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Ausstellung

Die Macht der Bilder betrifft uns alle

„Überall und Nirgendwo“: Die Städtische Galerie Regensburg fächert eine faszinierende Bandbreite aktueller Fotografie auf.
Von Gabriele Mayer, MZ

Jahrelang fotografierte Dieter Leistner Menschen an Bushaltestellen. Seine skurrilen Bilder sind jetzt in Regensburg zu sehen. Foto: Dieter Leistner
Jahrelang fotografierte Dieter Leistner Menschen an Bushaltestellen. Seine skurrilen Bilder sind jetzt in Regensburg zu sehen. Foto: Dieter Leistner

Regensburg. Noch nie gab es so viel Fotografie wie heute, und doch ist sie als Phänomen schwer fassbar. Und welche Reichweite und Bedeutung hat die Fotografie als Kunst? Die große Ausstellung im Rahmen des 1. „Festivals Fotografischer Bilder“ in Regensburg wurde von dem Essener Künstler Andy Scholz kuratiert. Anhand von 20 Positionen fächert sie die aktuelle Bandbreite auf. Die Bilder und Installationen sind von besonderem ästhetischem Reiz, stellen zugleich Reflexionen über das Medium Fotografie heute dar und nehmen als fotodokumentarische Projekte die Welt in den Blick.

Matthias Klos hat Wiener Stadträume fotografiert. Es geht ihm um Abbilder des öffentlichen Raums, darum, wie diese Abbilder öffentlich zirkulieren und sich im öffentlichen Bewusstsein halten lassen. Sein Verfahren: Aus seinen eindrucksvollen Aufnahmen machte er ein Fotobuch und gab jeweils ein Exemplar an die Bibliotheken Wiens, kostenlos; dort wird das Buch in Zukunft im Regal stehen.

In der Regensburger Ausstellung liegen nun zum einen in Schaukästen Klos’ Farbfotos von einigen dieser Bibliotheksräume auf, und dahinter an der Wand sieht man einige der Bilder aus seinem Fotobuch, nicht als Papierabzüge, sondern als flüchtige Licht-Projektionen. Mit diesem Arrangement inszeniert Klos sinnfällig einen Diskurs zu seinem Wiener Projekt, das übrigens Langzeitwirkung hat, denn die Fotos im Buch werden im Lauf der Zeit mit den sich verändernden Stadtraum-Erfahrungen der Betrachter neue Bedeutung gewinnen.

Die Welt in ironischer Brechung

Die schmutziggrauen Fotos von Christian Blau aus Hamburg, auf denen sich verschwommen einige in den Öffentlichkeitsmedien kursierende Bilder und Texte überlagern, wirken wie grob gemalt. Nach wie vor brechen sich ja Fotografie und die sonstige Bildende Kunst in- und aneinander bei ihrem Wettlauf um die Darstellungs-Vorherrschaft. Die wechselseitigen Zitierungen enden bei Blau, hoffentlich ironischerweise, in der Camouflage.

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Dokumentierende Fotografie, die sich selbst übertrifft, ist von Nils Klinger (Kassel) zu sehen: Ganze Stadtteile werden heute abgerissen. Klingers Nahaufnahmen zeigen staubbedeckte Pflanzen zwischen Schutt und Stein als befremdend utopische Farb-, Form- und Struktur-Konglomerate. Letztlich geht es auch hier um eine Neujustierung von Wahrnehmung und also von Bedeutung, um die ästhetische Brechung der herrschenden Bild- und also auch Weltzugänge.

Wie kann man fotografisch erfahrbar machen, in welcher Welt ein depressiver Mensch lebt? Aus dem Foto-Projekt von Nora Klein (Erfurt) wurde ein exzellenter Bildband. Die Ausstellung zeigt einige großformatige Abzüge. Verschleiert wirkt ein Foto, oder ist der Schleier echt? Oder zeigt sich im dunkelsten Dunkel ein graues Segment? Die Fotos wirken diskret, durchdacht und ästhetisch prononciert. Sie lassen die Klischeebilder zum Thema Depression hinter sich und machen klar, welche Schablonen uns üblicherweise vorgesetzt werden.

Bis 14. Januar zu sehen

  • Kurator:

    Kurator der Ausstellung „Überall und Nirgendwo“ ist der Essener Künstler Andy Scholz, Lehrbeauftragter am Institut für Kunsterziehung der Uni Regensburg.

  • Ausstellung:

    Die Ausstellung ist Teil des Regensburger „Festivals Fotografischer Bilder“. Die Schau ist bis 14. Januar in der Städtischen Galerie Regensburg zu sehen: immer Dienstag bis Sonntag, 10 bis 16 Uhr. Fotos und weitere Informationen zu allen beteiligten Künstlern: www.festival-fotografischer-bilder.de

Traumatisierte Jugendliche mit Lernbehinderungen: Mit ihnen hat Heiko Tiemann aus Düsseldorf gearbeitet, und er hat sie fotografiert. Feinste, berührende Inszenierungen sind herausgekommen. Porträts, bei denen einerseits ein Individuum hervortritt, aber dieser eine Mensch wirkt zugleich geheimnisvoll. Eine zurückhaltende, sehr ausdrucksstarke Fotoserie. Das dennoch schwer zu lösende Problem, das eines eigenen Symposiums wert wäre und das sich bei jeder Fotografie über verletzte, versehrte, ausgegrenzte Personen stellt, auch bei noch so solidarischer Absicht des Fotografen, dieses Problem ist ein Dilemma der Aneignung: Randständigkeit, die keine Aufmerksamkeit erfährt, in den Bereich des öffentlich Sichtbaren hereinzuholen, ist wichtig. Doch Zurschaustellung, das voyeuristische Interesse, das bedient wird, und die Gefahr, dass solch ein Projekt lediglich im Sinn der Idee eines Fotografen ist, dies sind die fatalen Kehrseiten.

Fotografien von Wartenden

Einer der Schauräume gehört hauptsächlich den Fotos von Prof. Dieter Leistner und seiner Klasse an der Fachhochschule Würzburg. Jahrelang fotografierte Leistner Leute an Bushaltestellen. Seine Bilder einer conditio humana aus der Haltung des Wartens sind Skurrilitäten. Und die gelungenen Beispiele unterschiedlicher fotografischer Bildsprachen und Genres bei den Studierenden weisen auf die derzeitig geltenden Standards hin.

Lesen Sie mehr zum Festival fotografischer Bilder: „Fotos als verführerische Realitätsbilder“

Die Ausstellung hat kein eigenes Thema, sie schließt als Überblicksschau an Regensburgs Vorhaben an, sich als Stadt der Fotografie zu positionieren, und greift beispielgebend einige eindrucksvolle Positionen aus der Vielfalt der Gegenwartsfotografie heraus. Erfreulich, dass auch ohne verbindendes Thema die einzelnen Arbeiten zueinander in Beziehung treten.

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