein. Jetzt kellnert sie und ist mit dem viel älteren Humpty (Jim Belushi) zusammen, der längst am Rand des Ruins existiert, Ginny jedoch abgöttisch liebt und für sie gar das Trinken aufgegeben hat. Humpty ist übrigens ein böser Namensscherz, den vielleicht nur Amerikaner verstehen, die den Kinderreim kennen, der von dem Ei handelt, das von der Mauer fällt und zerbricht – und nichts und niemand mehr kann es wieder heil machen.

Allen wird immer böser

Ginny hat aus ihrer zerbrochenen ersten Ehe – sie betrog ihren Mann – ein missratenes, präpubertäres Kind, Richie, das alles abfackelt: ein kleiner Pyromane, der mit seinen Untaten wohl ein Leuchtfeuer setzen möchte und den nichts und niemand bessern kann. Auch Humpty hat eine Tochter, Carolina (Juno Temple), die mit 20 durchgebrannt ist, um einen Mafioso zu heiraten, den sie aber mittlerweile verlassen und verraten hat. In größter Todesangst kehrt sie zu ihrem Vater zurück. Fehlt für den tragischen Reigen nur noch der Vierte, Mickey (Justin Timberlake). Er ist noch jung genug, um sein endgültiges Scheitern für etwas Vorübergehendes zu halten. Eigentlich sieht er sich als Autor großer Dramen, tatsächlich aber ist er längst als Rettungsschwimmer (!) auf Coney Island gestrandet.

Regisseur und Schauspieler

  • Woody Allen wurde

    am 1. Dezember 1935 in New York im Stadtbezirk Brooklyn geboren als Allan Stewart Konigsberg, Sohn jüdischer Eltern. Er verdiente sein Geld zunächst als Gagschreiber und Komiker in Nachtclubs.

  • 1965 hatte Allen

    sein Debüt als Drehbuchautor für „Was gibt’s Neues, Pussy?“, in dem er auch mitspielte. Erster Film unter seiner Regie war „Woody, der Unglücksrabe“ (1969). Seitdem brachte er fast jedes Jahr einen Film heraus.

  • Häufig trat Allen

    selbst in seinen Filmen auf. Er gewann vier Oscars und zahlreiche andere Preise. Außerdem ist Woody Allen auch Jazz-Klarinettist. Mit seiner Band „Eddy Davis New Orleans Jazz Band“ geht er auch auf Tournee.

  • Woody Allen sah

    sich mehrfach Missbrauchsvorwürfen ausgesetzt. Der 82-Jährige ist zum dritten Mal verheiratet, seit 1997 mit Soon-Yi Previn. Sie ist eine Adoptivtochter der Schauspielerin Mia Farrow, mit der Allen von 1980 bis 1992 liiert war. (dpa)

Weil er als Bademeister die Tage auf einer Art Hochsitz verbringt, meint er, den Überblick behalten zu können, obwohl er selbst, wie alle anderen, in das fatale Geschehen verstrickt ist, ja es gewissermaßen sogar auslöst. Der sehr viel jüngere Mann beginnt eine Liebelei und will nicht begreifen, dass es für Ginny etwas anderes ist: eine große Liebe als letzte Chance, als Ausweg. Als dann die sehr viel jüngere, „unschuldige“ Carolina ins Spiel kommt, kann das Unheil seinen Lauf nehmen. Man hat dem 82-jährigen Woody Allen vorgeworfen, dass sein „Wonder Wheel“ doch sehr routiniert sei; eine Bastelarbeit aus lauter Versatzstücken, die man so oder so ähnlich von ihm schon kennt. Das stimmt zum Teil und anfangs, aber eben nicht mehr, wenn aus der einstigen Liebe und Loyalität im Moment des Verrats eine tödliche Mixtur wird.

Mickey ist noch jung genug, um sein endgültiges Scheitern für etwas Vorübergehendes zu halten. Foto: Warner Bros Pictures/dpa

Woody Allen schafft es, dass seine Schauspieler die Schamgrenzen souverän hinter sich lassen: Jim Belushi war noch nie so alt und fett und verloren wie hier; Justin Timberlake noch nie so sehr der eitle Geck, dessen Jugend auch schon zu bröckeln beginnt. Vor allem aber glänzt Kate Winslet im Metier der alternden, sehnsüchtigen Frau, die der Verlust der Liebe, an die sie so verzweifelt glaubte, rachsüchtig und explosiv macht. Woody Allen geht gnadenlos mit Kate Winslet um; und sie spielt das Spiel offenbar bereitwillig mit. Der Kameramann Vittorio Storaro, der schon so viele große Filme („Apocalypse Now“) ins rechte Licht setzte, nähert sich Ginnys Gesicht unbarmherzig: Da ist nur noch mürbe, „unreine“ Wüste; und er zeigt auch, wie schwer, in jeder Hinsicht, der Körper einer Frau werden kann; was eben noch üppiger Reiz war, ist plötzlich nur noch ein müder, formloser Rest.

Sie ist einem Zustand des permanenten Zerfalls.“

Schauspielerin Kate Winslet

Ist Woody Allen ein Aufklärer? Sagt er uns einfach die Wahrheit, auch wenn wir sie kaum ertragen können? Jedenfalls zerstört er alle Illusionen, von denen doch schon Nietzsche wusste, dass ohne sie das Leben nicht möglich ist. Wie seine Vorbilder – die großen Komödianten, Bergman, Hitchcock – ist Woody Allen zutiefst konservativ und skeptisch. Nur dass er sich eben nicht damit abfinden kann, dass alles so sein muss, wie es ist. Deshalb schaut er nicht gelassen auf die Realität, sondern mit einem Blick, der immer böser wird.

Weitere Kulturmeldungen finden Sie hier.

Die Kommentarfunktion steht exklusiv unseren Abonnenten zur Verfügung. Als Abonnent melden Sie sich bitte an oder registrieren Sie sich. Alle anderen Nutzer finden preiswerte Angebote in unserem Aboshop.

Anmelden Registrieren Zum Abo-Shop

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht