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Bücher

Die Literatur verklärt die Welt

Martin Walser und Sohn Jakob Augstein tauschen sich in ihrem Buch „Das Leben wörtlich“ über die Welt, Gott und Literatur aus.
Von Harald Raab

Martin Walser zieht eine Lebens- und Literaturbilanz. Foto: Felix Kästle/dpa
Martin Walser zieht eine Lebens- und Literaturbilanz. Foto: Felix Kästle/dpa

Regensburg. Regensburg. Goethe hatte seinen Johann Peter Eckermann, Martin Walser hat seinen Jakob Augstein, um letzte Dinge zu besprechen. Ein Blick zurück mit und ohne Zorn. Eine Lebens- und Literaturbilanz, erfahrungsgesättigt, eine Brücke zwischen den Generationen: Das ist das Gesprächsbuch der beiden hat den Titel: „Das Leben wörtlich“.

Dazu trafen sich Vater Martin Walser, 90 Jahre alt, und Sohn Jakob Augstein, 50 Jahre jung, ein Jahr lang. Der deutsche Großschriftsteller und der umtriebige Journalist, Chefredakteur des „Freitag“, einer Wochenzeitung „für mutigen und unabhängigen Journalismus“ (Eigenwerbung). Zwei ruhmträchtige Namen, auch eine Familiengeschichte mit krausen Verwicklungen. Jakob, als Sohn des Spiegel-Imperators Rudolf Augstein aufgewachsen, bekam erst mit 40 Jahren definitiv die Gewissheit, dass Martin Walser sein Erzeuger ist.

Gegenseitig Gericht halten

Was sonst Väter und Söhne versäumen, sich zu befragen und zuzuhören, Walser und Augstein tun es: mal geduldig, mal ungeduldig, mal klug, mal rechthaberisch, etwas klatschsüchtig und auch ein wenig weise. Gerichtstag halten. Mal sitzt der eine auf dem Richterstuhl, mal der andere. Was wurde versäumt, was ist gelungen? Schwierige Freundschaften und Feindschaften, nicht minder problembeladene Liebe zwischen Mann und Frau, die Rolle des Schriftstellers und die vereinnahmende Politik, Seelenangst und Existenzsorgen, Geld und Verlustängste, Jugend und Alter, Literaturbetrieb und Religion, Philosophie und das alte Kinderkram-Grundübel der eitlen Intellektuellen, die immer recht haben müssen.

Wer Walsers Romane kennt plus seine veröffentlichten Tagebücher, sollte auch dem Autor gründlich nahe sein. Denn in allem, was er schreibt, steckt er mitten drin. Seine Figuren, ihre Nöte, ihr Strampeln um ein bisschen Anerkennung, Liebe gar, das ist er selbst beziehungsweise das, was er vom Leben erfahren hat. Einer wie Walser schreibt um sein Leben, genauer, um es auszuhalten. Er bekennt seinem Sohn: „Die Wirklichkeit als geschriebene verliert ihre Furchtbarkeit.“ Literatur sei dazu da, um die Welt zu „verklären“. Sie müsse verklärt werden, weil sie, „so wie sie besteht, schwer erträglich“ ist. „Verzweiflung in Sprache ist eben schön.“ Und: „Es gibt kein Glück ohne Unglück.“

Religion ist ein zentraler Punkt

Auch das ist Walser immer wichtig: „Ich schreibe, weil mir etwas fehlt.“ Und er bekennt: „Gott ist das, was einem fehlt.“ Religion ist ein zentraler Punkt in dem Gespräch, wie ja auch in Walsers letzten Büchern, sei es „Ein sterbender Mann“ oder „Statt etwas oder Der letzte Rank“. Religion und Literatur sind ihm „Sehnsucht nach dem Schönen“, eine Reaktion auf Verlassenheitserfahrung. „Beinahe alles, was schön ist in unserer Denkgeschichte, in unserer Gefühlsgeschichte, ist von der Religion geprägt.“ Walsers Gott ist weniger der wohlfeile Kirchengott, sondern der Gott im Sinn des Theologen Karl Barth: „Religion ist Unglauben.“ Gott ist der Fehlende. „Gegen Gott ist, wer ohne ihn ist und ihn nicht vermisst.“ Und auch das noch: „Religion ist Literatur.“

Als unerbittlicher Befrager tritt Jakob Augstein auf, wenn es um die NS-Zeit geht, auch um die strittige Paulskirchenrede seines Vaters 1998 und natürlich um den allmächtigen Kritikerpapst Marcel Reich-Ranicki und Walsers Buch „Tod eines Kritikers“ (2002).

Es ist ja für die Nachgeborenen nur sehr schwer zu verstehen, dass der junge Walser in Wasserburg, wo Idylle und NS-System fast symbiotisch zu erleben waren, von Auschwitz und der Judenvernichtung nichts gewusst habe. Ja, Dachau, kannte man, als Schreckensort, mit dem gedroht wurde, wenn man nicht spurte. Mitgemacht hat auch seine Mutter. Um die Nazi-Veranstaltungen in ihre Bahnhofswirtschaft zu bekommen, wurde sie Parteimitglied.

Jakob Augstein Foto: Karl-Heinz Schindler/dpa
Jakob Augstein Foto: Karl-Heinz Schindler/dpa

Noch immer schwingt die Verletzung, ja Empörung nach, dass man ihn zu den „geistigen Brandstiftern“ (Ignatz Bubis) nach seiner Dankesrede in der Paulskirche gezählt hat. „Instrumentierung von Auschwitz“ habe sich nicht gegen Juden in der Entschädigungsdebatte gerichtet, sondern gegen Leute wie Günter Grass und Walter Jens, die die deutsche Teilung als gerechte Strafe für Auschwitz erklärt hatten. „Das war die eigentliche Instrumentalisierung.“ Heute würde er diese Rede nicht mehr halten. Es sei ein Fehler gewesen, Auschwitz zum essayistischen Thema gemacht zu haben. Er habe über das Gewissen reden wollen, das nicht delegierbar sei. „Auschwitz war ein nationales Verbrechen und kann nur national verantwortet werden.“ Walser bekennet, zu den Tätern zu gehören, ohne freilich selbst Täter gewesen zu sein.

Die Autoren

  • Martin Walser,

    1927 in Wasserburg geboren, lebt in Überlingen. Für sein literarisches Werk erhielt er viele Preise, darunter 1981 den Georg-Büchner-Preis und 1998 den Friedenspreis des deutschen Buchhandels.

  • Jakob Augstein,

    geboren 1967 in Hamburg, hat als Journalist unter anderem für die Süddeutsche Zeitung und die Zeit geschrieben. Heute ist er Kolumnist für Spiegel Online und Chefredakteur und Verleger des Freitag.

Walser ein Antisemit, weil er Marcel Reich-Ranicki zur Romanfigur gemacht und ihm in der Wahrnehmung vieler den Tod an den Hals gewünscht haben soll? „Ich finde alle meine Romanfiguren sympathisch“, beteuert der damals heftig befehdete Autor. Auch die Gestalt des André Erl-König, für die Reich-Ranicki die Vorlage geliefert hat. „Dieses Buch war meine Reaktion auf den Kritiker Reich-Ranicki, der der mächtigste Kritiker in Deutschland war, als Deutscher, nicht als Jude.“

Walser und die Frauen: Der strahlende Naturbursche, später mit dem unverzichtbaren Abenteurer-Hut, noch dazu ein Literaturstar, da wurde so manche Dame schwach. Was er als Edelmacho in seinem Tagebuch in den fünfziger Jahren über Frauen geschrieben hat, sollte besser nicht Kampffeministinnen unter die Finger kommen. Seine Liebeserklärung an seine Frau Käthe heute aber ist von rührender Poesie, ohne die Liebe nur ein Sexakt sei: „Unser Verhältnis ist gewachsen wie ein Baum, der manchmal zu verdorren drohte, dann wieder mit Blättern und Blüten prangte, ein Baum, den es nur durch uns gibt, unser Lebensbaum.“

Ja, das Leben ist beim Wort zu nehmen. Vater Walser und Sohn Augstein haben in Worten festgehalten das Vergangene, das immer mehr und anders ist als Gegenwart. Mehr Söhne und natürlich auch Töchter sollten mit ihren Vätern und Müttern so ein Gespräch führen. „Das Leben wörtlich“ ist eine wunderbare Vorlage dafür.

Was Martin Walser mit Regensburg und dem Buchhändler Fred Strohmaier verbindet, lesen Sie hier.

„Das Leben wörtlich – ein Gespräch“ von Vater Martin Walser und Sohn Jakob Augstein ist im Rowohlt-Verlag erschienen, bietet Lesestoff über 352 Seiten und kostet 19,95 Euro.

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